Glosse Roundabout Gender

Weiblich, männlich, weißnich.

Text: Karola Winkler

 

Es ist ein Gemeinplatz, dass es mit den Geschlechtern heutzutage nicht ganz so eindeutig ist und sich die exakten geschlechtsbedingten Rollenfindungen in einer Krise befinden. Auch in der Sprache ergeben sich daraus gewisse Kalamitäten: Übliche Doppelformen wie die Rede von den „Lesern und Leserinnen“ oder der Gebrauch des Binnen-I à la „LeserInnen“ wenden sich ja nur an zwei Geschlechter, ebenso die behördliche Schreibweise „Leser/innen“, deren Schrägstrich irgendwie eine holprige Intonation erzwingt. Und auch der ausschließliche Gebrauch des Femininums ist wenig hilfreich, weil die Behauptung, in der Form „Leserinnen“ seien alle „Leser“ enthalten, als männerdiskriminierend gedeutet werden kann.

Die Schwierigkeiten gehen aber noch weiter, denn auch dann, wenn Frauen und Männer sprachlich ausgewogen zum Vorschein kämen, hätten wir sowieso noch nicht alle Probleme behoben, weil es in der Realität mehr als zwei unterscheidbare Geschlechter gibt. Ein Faktum, dem das neue Personenstandsgesetz Rechnung trägt. Hier heißt es: „wenn ein Kind weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden kann, die Angabe in das Geburtenregister weggelassen wird“.

Die deutsche Sprache verfügt zwar über ein drittes Genus, so dass Frau, Mann oder wer auch immer das Neutrum gebrauchen könnte. Dadurch wird es aber noch kniffliger. Um hier eine Abhilfe zu leisten, schlugen einige Linguisten vor, dass grundsätzlich der Artikel „das“ vor jedem Substantiv zu verwenden ist – z. B. „das Frau“ oder „das Fahrer“. Doch im Plural „die Frauen“ oder „die Fahrer“ wären wieder nur zwei Geschlechter vertreten … also wieder eine sprachliche Sackgasse.

Eine gangbare Möglichkeit wäre vielleicht die x-Form: Um jeglichen Verweis auf das Geschlecht zu eliminieren, wird als Suffix grundsätzlich x verwendet, dann heißt es nicht mehr „Leser“ oder „Leserin“, sondern „Leserx“ – aber will wirklich es/frau/man immer ge-xt werden? Eine Alternative dazu wäre der Unterstrich, liebe Leser_innen. Doch auch hier stellt sich die Frage, ob jene, die nicht in das männlich-weibliche Muster passen, sich als Leerstelle sehen wollen? Dies ist also ebenso wenig der „König_innenweg“ wie das niedliche Sternchen, liebe Leser*innen, das aber böse Erinnerungen aus der deutschen Vergangenheit heraufbeschwören könnte.

ES herrscht eine heillose Sprachüberforderung. Was richtig und falsch ist, weiß keine/s/r mehr. Wenn es/frau/man bei einem Plausch erzählt: „Ich habe eineN NachbarIn?“ – ist dann auf einen männlichen „Nachbarn“ zu schließen, der um sein Akkusativ-Schwänzchen „n“ beschnitten ist, oder handelt es sich um einen trans­sexuellen Hausgenossen? Und was bedeutet der Satz aus einer Hochschulbroschüre: „AbsolventInnen werden nur halb so häufig arbeitslos wie andere Menschen“? Dass die akademisch geschulten PersonInnen der „heteronormativen Sprachanmaßung“ elitär enthoben sind und das proletenhafte Volk sich uneingeschränkt den maskulinen Formen überlassen soll?

Ja, die Lage ist verdammt verzwickt und die Aussicht auf sprachliche Klärung bleibt mehr als ungewiss. Da kann sich das/die/der Schreibendex bei diesem Durcheinan­derInnen nur noch wacker in den sprachlichen Kampf werfen und neue nicht diskriminierende Formen anfertigen: zum Beispiel statt „Leserx“ „Leser@“ (Lesera) schreiben oder den Unterstrich, aus progressiven Ge_rechtigkeitsgründen, einfach öfter mal locker durchs Wort wandern lassen.

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