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Das Verbindende zwischen den Menschen

Jungen, die Mädchen sind, und umgekehrt: Transidente Menschen fühlen sich im falschen Körper geboren. Die Hamburger Fotografin Kathrin Stahl dokumentiert innerhalb eines Text-Bild-Projektes die Geschichten dieser Menschen.

Text: Katharina Manzke
Fotografie: Kathrin Stahl

 

Das Gesicht zum Himmel gewandt, schließt Xenia die Augen. Die Augen, von denen sie selbst sagt, dass sie „echt geil“ sind. Zu sehen und zu lesen ist dies auf dem Internetblog „Max ist Marie – mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind“. Die Hamburger Fotografin Kathrin Stahl porträtiert innerhalb eines Text-Bild-Projektes neben Xenia noch viele andere, die nach ihrer Geburt entweder als Mann oder als Frau verstanden wurden, sich aber mehr dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen. Auch wenn viele von ihnen den Schritt zu einer geschlechtsangleichenden Operation wagten, wird in dem Blog meist das Wort „transident“ gewählt. Es geht um mehr als die rein sexuelle Perspektive: um Identität, um Selbst- und Fremdwahrnehmung eines Menschen, als dem Geschlecht zugehörig, das er selbst gewählt hat.

Das Bild von Xenia mit den geschlossenen Augen zeigt einen Moment des In-sich-gekehrt-Seins, den die Fotografin vor ihren Shootings ganz bewusst herbeiführt. „Ich stelle der Person, die ich fotografieren möchte, dann immer die Frage: „Was wünschst du dir für deine Zukunft? Wovon träumst du?“ Was Xenia in diesem Augenblick wirklich durch den Kopf ging, wird man nie erfahren, aber liest man den zu den Bildern gehörenden Text, kommt man ihr doch nahe. Man erfährt, wie sie – damals noch mit „er“ bezeichnet – sich in der Grundschule beim Sportunterricht immer zwischen die Mädchen und Jungen setzte: „Zu den Jungs wollte ich nicht gehören, zu den Mädchen durfte ich nicht gehören“, erzählt sie der Fotografin. Und wie eines der Mädchen eine pink Leggins trug, die sie gerne besessen hätte, aber nicht tragen durfte. Trotzdem kaufte sie sich dann doch eine Leggins. In „Tarnfarben“, einem pastellfarbenen Dschungelmuster. Dass sie auch damit auffiel, war ihr egal. Heute versteht sie das Tragen der Leggins als einen Akt, durch den sie zum ersten Mal ihre „innerste weibliche Seele“ offen zeigte.

Jetzt, im Erwachsenenalter, zieht Xenia noch immer gerne Leggins an. Und sie liebt es, ihr Gesicht zu schminken, auch ihre großen, dunklen, sehr schönen Augen, mit denen sie dem Betrachter auf weiteren Blog-Fotos einmal herausfordernd, dann wieder ein wenig traurig entgegenblickt. Xenias Leben, das Kathrin Stahl in ihrem Text kurz umreißt, ist geprägt von Rückschlägen, Einsamkeit und Ablehnung, aber auch von einem ausgesprochenen Kampfgeist und dem Mut, entgegen vielen Widerständen den eigenen Weg zu gehen. Im Jahr 2014, zum Zeitpunkt der Fotoaufnahmen, ist Xenia 29. Sie hat einen Umzug aus der Provinz in die Hauptstadt, zwei schwere Depressionen und eine geschlechtsangleichende Operation hinter sich. Gemeinsam mit ihrer Ehefrau, die sie auf einem Stammtisch für transidente Menschen kennengelernt hat, lebt sie zurückgezogen in einer Berliner Plattenbausiedlung. Sie erholt sich von den Strapazen der vergangenen Jahre, blickt aber auch mit Zuversicht nach vorne. Unter anderem schreibt sie an einem Kriminalroman.

Öffnet man die Seite des Blogs, ist Xenia umgeben von vielen anderen: Liam, Sarah, Steffi, Bea, Hanna, Neva, Aleks, Dean, Petra, Yannick, Andrea, Benjamin, Lena, Manuela, Katharina, Konstantin, Jennifer, Felicia, Jan, Asta, Janna Mina, Hanni, Denise, Helmi, Michelle und Marie. Sie kommen aus verschiedenen Ecken Deutschlands und dem deutschsprachigen Ausland, oft besuchte die Fotografin sie an ihren Heimatorten, um sich dort viel Zeit zu nehmen, ihre Lebenswelten kennenzulernen.

Mit Marie aus Hamburg hat alles angefangen, obwohl ihre Geschichte nicht die erste war, die Kathrin Stahl im Jahr 2014 auf ihrem Blog veröffentlichte. In dieser Geschichte spielt die Fotografin selbst eine Rolle: Marie hieß einmal Max und ist eines der drei Kinder der Fotografin. Auf den Fotos ist eine nachdenkliche junge Frau zu sehen, die gleichermaßen Offenheit und Verletzlichkeit ausstrahlt. In einem Café am Jungfernstieg wird sie von Kathrin Stahl interviewt, nicht allzu tiefschürfend, es wirkt eher wie ein ganz normaler Kaffeeklatsch. Man erfährt, dass Marie als Veganerin lebt und große Taschen schätzt. Und auch von den Schwierigkeiten bei ihrer Ausbildung im Friseursalon, in dem sie durch die weibliche Art, sich zu kleiden, aneckte. Das war noch vor ihren Depressionen und der Hormonersatztherapie, die sie seit 2012 bekommt.

Bevor ihr Kind, das sie viele Jahre als Sohn großzog, sich dafür entschied, auch nach außen hin als die Frau zu leben, als die es sich fühlte, hatte Kathrin Stahl sich wenig mit Geschlechterrollen auseinandergesetzt. „Die Frage hatte sich mir vorher gar nicht gestellt“, erzählt sie. Im Blog teilt sie die Erinnerung, wie Marie sich zu Weihnachten eine Barbie wünschte. „Wenige Tage nach Weihnachten wurden der Barbiepuppe die Haare geschnitten. Da sah es nicht mehr ganz so hübsch aus. War das nun männliches Verhalten oder weibliches?“ Darüber denkt sie erst heute nach, aber für ihre Beziehung und Bindung zu Marie ist es nicht wichtig. „Ob nun Junge oder Mädchen, es bleibt mein Kind. Der Mensch, den ich liebe, ändert sich ja nicht, nur weil er ein anderes Geschlecht hat.“

Durch ihr Text-Bild-Projekt möchte sie Marie auf ihrem oft nicht einfachen Weg ein Stück begleiten. Und sie will etwas dazu beitragen, das Thema Transidentität aus dem Bereich des Exotischen in die Normalität zu holen. Wenn normal sein bedeutet, Höhen und Tiefen zu durchleben, hinzufallen und wieder aufzustehen, zu träumen, etwas zu wagen und der inneren Stimme zu folgen, Alltag zu leben und sich an kleinen Dingen zu freuen – kurz, einfach Mensch zu sein, dann transportieren ihre Porträts genau das. Die Autorin und Fotografin lässt, ohne selbst zu werten, die Menschen sprechen, die sich an sie wenden, um ihre Geschichten zu erzählen. Nach Material braucht sie nicht zu suchen: Rund hundert Anfragen hat sie seit dem Start des Projektes schon bekommen. Das Bedürfnis, sich mitzuteilen, ist bei vielen transidenten Menschen groß, wie man auch anhand der Geschichten sieht, in denen viel von Verletzung durch Ignoranz und Ausgrenzung die Rede ist. Kathrin Stahls Blog, der seinen Weg aus dem Internet inzwischen auch schon in Galerien und Museen geschafft hat, macht es möglich, sich zu begegnen. Durch schlichte Dokumentation, ausgerechnet in schwarz-weißer Bildersprache, unterstreicht er das Verbindende zwischen den Menschen.

 

MAX IST MARIE
„Max ist Marie oder mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind“ ist ein Transgender Foto- und Textprojekt der Hamburger Fotografin Kathrin Stahl ist ein Projekt über und für transidente Menschen. Ein Projekt, das mit einem Fotoshooting der Tochter der Fotografin begann, die einmal ihr Sohn war. „Max ist Marie“ handelt von Menschen, die im falschen Geschlecht geboren wurden. Menschen, die meist bereits als Kind merkten, dass sie anders sind als all die anderen Jungs, all die anderen Mädchen, mit denen sie sich eigentlich doch identifizieren sollten.
www.maxistmarie.kathrinstahl.com


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