Tierisch gut?

Von Tieren und Menschen

Ein Interview mit der Tierärztin und Autorin Christina Hucklenbroich über das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren

Interview: Alessa Pieroth
Fotografie: Bernhard Ludewig

 

Die Deutschen halten 11,5 Millionen Katzen, 6,9 Millionen Hunde und rund 6 Millionen Kleinsäuger. In rund 30 Millionen Haushalten leben Tiere. Noch nie waren den Menschen in Deutschland ihre Haustiere so nah und so wichtig: Sie sind Bezugspersonen, Kinder- und Partnerersatz. Wie sich diese Beziehung gestaltet, welchem historischen Wandel sie unterliegt und was das Geheimnis der innigen Freundschaften zwischen Mensch und Tier ausmacht, auf diese Fragen gibt die Journalistin und Tierärztin Christina Hucklen-broich in ihrem Buch „Das Tier und wir“ überraschende Antworten.

ACHT: Was sagt der Umgang mit Haustieren über unsere Gesellschaft aus?
Christina Hucklenbroich: Dass Tiere eine neue Rolle bekommen können, wenn sich die Gesellschaft ändert, kann man im Moment gut in Ländern beobachten, die sich im wirtschaftlichen Aufschwung befinden und in denen die Mittelschicht wächst, etwa Brasilien oder Kolumbien. Dort absolvieren immer mehr Menschen eine anspruchsvolle Ausbildung, sie leben längere Zeit in Single-Haushalten und gründen später eine Familie. Deshalb kommen in solchen Ländern heute mehr Menschen als früher auf die Idee, sich ein Haustier zuzulegen. Häufig schaffen sie sich eine Katze an, weil die sich relativ gut mit dem Beruf vereinbaren lässt. In Deutschland kann man auch beobachten, dass vermehrt Kaninchen und andere Kleinsäuger von jungen Erwachsenen gehalten werden. Immer mehr erwachsene Singles schaffen sich ein Tier als Familienersatz an.

Man hört oft, dass Haustiere heute zu sehr vermenschlicht werden. Lässt sich das belegen?
Wenn man die Konsumwelt anschaut, dann ist das eine Tatsache. Für Tiere werden teilweise dieselben Produkte wie für Menschen angefertigt. Früher hatte man einfach ein Hundekörbchen mit einer alten Decke drin. Jetzt gibt es Hundebetten in Extraanfertigung, die wie Sofas aussehen. Marktbeobachter sprechen vom „Pet Humanisation Trend“.

Und von der Seite der Halter?
Es gibt insgesamt nur ganz wenige Untersuchungen über dieses Phänomen. Aus wissenschaftlicher Perspektive kann man aber sagen, dass wir vermutlich einen biologisch festgelegten Hang dazu haben, Tiere nach menschlichen Maßstäben zu beurteilen. In der Evolution des Menschen war es von Nutzen, wenn man sich die Tiere wie Menschen vorgestellt hat. Ohne eine bestimmte Referenzebene kann man ein Tier nicht fangen oder ihm aus dem Weg gehen. Das Tier mit einem Menschen zu vergleichen, war hierbei hilfreich. Ich glaube aber nicht, dass bei den Tierbesitzern ein bewusster Wunsch nach Vermenschlichung besteht. Das sind sicher ganz unbewusste Prozesse.

In den 1950er- und 1960er-Jahren wurden Charaktere wie der Delfin Flipper, das Pferd Fury und der Hund Lassie geboren. Die dressierten, vermenschlichten Tiere haben Millionen von Menschen begeistert. Heute faszinieren uns Zoodokus. Warum?
In Tierdokumentations-Serien, die im Zoo spielen, sieht der Zuschauer keine abgerichteten Tiere, sondern er erlebt sie in der Interaktion mit ihrer Gruppe und den Pflegern. In diesem der Wildnis nachempfundenen Setting kann man gut zeigen, welche Parallelen es zwischen Mensch und Tier gibt. Tiere kennen Trauer, unglückliche Liebe, sozialen Aufstieg und Mobbing. Das ist natürlich auch ein Beispiel dafür, dass Tiere uns näherrücken, in diesem Fall Wildtiere, in denen die Zuschauer sich spiegeln können.

Die Hundeerziehung hat sich in den letzten 30 Jahren stark verändert. In den 80er-Jahren gab es noch Würgehalsbänder, der Umgang war autoritär geprägt. Heute ignoriert man das schlechte Verhalten von Hunden und belohnt sie, wenn sie brav sind.
Durch die neue Form der Hundehaltung entstehen auch neue Bedürfnisse nach Hilfe bei der Erziehung. Der Hund in der Großstadt, der in der Bahn mitfährt und dauernd auf Menschen trifft, muss sich angemessen verhalten. Hundebesitzer wollen heute lieber, dass der Hund niemanden anspringt, als dass er Kunststücke beherrscht. Dass das Konzept der gewaltfreien, auf positiver Verstärkung basierenden Hundeerziehung so stark boomt, liegt natürlich auch daran, dass wir ein anderes Vorgehen auch im menschlichen Miteinander nicht mehr dulden. Einen autoritären Umgang akzeptiert man auch in der Kindererziehung nicht mehr. Und sobald ein Hundetrainer damit auffällt, dass er mit Tieren autoritär umgeht, muss er viel Kritik erleben. Das will man heute nicht mehr sehen.

Warum wird Tierernährung und Tiererziehung immer mit so einem Fanatismus betrieben? Sie benutzen in diesem Zusammenhang auch öfter die Worte „Religion“ oder „Glaubensfrage“.
Auch das ist eine Wiederholung aus dem menschlichen Zusammenleben. Interessanterweise kann man beispielsweise den Trend des Veganismus auch in der Tierernährung beobachten. Seit Menschen verstärkt den Wunsch haben, Bio zu kaufen und immer seltener auf Fertignahrungsmittel mit Zusatzstoffen zurückgreifen, kam auch der Trend auf, Hunde natürlich zu füttern. Die Tiere sind uns mittlerweile so nahe, es sind so viele Emotionen im Spiel, dass wir die Überzeugungen, die wir für unser Leben haben, auf die Tiere übertragen.

Gibt es Untersuchungen darüber, wie es den Haustieren heute geht? Sind sie weniger gestresst, seltener krank oder eher umgekehrt?
Untersuchungen über Stress im Vergleich zwischen der heutigen Situation und der Vergangenheit gibt es meines Wissens nicht. Was man belegen kann, ist eine starke Verlängerung der Lebenserwartung aufgrund der hohen Qualität des Futters und der guten medizinischen Versorgung. Und das spricht sicherlich auch für sich.

Was hat Sie bei der Recherche zu dem Buch am meisten beeindruckt?
Tierhilfsprojekte wie die Tiertafel oder die Pferdeklappe haben mich schwer beeindruckt. Die Tiertafel versorgt Hartz-IV-Empfänger mit gespendetem Futter und ermöglicht armen Tierhaltern, kostenlos einen Tierarzt zu konsultieren. Die Pferdeklappe wurde im Sommer 2013 gegründet. Allein in den ersten vier Monaten wurden auf der Koppel in Schleswig-Holstein 40 Pferde abgegeben. Meistens von Leuten, die mit ihren Pferden an finanzielle Grenzen kommen. Das sind von Szenekennern passgenau zugeschnittene Projekte auf Probleme, die lange vorhanden waren. Man sieht an dem unglaublichen Zuspruch, dass es in diesem Zweig vorher überhaupt keine Hilfe gab.

Halten Sie selbst Tiere?
Nein, sogar der Hund im Werbevideo vom Verlag war geliehen. In meiner Kindheit habe ich viele Tiere gehabt: Katzen und kleinere Heimtiere, etwa Meerschweinchen, Wellensittiche, Mäuse und Amphibien. Aber jetzt halte ich keine Tiere mehr, weil ich das mit meinem Lebensstil nicht so gut vereinbaren kann. „Lifestyle“ und Reisen sind übrigens die häufigsten Gründe, die Leute nennen, wenn man sie fragt, warum sie keine Tiere haben.

CHRISTINA HUCKLENBROICH
wurde 1978 in Münster geboren, sie ist promo­vierte Veterinärmedizinerin und arbeitet seit September 2007 als Wissenschaftsredakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ihre journalistischen Arbeiten wurden u.a. mit dem „Silbernen Pferd“ des Deutschen Reiter-und Fahrer-Verbandes und dem „Bernd-Tönnies-Preis für Tierschutz in der Nutztierhaltung“ ausgezeichnet. 2014 erschien ihr Sachbuch „Das Tier und wir. Einblicke in eine komplexe Freundschaft“. Dieses Buch stellt sie beim Tierfest am 25. April im VHS-Zentrum West vor.
Christina Hucklenbroich auf Twitter: @chucklenbroich

1 Kommentar

  • Ist denn eine unautoritäre Erziehung bei einem Hund wirklich sinnvoll? Die sind doch Rudeltiere und die brauchen einen Leitwolf. Wenn der Halter nicht als solcher erkannt wird, tanzen sie diesem nur auf der Nase herum und werden eventuell zur Gefahr für andere!

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