Unterwegs

Vagabund auf Zeit

Drei Jahre lang war Jens-Ole Remmers als Wandergeselle unterwegs. Das Rastlose prägt auch seine Kunst.

Interview: Sandra Kern
Fotografie: Matthias Haslauer

 

Der Hamburger Künstler Jens-Ole Remmers setzt seine Inspirationen mit verschiednen Materialien in die Tat um. Doch beim Bearbeiten von Holzobjekten ist er ganz in seinem Element. Kein Wunder, denn der 35-Jährige ist ein ausgebildeter Möbeltischler und Holzbildhauer. Seine traditionelle Walz-Wanderschaft führte ihn quer durch Europa. ACHT sprach mit ihm darüber, wie es ist, wenn das „Unterwegssein“ zum Lebensprinzip wird.

ACHT: Nach der Schule hast Du Dich erstmal dem Holzhandwerk gewidmet. Wusstest Du von Anfang an, dass Du Künstler werden wolltest?
Jens-Ole Remmers: Meine Eltern sind Kinder der Siebziger-Jahre-Bewegung. Kunst und Musik waren für uns immer ein fester Bestandteil des Lebens. Ich war also schon vorbelastet in dieser Richtung. Nach der Bautischlerlehre habe ich hier und da als Zimmerer gejobbt und angefangen, mich fürs Schnitzen und klassische Holz- und Steinbildhauerei zu interessieren. Ich bin dann nach Frankfurt am Main gegangen, um mich bei einem der letzten Holzbildhauermeister ausbilden zu lassen. Dort wurde mir klar, dass ich Kunst studieren will. Ich wollte meine eigenen Ideen umsetzen – und nicht nur Auftragsarbeiten wie Grabmäler oder Spielplätze machen. Gleichzeitig hatte ich aber immer die Wanderschaft im Hinterkopf. Ich dachte mir: Es ist doch viel schöner, erst mal die Welt anzuschauen, viele Bilder in mich aufzunehmen und dann erst mein Kunst-Studium anzugehen.

Wie geht man denn auf Wanderschaft?
Als Erstes muss man Kontakt zu den Gesellen aufnehmen. Ich bin in der Gesellschaft der „Freien Vogtländer Deutschlands“. Im Jahr 2004, als ich auf die Walz gegangen bin, hatte dieser Schacht noch keine Internetseite. Da musste man Ausschau nach diesen sehnigen Gestalten in Schwarz halten. Wenn man einen Wandergesellen gefunden hat, werden einem Orte eröffnet, an denen man sich trifft. In jeder Stadt gibt es Herbergen oder Kneipen, so genannte Buden, wo unterm Dach vielleicht der Spitzboden von uns ausgebaut wurde und wo wir für einen kleinen Obolus schlafen können. Einmal im Monat treffen sich dort auch ehemalige Wandergesellen. Bei den Treffen kann man Ansprechpartner finden und sich austauschen. Reisende nutzen sie als Netzwerk, um Jobs in der jeweiligen Stadt zu finden. Bei mir ging es richtig los, als ich einen Export-Gesellen gefunden hatte. So nennt man einen Menschen, der auf Wanderschaft ist und einen in die wichtigsten Regeln einweiht. Er hat mir beispielsweise gezeigt, wie das Trampen funktioniert und dass man den Hut beim Essen und in der Kirche abnimmt.

Wo befindet sich in Hamburg so eine „Bude“?
Unsere Bude ist der „Fasan“ in Eimsbüttel, eine wunderschöne, kleine Gastwirtschaft.

Wenn du auf Wanderschaft bist, darfst Du Dich deinem Heimatort in einem Radius von 50 Kilometern nicht nähern, nicht länger als drei Monate an einem Ort verweilen, keinen Computer besitzen und auch kein Handy. Wie war das für Dich in der ersten Zeit?
Vor der Wanderschaft begleiten einen unbestimmte Ängste. Man springt ins Blaue, weiß nicht genau, was passieren wird. Aber ziemlich schnell merkt man, dass kein Heimweh aufkommt. Man muss sich immer entscheiden zwischen einem Fest, einer tollen Arbeit oder Übersee-Erfahrung. Ich hatte nie einen Terminkalender, aber auf Walz habe ich mir einen angeschafft, weil es doch zu viel war.

Drei Jahre und einen Tag dauert die Wanderschaft. Das ist eine lange Zeit.
Anfangs denkt man, dass ist so eine Riesen-Zahl. Nach dem zweiten Jahr ist man richtig drin und im dritten Jahr – naja. Loszugehen auf Wanderschaft ist einfacher, als den Punkt zu finden, an dem man sich wieder um das weitere Leben kümmern sollte. Als Vagabund durch die Lande zu ziehen ist – wenn man es dann raus hat – nicht so schwierig, eine super Sache. Allerdings sind die Höhen höher und die Tiefen tiefer. Bei Frost kommt Frust, da beweist sich der ganze Kerl. Man sucht sich dann Arbeit in wärmeren Gefilden. Zwischen zwei Arbeitsstellen muss immer auch eine zünftige Tippelei liegen, um Land und Leute kennen zu lernen.

Wie hat Dich die Wanderschaft verändert?
Das ist natürlich subjektiv. Zum einen heißt es, man altere schneller. Das, was man sonst in fünf Jahren erlebt, passiert auf der Walz in einem Jahr. In drei Jahren bin ich also eigentlich fünfzehn Jahre gealtert. Ich habe eine gute Menschenkenntnis gewonnen, weil man ständig mit der Außenwelt in Kontakt ist. Ich bin mit Vorliebe alleine gereist. Wenn mir irgendwas nicht gepasst hat, bin ich einfach weiter. Das entspricht meinem Dickkopf. Das Reisefieber bleibt bei jedem. Das geht nicht mehr weg. Als Nächstes plane ich eine Reise nach Hongkong. Ich will dort meine Kontakte in die Kunstszene vertiefen und das Ganze mit einer Studienreise verbinden.

Was hat Dir Die Walz für deine Kunst gebracht?
Ich habe mir die Welt in ihren ganzen Facetten und Farben angeschaut. Ich habe viele Bilder in mich aufgesogen. Stück für Stück offenbaren sie sich nun in meiner Arbeit. Auf jeden Fall war die Zeit für meine Persönlichkeit wichtig. Ich musste erst die Ruhe finden, mich der Kunst zu widmen – erst in die weite Welt hinausgehen, um dann an meinen Kern herankommen. Das war eigentlich die Grundvoraussetzung: genug Ruhe zu bekommen, um mich frei entfalten zu können.

Mittlerweile arbeitest Du nicht mehr mit Holz, sondern mit Pappe. Du verarbeitest knallbunte Obstkartons zu großformatigen Kollagen.
Nachdem ich mich mit Kettensägen an Holzstämmen ausgetobt habe, um architektonische Skulpturen zu erstellen, wollte ich irgendwann mehr mit Farben arbeiten, ein bisschen verrückter werden. Dann habe ich meinen Professor Ottmar Hörl getroffen. Er ist ein offener Geist, ein toller Künstler und Mensch. Er hat mich in kürzester Zeit aufgebrochen, weil die Zeit auch reif war. Ich wollte Licht, Farbe und Eindrücke umsetzen. Die Idee mit den Obstkartonbrands stammt noch aus meiner Holzbildhauerzeit, sie hatte also eine Inkubationszeit von zwölf Jahren. Als ich die Idee vor Ottmar Hörl ausgebreitet habe, war er sehr begeistert. Mit ihm zusammen habe ich entwickelt, wie man mit dem Material am besten umgehen kann.

Deine Collagen haben viel mit Reisen zu tun. In ihnen schwingt auch Konsumkritik mit.
Auf jeden Fall. Die Kartons sind ja hierher gereist. In meiner Lehrzeit fand ich diese kleinen Leistungen von Grafikern auf der ganzen Welt einfach nur schön. Den politischen Aspekt, den sie aufgrund ihrer Herkunft in sich tragen, habe ich damals noch nicht berücksichtigt. Die Eingangschwelle zu meinen Werken ist relativ niedrig. Auch Kinder lieben meine Arbeiten. Der vielschichtige Berg verschiedener Paradigmen dahinter erschließt sich erst nach längerem Betrachten.

Arbeitest Du auch noch mit Holz?
Ich habe im Sommer in der Honigfabrik einen Kettensägen-Bildhauerkurs für Wandergesellen gegeben. Dabei sind tolle Arbeiten entstanden, die im Moment auf dem Dockville-Gelände stehen und im nächsten Jahr beim Artville ausgestellt werden sollen. Ich persönlich hatte auch mal wieder Lust zu schnitzen und habe meine Papp-Bananen auf massive Eiche übertragen, ausgesägt, beschnitzt, koloriert und dann lackiert. Und es hat Spaß gemacht!
Meine nächste Arbeit ist eine Reihe von Kunstwerken, die aus industriellen Silikondruckplatten gefertigt sind, mit welchen man Brands und Labels auf Karton druckt. Ich dringe also tiefer in die Thematik der Materie ein.

JENS OLE REMMERS
wurde 1979 in Minden geboren, tingelte durch ganz Deutschland und über seine Grenzen hinaus. Er hat die Welt erforscht und dabei sein Innerstes entdeckt. Seine Erfahrungen als Tischler, Holzbildhauer, Wandergeselle und Kunststudent verarbeitet er in grellen Installationen und Collagen. Seit Anfang 2014 lebt er in Hamburg, sein Atelier hat er in der Honig­fabrik in Wilhelmsburg.
www.jensoleremmers.de

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Bildhauerei bei der Hamburger Volkshochschule
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