Unterwegs

Underground auf Rollen

„Roller Derby“ ist ein Vollkontaktsport auf Rollschuhen, mit spektakulären Stürzen und dramatischen Raufereien. Dass es dabei auch rau zur Sache geht, ist in den Regeln festgelegt. Blaue Flecken gehören dazu. Die Hamburger Harbor Girls haben keinerlei Angst vor Körperkontakt und sind im deutschen Ranking ganz weit vorne unterwegs.

Text: Sören Ingwersen
Fotografie: Matthias Haslauer

 

Stimmt es wirklich, dass in der Mitte des Tornados kein Lüftchen weht? Wer sich im Zentrum der ovalen Bahn befindet, die die Skaterinnen bei Roller Derbys entlangstürmen, spürt den Luftzug ziemlich deutlich. Das Rauschen der Räder füllt die Trainingshalle in Altona gegenüber der Holsten-Brauerei – und ab und an ein dumpfes Poltern. Karambolagen und Gleichgewichtsverlust sind bei dieser Sportart so selbstverständlich wie der Aufschlag beim Tennis.

„Hüften zusammen, Schultern zusammen! Versucht, den Rasterpunkt zu finden, wo es wie bei einem Magnet ,klick‘ macht!“, schwört Trainerin Judith alias YouDeath die zwölf Skaterinnen der Harbor Girls ein. Einige von ihnen haben vor zwei Wochen den so genannten Führerschein gemacht, sind jetzt keine „Newbies“ mehr, sondern gehören zu den „Intermediates“. Doch das Blocken ist auch für die fortgeschrittenen Anfängerinnen kein Kinderspiel. Bis zu vier Spielerinnen schließen sich dabei zu einer Wand zusammen, die die von hinten heranstürmende Jammerin abbremsen soll. Die holt für ihr Team einen Punkt, sobald sie eine der gegnerischen Blockerinnen überholt hat, wobei die eigenen Blockerinnen sie tatkräftig unterstützen. Dabei darf nach Herzenslust mit Schulter, Hüfte und Hintern gedrängelt, gestoßen und geschubst werden. Kopfnüsse, Beinhaken, Ellenbogen-Checks und jede Art von Handgreiflichkeiten hingegen sind strengstens untersagt. Trotzdem: Wer auf dem Track mitfährt, sollte nicht zimperlich sein – und sich ausreichend panzern: Schützer für Knie, Handgelenke, Ellbogen sowie Helm und Mundschutz sind obligatorisch.

„Manchmal kann man am blauen Fleck auf dem Schienbein erkennen, dass da eine Rolle drauf war oder die Achse der Gegnerin“, erzählt Daniela Chmelik. Als Harbor Girl der ersten Stunde hat sie sich unter dem Namen Original Pirate bis zur Jammerin des A-Teams hinaufgekämpft. Ein stämmiges Muskelpaket wie manche ihrer Kolleginnen ist sie nicht. Aber auf die Statur kommt es in erster Linie auch nicht an. Technik und Teamfähigkeit sind beim Roller Derby gefragt und – besonders im Falle der Jammerin, die sich ständig durchdrängeln muss – Kampfeswillen: „Das ist genau das Richtige für mich. Für strategisches Geplänkel bin ich viel zu ungeduldig. Aber zum Glück gibt es Mädels, die total versessen darauf sind und immer gucken, wie man sich im Rahmen des Regelwerks strategisch verbessern kann.“

Wer sich für die Feinheiten dieses Regelwerks interessiert, sollte einen Blick in die 70 Seiten starke Richtliniensammlung der Women’s Flat Track Derby Association (WFTDA) werfen, die weltweit vorschreibt, was den zehn Spielerinnen in den zwei mal dreißig Minuten eines Spiels, auch Bout genannt, erlaubt ist, wofür es Punkte gibt und wann Frau die Strafbank drücken muss. Weltweit, denn die Popularität des Roller Derbys wächst rasant. Nachdem 2011 die erste Weltmeisterschaft in Kanada stattfand, fiebert man jetzt schon der zweiten WM im Dezember entgegen, die diesmal in Dallas ausgetragen wird, und bei der auch die vier Nationalspielerinnen der Harbor Girls mitlaufen werden.

Das erste Roller-Derby-Rennen fand 1935 in Chicago statt. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte der Sport einen spektakulären Eventcharakter. Bis zu 50.000 Zuschauer verfolgten in den Stadien die zuvor oft abgekarteten Schaukämpfe zwischen Teams, die aus „ästhetischen“ Gründen meist mit Frauen besetzt wurden. Nachdem der Sport gut zwei Jahrzehnte in der Versenkung verschwand, wurde er um die Jahrtausendwende von Feministinnen und weiblichen Punks in Austin/Texas wiederentdeckt. „Die haben ihn dann für sich okkupiert. Da ging es natürlich nicht mehr darum, gut auszusehen, sondern ernsthaft Sport zu treiben“, sagt Chmelik, für die das Roller Derby keineswegs nur ein Fun-Sport ist. Die vier Trainingseinheiten pro Woche fordern einen hohen körperlichen Einsatz und Disziplin. Nur so können die Harbor Girls ihren Gegnerinnen aus dem In- und Ausland Paroli bieten.

Als der Verein 2008 mit gerade mal acht Mitgliedern in der Punk-Kneipe Skorbut gegründet wurde und man noch in leeren Parkhäusern und der ehemaligen Karstadt-Filiale in Altona trainierte, war die Auswahl an deutschen Gegnerteams noch überschaubar. Inzwischen vertritt die Abteilung Roller Derby Deutschland (RDD) des Deutschen Rollsport und Inline-Verbands (DRIV) 28 Teams. Darunter auch die Berlin Bombshells, die aus der ersten offiziellen deutschen Meisterschaft im letzten Jahr als Sieger hervorgingen. Und natürlich die Harbor Girls, die damals auf dem fünften Platz landeten und dieser Tage den deutschen Vizemeister herausfordern: „Wir haben im vergangenen Jahr einen ziemlichen Leistungssprung gemacht. Der dritte Platz, Essen, will nicht mehr gegen uns spielen – die haben Angst. Und den vierten, Kaiserslautern, haben wir im Sommer mit 267:52 fertiggemacht. Deswegen greifen wir jetzt Stuttgart an.“

Daniela Chmelik ist Literaturwissenschaftlerin und hat 2012 ihren ersten Roman veröffentlicht. Das Klischee „Kraft statt Köpfchen“ greift bei den Harbor Girls ins Leere. Hier sind alle Berufe vertreten: von der Verlagsmitarbeiterin und Modedesignerin bis zur Grafikerin und Autolackiererin. „Die Quote von Veganern und Freischaffenden soll beim Roller Derby sehr groß sein. Das klassische Roller Girl ist heute keine Punkerin Anfang zwanzig mehr, sondern eher Lehrerin Anfang dreißig.“

Mit bis zu 400 Fans bei Spielen in den Sporthallen des Wirtschaftsgymnasiums St. Pauli oder des Christianeums und mit aktuell rund hundert Mitgliedern ist der Verein so stark gewachsen, dass die Zeiten der Selbstverwaltung mit Niederlassung im Szene-Café Mama­licious in der Max-Brauer-Allee vorbei sind. Im März sind die Harbor Girls zum FC St. Pauli übergetreten: „Dort fühlen wir uns gut aufgehoben. Der Verein passt zu uns wie die Faust aufs Auge.“ Denn auch der Fußball-Profi­club setzt sich gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus ein. Für Spielerin Katja, die seit Januar bei den Harbor Girls mitrollt, ist der Umgang mit lesbischen, schwulen und transsexuellen Menschen ein wichtiger Aspekt: „Beim Roller Derby ist noch relativ wenig festgelegt. Man kann sich hier selbst definieren. Wenn du sagst, ich bin eine Frau – auch wenn du nicht als Frau gelesen wirst – sagt das Team: ,Gut, dann spielst du bei uns mit‘. Das ist eine wahnsinnige Chance für Minoritäten, sich sportlich zu beweisen.“

ROLLER DERBY UND HARBOR GIRLS
Beim Roller Derby stehen sich zwei Teams mit jeweils fünf hartgesottenen Frauen gegenüber. Ein Team greift an, während das andere seine Seite des Spielfeldes verteidigen muss. Während des zweiminütigen Fights muss die Stürmerin des offensiven Teams so oft wie möglich die feindliche Mauer durchbrechen. Regeln soll es auch geben, aber dafür interessiert sich niemand so richtig.
Der erste Roller-Derby-Club Hamburgs sind die „Harbor Girls“. Mittlerweile sind die Girls eine offizielle Sparte des FC St. Pauli.
www.harborgirls.de

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