Unterwegs

Wo bleibt die Straßenbahn?

Johannes Bouchain, der für das Netzwerk Nexthamburg arbeitet, plädiert für ein Verkehrs­mittel, das nie wieder eine echte Chance in Hamburg bekam. Der Stadtplaner über die Grenzen der Verkehrsplanung, die Vorteile einer Straßenbahn und das Rezept für eine ideale Stadt.

Interview: Andrea Fonk
Illustration: Andreas Homann

 

ACHT: Was kann ich mir unter Nexthamburg vorstellen?
Johannes Bouchain: Nexthamburg ist eine offene Bürgerbeteiligungsplattform im Internet – die aber auch Veranstaltungen vor Ort realisiert. Es geht darum, dass jeder Bürger Ideen für die Entwicklung der Stadt einreichen kann. Bei normalen Planungsprozessen wird er ja oft viel zu spät dazugezogen. Wir sagen: Lass doch die Bürger gleich von Anfang an zu Wort kommen und sie fragen, was sie für Projektideen haben. Genau das passiert hier, also eine Art „Bürger-Think-Tank“.

Seit wann gibt es diese Plattform?
Die Idee stammt von Julian Petrin. Ende der Neunziger-Jahre wurde Urbanista gegründet, ein Kommunikationsbüro für Stadtplanungsprojekte. Daraus entstand dann die Idee, eine ganz offene Plattform zu schaffen. Gegründet wurde Nexthamburg dann 2009. Inzwischen haben wir angefangen, unsere Erfahrungen in andere Städte zu exportieren, zum Beispiel wenn Kommunen Projekte ausschreiben, in denen eine Beteiligung der Bürger vorgesehen ist. In Bremen sollte auf diese Weise der neue Verkehrsentwicklungsplan ausgearbeitet werden. Da war das Nexthamburg-Modell fast schon zu erfolgreich. (lacht) Innerhalb von zwei bis drei Monaten wurden gut 4.000 Beiträge und 8.000 Kommentare eingereicht.

Arbeiten hier ausschließlich Stadtplaner?
Viele, aber auch Soziologen, Architekten, Journalisten und Kulturwissenschaftler. Ich selbst habe an der TU Harburg und an der HafenCity Universität Stadtplanung studiert. Im Laufe des Studiums bin ich aufs Webdesign gestoßen und arbeite seitdem auch als freier Mitarbeiter bei Urbanista. Besonders beschäftigen mich allerdings die Themen Verkehr und Mobilität. Meine Bachelor-Arbeit habe ich über den Nahverkehr im Umland von Großstädten geschrieben und in meiner Diplomarbeit habe ich mich mit dem ja auch in Hamburg vieldiskutierten Thema der Straßenbahnen beschäftigt.

Was wäre denn Ihre allererste Maßnahme, wenn Sie für Hamburgs Verkehrsplanung zuständig wären?
Ich würde den 5er-Bus in eine Straßenbahnlinie umwandeln.

Worin lägen die Vorteile?
Vor allem kann eine Straßenbahn viel mehr Menschen transportieren, da sie sehr lang sein darf – bis zu 75 Meter. Die Busse sind meist völlig überfüllt. Außerdem steigen viele Pendler nur ungern vom Auto in ein öffentliches Verkehrsmittel um, wenn auf ihren Verbindungen nur Busse verkehren. Das ist dann wie von einem kleinen in ein großes Auto zu wechseln. Bei Straßenbahnen hat man eher das Gefühl, in einen Zug zu steigen und die Bereitschaft dazu ist viel höher.

Warum sind die Versuche, die Straßenbahnen wieder in Hamburg einzuführen, dann bisher gescheitert?
Ein wichtiger Grund ist, dass die Autofahrer befürchteten, dass ihnen Platz weggenommen werden würde, dass deshalb mehr Staus entstünden und Parkplätze verschwänden. Daraufhin muss man sagen: Da die Straßenbahnen mehr Menschen transportieren können, würden die Straßen ja gleichzeitig entlastet.

Warum gehen die Leute dann nicht auf die Straße und fordern eine Straßenbahn?
Es gibt ja auch Argumente dagegen. Natürlich ist es so, dass eine Bahn nicht geräuschlos durch die Straßen fährt, sondern ein bisschen rumpelt und quietscht. Viele Ältere, die noch die Straßenbahn kennen, die bis Ende der Siebziger hier fuhr, haben allerdings noch dieses völlig veraltete Bild vor Augen: ein Bimmelbähnchen, das nach dem Krieg durch die Straßen tuckerte, statt eines modernen Verkehrsmittels. Radfahrer haben Angst, in die Schienen zu geraten. Dann gibt es immer wieder die Argumentation: Dann lasst uns doch lieber gleich eine U-Bahn bauen. Das wiederum ist ex­trem teuer.

Im Moment gehört die Stadt also den Autofahrern?
Beim Thema Mobilität ist mir wichtig, dass man den Autoverkehr nicht ausräumt, aber ihm ein wenig die Dominanz nimmt und die Stadt auch den Radfahrern und Fußgängern zurückgibt.

Ist Hamburg da nicht schon sehr weit? Es gibt Radwege, ein Busbeschleunigungsprogramm
Die Qualität der Radwege ist leider oft sehr schlecht. Trotzdem merkt man beim Fahrrad an vielen Stellen, dass die Verantwortlichen sich wirklich bemühen. Das eigentliche Problem ist jedoch der öffentliche Nahverkehr. Nicht qualitativ – da ist er gut – sondern der Dichte des Schienennetzes. Viele Stadtteile sind sehr schlecht angebunden. Da ist es dann auch weitgehend nachvollziehbar, dass viele Menschen das Auto nutzen, wenn sie mal schnell ins Zentrum möchten…

Um welche Stadtteile geht es in erster Linie?
Das sind hauptsächlich die Stadtteile, die in den Siebziger-Jahren eine U-Bahn kriegen sollten. Dafür reichte das Geld aber nicht: Steilshoop ist ziemlich abgehängt, Bramfeld fast noch stärker. Dann der Bereich Osdorf, Lurup, aber auch Jenfeld und der nördliche Teil von Billstedt und Horn. Rahlstedt hat auch Bereiche, die nicht richtig angebunden sind. In Wilhelmsburg führt die S-Bahn-Strecke zwar mitten durch den Stadtteil, aber an den dicht besiedelten Gebieten im Osten und Westen vorbei…

Wie könnte man die Situation in diesen Vierteln kurzfristig verbessern?
Ich denke kurzfristig kann man tatsächlich nur an der Qualität der Busverbindungen etwas ändern. Mit dem Busbeschleunigungsprogramm wird das ja gerade versucht, aber es fließt viel Geld rein und der Effekt ist zweifelhaft. Man kann auch losgelöst von der Verkehrsplanung daran gehen, die Angebote vor Ort zu verbessern, damit die Leute nicht so stark darauf angewiesen sind, für bestimmte Besorgungen ihren Stadtteil zu verlassen. Aber daran, den Menschen in allen Stadtteilen gute, hochwertige Mobilitätsangebote als Alternative zum Auto zur Verfügung zu stellen, führt kein Weg vorbei. Das können aber auch kleinere Maßnahmen sein wie einzelne Verbesserungen der Fahrradinfrastruktur.

Wie sieht eine Stadt idealerweise aus?
Sie muss den Menschen die Möglichkeit geben, das zu machen, was sie machen möchten: Arbeiten, Wohnen, Einkaufen, Kultur und Erholung. Es gibt kein allgemeingültiges Idealbild, aber aus meiner Perspektive funktioniert es dann, wenn die einzelnen Elemente, die eine Stadt ausmachen, so weit wie möglich gemischt sind. In den Nachkriegsjahren hat man ein umgekehrtes Konzept verfolgt und die Bereiche voneinander getrennt – so entstanden der Bürostandort City Nord und Großwohnsiedlungen wie Steilshoop, Mümmelmannsberg, Kirchdorf Süd oder Osdorfer Born. Erfolgreicher ist meiner Meinung nach eine gezielte Kleinteiligkeit, die dafür sorgt, dass die Menschen zwischen ihren Lebensbereichen keine großen Hürden oder lange Wege zu bewältigen haben. Das führt natürlich auch zu Konflikten, denn nicht alle Nutzungen, die es in der Stadt gibt, vertragen sich uneingeschränkt. Hier ist die Kreativität der Menschen gefragt, die sie weiterentwickeln: Innovative Lösungen werden benötigt, um ein Nebeneinander z.B. von Wohnen und Arbeiten zu ermöglichen und die Konflikte, die dabei entstehen, weitestgehend zu beseitigen.

 

NEXTHAMBURG
ist Hamburgs unabhängiges und offenes Zukunftslabor für die Stadt von morgen. Nexthamburg entwickelt unter Mitwirkung der Öffentlichkeit Visionen, Strategien und konkrete Ideen für die zukünftige Stadtentwicklung und stellt diese öffentlich zur Diskussion, um damit Impulse für Hamburgs Stadtentwicklung zu geben.
www.nexthamburg.de

Schreiben Sie einen Kommentar