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Zurück in die Zukunft

Utopien in der Architektur: zwischen Wahnsinn und Mittelmaß

Text: Till Briegleb

Wie sollen Menschen leben? Im Bauch großer Stadtkäfer, die über die Erdoberfläche spazieren? In einem Mikado aus Gebäudebalken für eine Million Menschen? In Trichtern, in Blasen, in konzentrischen Kreisen, gestapelten Kapseln oder Hochhausscheiben, die sich in immer gleichen Rastern bis zum Horizont ziehen? Oder vielleicht doch besser in einem Flickenteppich aus Gartenstädten, wo jeder seine eigenen Kartoffeln anbaut? Als Nomaden, die ohne persönlichen Besitz von Zelle zu Zelle um den Globus ziehen? Oder in bizarren Architekturformen mit höhlenartigem Charme als eingeschworene Kommune?

Was Philosophen, Künstler, Architekten und Designer sich seit der Renaissance als ideal für die Menschheit ausgedacht haben, könnte vielfältiger nicht sein. Fast immer verbunden mit einem erzieherischen Gedanken, stehen diese Zukunftsvisionen zwar in der Regel in hartem Kontrast zu ihren historischen Gegebenheiten. Aber je sinnfälliger diese Städte- und Gesellschaftsplaner meinten, dass sie das gute neue Leben nun perfekt entworfen hätten, umso langlebiger waren die Bilder ihrer Ideen – wenn auch meist nur in Form der ewigen Utopie.

Das beginnt bereits im 15. Jahrhundert, wo Universalkünstler wie Leonardo da Vinci oder Albrecht Dürer erste Idealstädte zeichneten, und fand seine erfinderische Hochzeit im 16. Jahrhundert, als einige Philosophen, anknüpfend an Platons „Atlantis“-Idee, Idealreiche beschrieben, etwa Thomas Morus, Francis Bacon oder Tommaso Campanella. Die in dieser Tradition in den kommenden Jahrhunderten entwickelten Vorstellungen einer gerechteren Welt bildeten sich meist in streng geometrischen Stadtfiguren ab, die die neue gesellschaftliche Ordnung in der symbolisch perfekten Großform wiedergeben sollten.

Obwohl in der Geschichte der Stadtgründungen kaum einer dieser perfekten Weltentwürfe jemals konsequent gebaut wurde (und wenn doch, sich als äußerst unperfekt herausstellte), feuert die Vorstellung einer guten Welt aus einer Hand bis heute Planer an, den vermeintlichen Stein der Weisen zu verbauen. Zeitgenössische Architekten wie der Niederländer Rem Koolhaas entwerfen urbanistische Wolkenkuckucksheime für Asien, die in der Form einer abstrakten Skulptur eine ganze Stadt unterbringen. Weniger humorvolle Visionäre wie der Hamburger Architekt Meinhard von Gerkan machen sich dagegen die Skrupellosigkeit diktatorischer Regime wie in China zunutze, um dort die Renaissance-Idee einer konzentrischen Stadt rund um einen kreisrunden See zu entwerfen. Von Gerkans chinesische Sonnenstadt Nanhui New City steht mittlerweile halb fertig gebaut als typisch zugige Geisterstadt am Rande von Shanghai herum, denn tatsächlich will auch in China niemand in Idealstädten vom Reißbrett wohnen.

Diese beiden Beispiele sind durchaus exemplarisch für zwei Trends in der Geschichte gebauter Zukunftsvisionen. Da findet sich auf der einen Seite die Kirche der euphorischen Romantiker, deren Heiland Jules Vernes ist. Der französische Abenteuerschriftsteller für unglaubliche Reisen hat mit seiner technischen Fantasie und seiner kindlichen Fortschrittsbegeisterung den Tatendrang all jener entfesselt, die sich mit praktischen Grenzen nicht abgeben wollen. Vor allem in eher ausgeflippten Zeiten wie den Sechzigern findet sich der utopische Überschwang im Geiste Jules Vernes, mit dem etwa die britische Architektengruppe Archigram 1964 „Walking Cities“ entworfen hat.

Dieser Glaubensgemeinschaft der Fantastischen stehen die kalten Pragmatiker der modernen Vernunft gegenüber, deren Säulenheiliger Le Corbusier ist. Der Schweizer Architekt, der als Baumeister zu den originellsten der modernen Zunft gehörte, hat mit seinen Stadtplanungsideen der Tabula rasa leider den ganzen Schrecken der Trabantenstädte und Plattenbausiedlungen rund um den Globus gedanklich vorbereitet.

Sein berühmter Plan Voisin für Paris, der 1925 vorsah, das historische Zentrum der französischen Hauptstadt zu planieren und durch 18 kreuzförmige Hochhäuser zu ersetzen, stand zwar durchaus in der Tradition eines humanistischen Glaubens an das Bessere. Aber wie bei so vielen seiner visionären Vorgänger und Nachfolger mit übersteigertem Ego wurde die Kur schnell zur Krankheit. Der moderne Städtebau hat die lebenswerte Stadt bis heute vor allem zerstört, ohne je selbst eine lebendige Alternative für das Zusammenleben zu entwickeln.

Als Antwort auf solche schematischen Vorstellungen monotoner Ballungszentren, in denen alle Menschen angeblich gleich und deswegen gleich glücklich sind, haben sich alternative Gruppen und Einzelgänger immer wieder ihren privaten Lebenskosmos ausgestaltet – und damit eine eigene Zukunftsvision vom besseren Leben behauptet. Die immer wieder aufkommenden Gartenstadtideen, die sowohl die Nazis wie später die ökologische Bewegung faszinierten, gehören ebenso in diese antiurbanen Utopien von individuellem Glück wie die bunten Landfarmen der Hippiekommunen oder die neuen Siedlungen von charismatischen Architekturvisionären, wie etwa Arcosanti in Arizona, eine ebenfalls halb fertig gebliebene Kunststadt des 2013 verstorbenen italienischen Baumeisters Paolo Soleri.

Leider neigen die meisten dieser Überzeugungen, wie ein anständiges Menschenleben gestaltet und räumlich geordnet werden müsse, zum Dogmatismus. Was man in der bald hundertjährigen Geschichte der Architekturmoderne erleben konnte, nämlich dass eine fortschrittliche Idee sich zu einer Ideologie verfestigt, die immer gleiche Antworten auf ganz unterschiedliche Fragen gibt, lauert als Gefahr in jeder Zukunftsvision. Utopien haben immer etwas Rechthaberisches.

Stellt man die verschiedenen bizarren Entwürfe des zweiten Jahrtausends aber nebeneinander, dann ist das Resultat ein abwechslungsreiches Füllhorn schöner Ideen. In der zunehmenden ästhetischen Angleichung der Städte, die mit den billigen, seriellen Großbauten der Investorenarchitektur heute ihre Seele verkaufen, wären ein paar Schluck Inspiration aus dem Becher der Visionsgeschichte ein Segen. Denn nur in der Kombination vieler Ideen und Bilder entsteht jene Lebenswelt, in der Menschen sich am wohlsten fühlen: eine der Abwechslung und der Vielfalt. Und diese komplexe Zukunftsvision ist dann vielleicht auch wirklich ideal für alle.

 


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