Global Tierisch gut?

Tiere mit Migrations-Hintergrund

Sie kommen mit dem Schiff, im Flugzeug oder einfach über die grüne Grenze, als legale Importware oder blinder Passagier. Wo kommen die Tiere plötzlich her? Was wollen sie ausgerechnet bei uns? Und: Werden sich diese tierischen Einwanderer an die deutschen Sitten und Gebräuche halten?

Text: Heinrich Oehmsen
Foto: iStockphoto.com/Keith Szafranski

Nach Westen geht nichts mehr. Da ist nur noch Wattenmeer und alle zwölf Stunden Ebbe und Flut. Der Weg des Wolfspaares, das sich an den Deich von Dorum-Neufeld verlaufen hat, hat ein vorläufiges Ende gefunden. Matthes Grube, Krabbenfischer in dem Küstendorf zwischen Cuxhaven und Bremerhaven, hat das scheue Paar vor einigen Wochen in der Dämmerung auf dem Außendeich entdeckt, der sich in einer abflachenden Böschung einige Hundert Meter bis zur Wasserkante erstreckt. Futter ist für die Raubtiere genug vorhanden, auch wenn im Winter keine Schafherden auf den satten Rasenflächen der Hochwasserschutzanlagen grasen. Aber Hasen und Kaninchen gibt es reichlich in dem Revier. Menschen sind im Winter nur wenige anzutreffen, ab und zu mal ein Urlauber, der, in dicke Winter- oder Regenjacke eingepackt, auf der Deichkrone spazieren geht. Die scheuen Wölfe haben hier ihre Ruhe. Auch auf der anderen Seite der Elbe, die in Cuxhaven in die Nordsee fließt, sind Wölfe aufgetaucht. In der Nähe von Büsum wurden im vergangenen Mai zwei tote Schafe gefunden. Die tödlichen Bisse in den Hals und Genetikproben sind eindeutiger Beweis dafür, dass der Wolf zurück ist in Schleswig-Holstein.

Anfang der Jahrtausendwende tauchte Isegrim, so der märchenhafte Ausdruck für den Wolf, wieder in Deutschland auf. Das Rudeltier galt hierzulande als ausgestorben. Doch die Öffnung der Grenzen nach Osteuropa und der Abbau der innerdeutschen Grenze haben es möglich gemacht, dass Wölfe wieder auf dem Vormarsch nach Westen sind. Natürliche Feinde haben die Tiere nicht – nur der Mensch kann ihnen gefährlich werden. „Der Wolf ist sehr anpassungsfähig und wanderfreudig“, sagt Peer Cyriacks von der in Hamburg ansässigen Deutschen Wildtier Stiftung: „Er kann sich gut entwickeln, weil er nicht gejagt werden darf.“ Der Umweltbiologe ist in der in Eppendorf ansässigen Stiftung als Referent für Naturschutz und Umweltpolitik zuständig. Bevor er nach Hamburg kam, war er freiberuflicher Ornithologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule in Eberswalde. Die Aufgabe seiner Stiftung ist es, heimische Wildtiere zu schützen und die Menschen von der Einzigartigkeit der Tiere zu begeistern.
Über das Verhalten von Wölfen musste Cyriacks zuletzt häufig Auskunft geben. Durch Medienberichte ist Isegrim zum Thema geworden. „Aber er ist keine Bedrohung für den Menschen, weil er sehr scheu ist“, sagt der junge Biologe. Ausreichend Nahrung und Rückzugsgebiete zur Aufzucht ihres Nachwuchses finden die Wölfe in Forst und Feldern.

Auf die Jagd gehen sie meistens in der Dunkelheit und jagen im Rudel Hirsche, Rehe und sogar Wildschweine. Dabei legen sie oft mehr als 20 Kilometer in einer Nacht zurück. Welche großen Strecken Wölfe laufen, haben Wissenschaftler vor zwei Jahren schon nachgewiesen. Ein Wolf, der im Kreis Segeberg in mehrere Fotofallen tappte, tauchte Wochen später in Thy an der dänischen Nordseeküste auf. Insgesamt soll dieser aus Sachsen immigrierte Wolf mehr als 1.000 Kilometer gewandert sein, bis er in Norddänemark ein Revier für sich gefunden hat. Viele Förster sind allerdings nicht sehr froh über diese einsamen Wölfe: „Sie sind wie streunende Hunde, die viel Schaden anrichten.“ Die Gewehre von Jägern müssen die unter Naturschutz stehenden Tiere weniger fürchten als den für sie ungewohnten Autoverkehr. Zwischen Witzhave und Reinbek vor den Toren Hamburgs wurde im April 2014 zum Beispiel ein junger Wolf von einem Auto überfahren.

Doch nicht nur Wölfe tauchen in unseren Wäldern wieder auf. Auch Biber, Luchs und Waschbär siedeln sich neu an. Luchs und Biber kommen nicht nur durch natürliche Migration und Ausbreitung in unsere Gegend, sie sind zum Teil auch ausgewildert worden. Der Biber war vor 400 Jahren schon fast verschwunden, weil sein Fell sich so trefflich zu Mützen und Jacken verarbeiten ließ. Auch wegen des Duftstoffs „Bibergeil“, dem eine erotisierende Wirkung nachgesagt wurde, verfolgten die Menschen das Nagetier mit den großen Zähnen. 1840 soll der letzte Biber in Schleswig-Holstein erlegt worden sein. Erst seit 1970 breiten die Nager sich wieder aus. Auch die Biber profitieren von den gefallenen Grenzen und erobern sich ihren ursprünglichen Lebensraum zurück. 7.000 von ihnen leben wieder hier, unter anderem an der Elbe zwischen Lauenburg und Geesthacht, in der Haseldorfer Marsch, am Schaal- und am Ratzeburger See und den Flüssen Bille, Stör, Krückau, Pinnau und Stecknitz. Naturschützer begrüßen die Rückkehr der Biber.

Es gibt eine Reihe von Räubern, die ursprünglich nicht in Europa beheimatet waren, sondern aus Nordamerika stammen. Unter anderem haben sich Waschbär, Marderhund und Mink nach dem Zweiten Weltkrieg in die norddeutsche Fauna integriert. 1945 in den Wirren des Zweiten Weltkrieges gelangten in der Nähe von Berlin ein paar Waschbären in die Freiheit. Sie vermehrten sich so rasant, dass sie mittlerweile in fast allen Teilen Deutschlands vorkommen. Sie haben keine Scheu vor Menschen und sie sind auch keine ausgewiesenen Fleischfresser. Gern bedienen sie sich an Küchenabfällen. Waschbären schaukeln oft so lange auf Mülltonnen herum, bis diese umfallen, sich öffnen und sie sich an den Lebensmittelresten satt fressen können. „Geschätzt leben inzwischen mehr als eine Million Waschbären in Deutschland“, weiß Peer Cyriacks. Zu einer Plage hat sich der nachtaktive Räuber mit der Gesichtsmaske vor allem in der documenta-Stadt Kassel entwickelt. Da sieht man die Tiere schon mal eine Regenrinne hinaufklettern und es sich auf den Dachböden von Siedlungshäusern gemütlich machen.

Der Marderhund oder Enok stammt ursprünglich aus Ostasien, bürgerte sich aber schon in den 1930er-Jahren im westlichen Russland ein und wanderte von dort aus allmählich weiter in Richtung Westen. Der etwa 60 Zentimeter lange Allesfresser mit der spitzen Schnauze, auch Obstfuchs genannt, lebt sehr zurückgezogen und ernährt sich von Aas, Früchten und Kleinnagern. Weil sein etwas struppiges Fell nichts wert ist, wird er nicht besonders gejagt. Das ist bei den Minks, den amerikanischen Nerzen, anders. Deren Felle sind hochwertig, denn bei ihnen handelt es sich eigentlich um verwilderte Haustiere. In den 50er-Jahren sind die schlanken Tiere mit dem langen Schwanz aus Nerzfarmen ausgerissen und haben sich in Europa rasant vermehrt.

Sorgen macht sich so mancher Naturfreund allerdings um die einheimischen roten Eichhörnchen. Aus Nordamerika sind nämlich die größeren und robusteren Grauhörnchen in unsere Gefilde gelangt. „Squirrels“ heißen sie in den USA und in Kanada. Für Naturschützer ist das Grauhörnchen ein Albtraum. Der Allesfresser, mit 500 Gramm doppelt so schwer wie sein zierlicher roter Artgenosse, zählt zu den hundert schlimmsten Invasoren der Welt. In Großbritannien läuft bereits ein Schutzprogramm für die possierlichen Roten gegen den aggressiven grauen Bruder aus Amerika. Die Aktion „Save Our Squirrels“ hatte 2006 dort zum Verzehr der Grauhörnchen aufgerufen. Im US-Bundesstaat Kentucky gilt das Gehirn des Grauhörnchens als Delikatesse, und auch in England bereiten Fernsehköche die grauen Nager mundgerecht zu.
„Dass Wolf, Biber und auch Seeadler sich ihre früheren Räume zurückerobern können, ist ein Erfolg des Naturschutzes“, sagt Peer Cyriacks. Andere Immigranten gelangen oft auf abenteuerlichen Wegen zu uns. Da fliegt schon mal ein Kakadu in den Frachtraum eines Flugzeuges und landet Stunden später in Fuhlsbüttel, noch mehr Tiere kommen per Schiff hier an. „Auch in Lebensmitteln oder in der Fracht von Tropenhölzern gelangen fremde Arten zu uns. Doch nur eins von 1.000 Tieren bleibt und kann sich hier vermehren“, so Cyriacks.

Überraschend ist zum Beispiel die Ausbreitung von Nandus in Mecklenburg-Vorpommern. Die Straußenart, eigentlich in den Savannen von Brasilien und Argentinien zu Hause, büxte immer wieder aus einem Gehege in Groß Grönau bei Lübeck aus und hat sich nördlich des Ratzeburger Sees vermehrt. Etwa 140 Tiere leben hier in freier Wildbahn, auch mit dem norddeutschen Klima kommen sie gut zurecht. Zwar gibt es einige Bauern, die sich darüber beklagen, dass die behäbigen Laufvögel ihnen die Felder kahl fressen, doch das Washingtoner Artenschutzabkommen schützt sie vor Verfolgung.

Peer Cyriacks sieht hingegen keine problematischen Tier-Immigranten in Deutschland. Nur den asiatischen Laubholzbockkäfer nennt er als gefährlichen Neozoon. Die zweieinhalb bis vier Zentimeter langen Käfer sind per Möbeltransport aus China zu uns gekommen. Das gefräßige Insekt zählt zu den schädlichsten Invasoren, weil er alle Baumarten befallen kann, sie aushöhlt und zum Absterben bringt. In Norddeutschland ist der Laubholzbockkäfer bisher noch nicht aufgetaucht, aber bis Magdeburg hat er es geschafft. Bis Hamburg sind es nur noch 200 Kilometer.

 

Wolf_Cyriacks

PEER CYRIACKS
ist bei der Deutschen Wildtier Stiftung Referent für Naturschutz und Umweltpolitik. Der Umweltbiologe studierte in Bremen und Edinburgh. Bevor Peer Cyriacks seinen Weg zur Deutschen Wildtier Stiftung fand, arbeitete er als freiberuflicher Ornithologe und Gewässerbiologe. Von 2007 bis 2011 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule in Eberswalde beschäftigt.
www.deutschewildtierstiftung.de

Foto Cyriaks: Volker Debus

Schreiben Sie einen Kommentar