Tierisch gut?

„Töten ist mit Schuld verbunden“

Dr. Hanna Rheinz ist Psychologin, Kulturwissenschaftlerin und Autorin und lebt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Hamburg. Seit vielen Jahren stellt sie Tierliebe und Tierschutz in den Zusammenhang von jüdischer Kultur und Ethik.

Interview: Katharina Manzke
Fotografie: Thomas Duffé

ACHT: Auf Ihrer Website weisen Sie auf eine vegetarische Tradition des Judentums hin. Was hat es damit auf sich?
Dr. Hanna Rheinz: Sowohl in den Quellentexten des Christentums als auch in den Schöpfungsberichten der jüdischen Thora wird den Menschen eine vegetarische, ja sogar eine vegane Ernährung vorgeschrieben. Selbst die Entnahme von Eiern wird in der Auslegung der Thora von einigen Propheten und Gelehrten als „Raub“ bezeichnet. Diese sehr radikale Sicht auf die Ernährung hat sich nur im Judentum erhalten.

Wie kommt es, dass gläubige Juden heute trotzdem Fleisch essen?
Die vegane Botschaft wurde nicht verleugnet, aber abgeändert. Ein Wendepunkt war die Sintflut. Die Errettung der Geschöpfe durch Noah schien den Menschen ermächtigt zu haben, die Erde auf erweiterte Weise zu nutzen. Trotzdem galt es weiterhin als Ideal, auf Fleisch zu verzichten. Vor allem die Propheten forderten die Menschen dazu auf, die Schlachtopfer im Tempel zu reduzieren. Dennoch wurden viele Menschen als zu schwach befunden, um den bösen Trieb in sich zu überwinden. So wurden dem Fleischverzehr im Judentum Schranken gesetzt. Nach den Speisegesetzen der Kaschrut darf man nur reine Nahrung zu sich nehmen und muss dabei ethische Standards beachten.

Welche sind das?
Es dürfen zum Beispiel nur Tiere verzehrt werden, die extra dafür gezüchtet wurden. Die erlaubten Tiere dürfen keine Makel haben, etwa Verletzungen als Folge einer schlechten Behandlung. Daher ist auch die Jagd verboten. Die Nutzung der Tiere ist erlaubt, wenn sie artgerecht ist. Die Tiere dürfen nur in einer bestimmten, schonenden Weise geschlachtet werden. Dabei gilt: Das Tier hat genau wie der Mensch eine Seele und diese Seele sei im Blut enthalten. Der Mensch darf auf keinen Fall das Blut, also die Seele des Tieres, verzehren. Das Blut muss sowohl beim Schlachten als auch durch Methoden der Zubereitung komplett aus dem Fleisch entfernt werden. Das muss sehr schnell geschehen, damit das Tier nicht leidet.

Wie wird garantiert, dass der Schlachter sein Handwerk den Regeln gemäß ausführt?
Der Schlachter (Schochet) muss Rabbiner sein, also eine geistliche Ausbildung haben. Das Schlachten gilt als ritueller Akt und wird mit Gebeten und Segenssprüchen begleitet, um für die Nahrung zu danken und sich für das Töten des Tieres zu entschuldigen. Töten ist mit einem Tabubruch, einer Schuld verbunden. Von großer Bedeutung ist, dass der Schochet sich an Auflagen hält, wie er tötet. Er darf zum Beispiel kein Tier vor den Augen eines anderen schlachten und er darf ein Tier auch nicht jagen. Beides würde Todesangst erzeugen. Außerdem empfehlen etliche Gelehrte, dass der Schlachter nach einigen Jahren einen anderen Beruf ergreifen soll, da Töten die Seele eines Menschen beschädige.

Inwiefern ist der Tierschutz im Alltag gläubiger Juden verankert?
Tierschutz ist im Judentum etwas ganz Grundlegendes. Um wirklich Mensch zu sein, muss man die Tiere als empfindungsfähige Lebewesen erkennen und achten. Das betrifft sogar den Schabbat. Obwohl der Mensch an diesem Tag die Arbeit niederlegen soll, muss er trotzdem seine Tiere versorgen. Im Judentum gibt es die Vorstellung, dass auch die Tiere einen Schabbat haben und dass man diesen heiligen muss. Man soll die Tiere schonen, ihnen Ruhezeiten gönnen. Das ist schon eine radikale Sicht, wenn man überlegt, wie Tiere bis heute gehalten werden.

 

 

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