Schöne Aussichten

„Wir sind nur blind!“

Christian Ohrens ist von Geburt an blind, bereist gerne die Welt und dreht dabei Filme. Im Gespräch mit Acht erzählt er von seinen Leidenschaften.

Interview: Dagmar Ellen Fischer
Foto: Lia Darjes

 

Christian Ohrens mag das großstädtische Leben, nach dem Schulabschluss in Marburg lockte Hamburg. Seit zehn Jahren lebt der junge Mann nun in der Hansestadt, geht gerne auf den Fischmarkt oder auf dem Kiez tanzen. Bewusst entschied er sich für einen Teilzeitjob, damit genug Zeit bleibt für seine Leidenschaften: die Arbeit als DJ, das Schreiben in unterschiedlichen Formaten, das Reisen sowie seine Vorliebe, Fotos und Filme zu machen.

ACHT: Auf Ihrer Website stieß ich auf eine interessante Gegenüberstellung: Wenn ein Sehender einen Blinden fragt, ob er ihm helfen könne, dieser jedoch unwirsch Hilfe ablehnt, leitet der Sehende daraus ab, alle Blinden sind mürrisch und wollen sich gar nicht helfen lassen – und fragt vielleicht nie wieder. Umgekehrt würde ein Blinder, der einen Sehenden anspricht und eine barsche Antwort erhält, niemals auf die Idee kommen, alle Sehenden sind unfreundlich, sondern den Schluss ziehen, bei diesem Menschen einen unpassenden Moment erwischt zu haben – und fragt einfach jemand anderen …

Christian Ohrens: Es gibt sie nicht, die Blinden. Ich wehre mich gegen Klischees. Zum Beispiel gegen das Vorurteil, dass alle Blinden musikalisch sind. Wenn das so wäre, müssten alle Blinden großartige Musiker sein – und alle Sehenden tolle Maler. Und ich kritisiere die klischeehafte Darstellung von blinden Menschen in den Medien.

Ist es denn ein Klischee, dass Blinde ihre anderen Sinne weiter kultiviert haben?
Das ist schön ausgedrückt. Viele Menschen denken, bei Blinden funktionieren die anderen Sinne besser. Aber sie funktionieren nicht besser, nur genauer. Uns bleibt ja auch nichts anderes übrig. Wenn das Auge dominiert, aber nicht da ist, können sich die anderen Sinne weiterentwickeln. Oder: Wenn die Eltern nicht da sind, tanzen die Kinder auf den Tischen, denn der dominierende Teil fehlt. Ich kann die anderen Sinne schärfen. Aber ich glaube, auch ein sehender Dirigent muss feinste Nuancen eines Orchesters heraushören. Sicher, es ist sein Beruf, aber an dem Beruf merkt man, dass genaues Hinhören nichts mit Blindheit zu tun hat.

Und wenn Sie als DJ arbeiten, hat auch das nichts mit Ihrer Blindheit zu tun?
Musik war schon als Kind und Jugendlicher ein wichtiges Medium für mich. Ich nutze die Blindheit nicht als Marketingstrategie – auch wenn mir viele sagen, dass ich das tun sollte. Man soll mich als DJ buchen, weil man die Dienstleistung haben will, und nicht, weil man ein Event braucht. Sollte ich irgendwann einmal selber Musik machen, dann würde ich biografische Daten vermeiden und mir ein Pseudonym ausdenken.

Im vergangenen Jahr haben Sie einen Drei-Städte-Trip gemacht: Kopenhagen, Oslo, Stockholm. Allein, ohne Begleitung, so wie Sie immer reisen …
Ja, ich besuche gern Hauptstädte. Zuerst mache ich eine Stadtführung, da erfährt man, was sich noch zu besuchen lohnt. Ich informiere mich vorab über eine Stadt, buche den Flug oder die Zugfahrt, manchmal auch ein Zimmer in einer Jugendherberge, aber den Ablauf plane ich vor Ort. In Skandinavien geht man mit Behinderung viel lockerer um. Vor einem Museumseingang in Deutschland spürt man diese Hilflosigkeit; in Kopenhagen sagte nur jemand zu mir: „Du bist allein bis hierhin gekommen und willst jetzt ins Museum, okay, du wirst schon wissen, was du tust.“ Das habe ich sehr genossen.

Die Menschen dort haben vermutlich auf den blinden Fotografen auch entspannter reagiert als hierzulande?
In Oslo sagte jemand, einen blinden Fotografen habe er zwar noch nie gesehen, aber er glaube, dass ich ein gutes Motiv erwischt hätte, mit der Statue. Dazu sollte man wissen: Ich mache nie nur eine Aufnahme von einer Sache, sondern immer mindestens sechs Bilder: zwei zentriert, zwei mehr links, zwei mehr rechts. Eine Statue muss ich ja zunächst einmal anfassen, und dann will ich auch das Drumherum aufnehmen. In Deutschland dagegen habe ich das Gefühl, ich muss das, was ich mache, viel mehr verteidigen. Es gibt zwei Arten von Warum: Das eine Warum ist eine Frage aus Interesse; das andere Warum fragt eigentlich, wozu brauchst du das? Die Leute hier sind so behütend, die wollen einem gleich die Kamera aus der Hand nehmen. Einmal stand ich in der Speicherstadt, da kamen gleich fünf Leute und fragten: Brauchen Sie Hilfe? Haben Sie sich verlaufen? Was wollen Sie mit der Kamera?

Auf welche Weise erfahren Sie etwas über Ihre Fotos und Ihre Filme, wie können Sie das Ergebnis bewerten?
Durch Freunde, die bekommen sie als Erste zu sehen. Auch die Filme drehe ich ja meist als 180°- oder 360°-Schwenk. Sehende sind punktzentriert, da ist meist ein Ding, das sie fasziniert – der Hingucker! Für uns gibt es nicht nur das Gebäude, vor dem wir stehen, sondern auch die Atmosphäre davor, ist ein Platz eng oder weit, sind dort Treppen, hat die Straße Kopfsteinpflaster … Das interessanteste Feedback kam von einer ehemaligen Kommilitonin, die auch filmt: Durch diese Videos weiß sie, wie ich als Blinder meine Umgebung wahrnehme. Mich interessiert die Atmosphäre als Gesamtheit. Wenn man das verstanden hat, dann versteht man auch, warum ich Filme mache: Nicht um die visuelle Faszination eines Gegenstandes, sondern um die Gesamtheit des Ortes geht es. Und da es langweilig ist, nur Tonaufnahmen mit Geräuschen zu machen, also mit Video.

Waren Sie jemals ängstlich?
Oh ja, als ich acht oder neun Jahre alt war und mich in Hannover auf dem Weg vom Internat zum Supermarkt verlaufen hatte, da wurde ich wirklich ängstlich. Abgelegt habe ich das in Marburg, dort waren die WGs über das gesamte Stadtgebiet verteilt, so war man gezwungen, sich ständig allein zu bewegen.

Manchmal hat Ihr Mut auch etwas Trotziges …
Das kann schon sein. Es gehört Mut dazu, zu sagen: Ich gehe einen anderen Weg, ich trotze den üblichen Gepflogenheiten. Warum muss ich mir immer wieder von Sehenden sagen lassen, was ich als Blinder kann und was nicht? Wir sind nur blind!

Welche Ziele reizen Sie in nächster Zeit?
New York. Und Istanbul. Aber auch Belgrad, Sarajewo und Zagreb, das soll wieder eine Drei-Städte-Tour durch Osteuropa werden. Als ich in Prag und Budapest war, habe ich gemerkt, dass man dort gleich einen Stein im Brett hat, weil die Menschen nicht damit rechnen, dass der Blinde, dem sie gerade über die Straße helfen, so weit gereist ist. Ach ja, und einen Fallschirmsprung will ich unbedingt machen!

 

CHRISTIAN OHRENS
wurde 1984 in Wolfsburg geboren. In seiner Heimatstadt besuchte er den Kindergarten, in Hannover eine Grundschule mit Internat und in Marburg das einzige Gymnasium für blinde und sehbehinderte Menschen in Deutschland. Nach dem Abitur studierte er in Hamburg Medien- und Kommunikationswissenschaften. Heute arbeitet er als Telefonberater für die Telekom, Führer im „Dialog im Dunkeln“ und DJ.
www.christian-ohrens.de

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