Nerd Spielwiesen

Tino Lange, Mittelalter-Nerd

Fragen: Kerstin Estherr

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Im Mittelalter war der Großteil der Bevölkerung einer kleinen Oberschicht unterworfen. Die einfachen Menschen mussten laufend um ihr Leben kämpfen und jeder Winter war eine große Heraus­forderung. Währenddessen konnte sich der Adel zurücklehnen und rauschende Feste feiern. Welche Faszination geht für dich von dieser Zeit aus?
Die Faszination Mittelalter ist bei mir – wie wohl bei den meisten – geprägt durch unsere romantischen Vorstellungen von prächtigen Burgen und stolzen Rittern in glänzenden Rüstungen auf der einen Seite und düster-wohligen Schauern beim Gedanken an die damaligen Lebensumstände, Welt- und Glaubensvorstellungen, Pest, Nöte und Kriege. Als 1995 „Braveheart“ in die Kinos kam, glitt ich in die damals gerade entstehende Live-Rollenspielszene ab.

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Jagd, Kampf, Blut, Zauber und Hexerei. Hast du dich auf einen speziellen Charakter oder Figur festgelegt? Also bist du beispielsweise Ritter, Gaukler, Feuerspucker, Musiker oder Handwerker?
Seit zwölf Jahren stelle ich einen frühmittelalterlichen Skandinavier um das Jahr 1000 dar, der durch Handels- und Raubfahrten (je nachdem, was gerade besser für das Geschäft ist) zu etwas Silber gekommen ist und der in langen Winternächten gerne singt und Sagas verfasst – einen Wikinger.

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Hast du ein spezielles Outfit und einen Namen?
Byr Allvarson hat Kleidung für jeden Anlass. Einfache Wollhosen und Tuniken und eine Wollkappe für den Alltag, teure, bunte und bestickte Tuniken und Mützen zum Angeben und Beeindrucken, einen dicken Wollwalk-Klappenrock für den Winter, und wenn es brenzlig wird, ein gepolstertes Wams, ein Kettenhemd und einen Helm. Ohne Hörner, versteht sich. Dafür sind Schwerter, Speere und Schilde aus Latex und Schaumstoff. Die „ernsthaften“ Wikingerdarsteller der Reenactment– und Living-History-Szene dürfen zu Recht milde lächeln, aber selbst für stumpfe Stahlwaffen bin ich zu ungeschickt.

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Neben der rauen Zeit im Mittelalter feierte das Volk gerne, wenn die Umstände das zuließen. Handwerk, Kunst und Kultur blühten auf. Was ist deiner Meinung nach das Großartigste, was das Mittelalter hervorgebracht hat?
Ich kann sie als Wikinger zwar nicht tragen, denn „meine“ Epoche ist etwas zu früh, aber was wären wir ohne die Brille?

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Gibt es in der Mittelalterszene Events, Feste oder Spielorte, die du regelmäßig besuchst? Gibt es Highlights?
Bedingt durch Beruf und Familie schaffe ich es nur zwei bis drei Mal, mit Freunden an kleinen oder großen Fantasy-Rollenspielevents teilzunehmen oder – ohne Verkleidung, dafür ist mein Fundus zu unhistorisch – einen Mittelaltermarkt zu besuchen. Pflicht ist aber das „Winterthing des Großen Heeres“, eine jährliche Versammlung von gut 200 Rollenspiel-Wikingern im Januar auf Burg Lohra in Thüringen, bei der viel gehandelt, gespielt, geschwatzt, gesungen, gezecht und gezankt wird.

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Ist die Vorliebe für diese Epoche eine Flucht vor der modernen, durchtechnisierten Welt?
Ich sage es mal so: Wenn man nachts am Waldrand Wache steht und nach den Schergen von Harald Blauzahn Ausschau hält, der Wind in den Ästen der Bäume wispert und leise Gesang und Gelächter von den Lagerfeuern auf der Lichtung herüberdringen … ist es wirklich ärgerlich, wenn in diesem Moment das Handy klingelt oder jemand nach einer Zigarette fragt.

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Kann man als Mittelalter-Fan eigentlich Vegetarier sein?
Natürlich. Zwar aß man im Mittelalter pro Kopf im Jahr deutlich mehr Fleisch, besonders Huhn und Schwein, als heutzutage, aber den Hauptbestandteil der Ernährung machten Breie und Grützen auf Getreide­basis aus, auch Gemüsesuppen und Eintöpfe. Allerdings müssen Vegetarier und Veganer überlegen, wie kompromissbereit sie sein wollen, was den Gebrauch von Leder, Fellen, Pelzen, Sehnen und Knochen bei Kleidung und Gegenständen betrifft.

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Gibt es etwas, was wir in unserer heutigen Zeit vom Mittelalter lernen können?
Mein Eindruck vom Mittelalter ist, dass es den Menschen damals am besten ging, wenn Handel und kultureller Austausch sich entfalten konnten und Kriege, Religionen, Herrschaftsansprüche und der Hass auf Minderheiten, Andersdenkende und Andersglaubende für einen Moment in den Hintergrund traten.

Fotos: Privat

TINO LANGE
geboren 1976 in Buchholz in der Nordheide, lebt mit Frau und Tochter in Hamburg-Barmbek. Wenn der Mittelalter-Fan nicht als Wikinger mit Helm und Kettenhemd durch Gehölze oder unter Tavernenbänke kriecht, arbeitet er als Kulturredakteur für das „Hamburger Abendblatt“ und die Funke Medien Gruppe. Seine zweite Leidenschaft neben den alten rauen Zeiten ist auch handfest: Für Eishockey reist Lange bis nach New York.

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