Schöne Aussichten

„Genieße und vermeide den Größenwahn“

Der Meteorologe Sven Plöger über den Klimawandel, globale Zusammenhänge, eine mögliche Rettung aus China und einen 6,9 Kilogramm schweren Tornado — schöne Aussichten?

Interview: Sören Ingwersen
Foto: Olaf Rayermann

 

Sven Plöger (48) moderiert täglich dreizehn Wettersendungen im TV und Internet und ist auch für deren Inhalte verantwortlich. Seit 1999 ist er das prägende Gesicht der zweieinhalbminütigen Live-Sendung „Das Wetter im Ersten“.

ACHT: Herr Plöger, der Satiriker Max Goldt hat sich einmal etwas despektierlich über die Besessenheit seiner Mitmenschen geäußert, in die Zukunft schauen zu wollen und gesagt: „Wenn ich wissen will, wie das Wetter ist, schaue ich aus dem Fenster. Wenn ich wissen will, wie das Wetter morgen ist, schaue ich morgen aus dem Fenster.“ Wieso ist es so wichtig für uns, das Wetter von morgen zu kennen?

Sven Plöger: Es hilft bei der Freizeitgestaltung und im Beruf. Für einen Landwirt ist es gut zu wissen, was ihn erwartet. Wenn mehrere Regentage anstehen und er das Heu vorher nicht einbringt, ist die Ernte verdorben. Aber auch Wetterwarnungen sind wichtig. Wenn wir einfach blauäugig durch den Tag stolpern, setzen wir uns Gefahren aus, die beim heutigen Stand der Technik vermeidbar sind. Für den folgenden Tag liegen wir zu etwa 90 Prozent richtig mit unserer Vorhersage.

Zweieinhalb Minuten lang sieht man Sie täglich in „Das Wetter im Ersten“ auf der Mattscheibe. Und dann noch einmal nach den „Tagesthemen“. Was machen Sie die restlichen acht Stunden des Arbeitstages?
Ich ruhe mich aus, drehe Däumchen und warte auf meinen Einsatz (lacht). Aber nein, es gibt sehr viel zu tun. Mein Kollege und ich sichten Satellitenbilder, Radarfilme, die aktuellen Wetterkarten und viele Wettervorhersagemodelle. Daraus machen wir dann die Prognose. Außerdem stehen uns in Deutschland die Daten von mehr als 500 und weltweit von rund 14.000 Wetterstationen zur Verfügung.

Jeder Monat des Jahres 2014 gehörte zu den vier wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnung 1880. Sollte uns das Angst machen?
Man sollte grundsätzlich keine Ängste schüren. Ein Mensch, der Angst hat, handelt unüberlegt. Aber es sollte uns nachdenklich machen. Wir pusten mit steigender Tendenz jedes Jahr 36 Milliarden Tonnen Kohlendioxid und viele andere Treibhausgase in die Atmosphäre. Das hat globale Auswirkungen.

Die Weltklimakonferenzen haben uns ja nicht gerade weitergebracht …
1992 haben wir uns zum ersten internationalen Umweltgipfel in Rio de Janeiro zusammengerauft, weil wir gemerkt haben, dass wir etwas tun müssen. Das war eine große und wichtige Erkenntnis. Das Problem ist nur: Heute, 23 Jahre später, haben wir einen 53 Prozent höheren CO2-Ausstoß. Wir reden viel, tun aber wenig.

Könnte die diesjährige Klimakonferenz in Paris etwas bewegen?
Ich bin recht zuversichtlich, denn wenn es noch einmal so ein Desaster geben sollte wie 2009 in Kopenhagen, müssten wir wieder ganz von vorne beginnen. Und es könnte unerwartete Unterstützung aus China geben. Die Chinesen leiden dermaßen stark unter ihrer Luftverschmutzung, dass ihnen klar ist: Hier muss sich etwas ändern, weil sonst die Gesundheitskosten maßlos explodieren.

Ist der Klimawandel tatsächlich von Menschen gemacht?
Er ist eine Kombination von natürlichen Veränderungen und solchen, die vom Menschen verursacht werden. Wichtig ist, die Zusammenhänge zu verstehen. Wenn das arktische Eis sich zurückzieht, was es mit dramatischer Geschwindigkeit tut, verändern sich in der Höhe die Starkwindbänder, was dazu führt, dass unsere Tiefs und Hochs sich langsamer verlagern. Das heißt, in einer bestimmten Region kann über einen längeren Zeitraum sehr viel, in einer anderen sehr wenig Regen fallen. Hochwasser- und Dürregefahr werden in Zukunft also gleichermaßen steigen.

Was sind die Ursachen dieser Veränderung?
Neben der Verbrennung fossiler Energieträger sicher die Landwirtschaft mit unserer Tiernutzung. Unser Fleischkonsum ist extrem hoch und steigt weiter an und die Tiere stoßen große Mengen Methan aus. Außerdem ist mir schleierhaft, weshalb so viele Menschen in einem Land mit gutem Straßennetz plötzlich einen Geländewagen brauchen. Ich bin kein Freund des erhobenen Zeigefingers und möchte auch nicht allen alles verbieten. Aber man muss einen richtigen Modus finden, was nicht einfach ist. Deshalb halte ich es für dringend geboten, eine Energiewende einzuleiten, die den Energieverbrauch von der Emission von Schadstoffen entkoppelt. Und das geht nur mit erneuerbaren Energien.

Was ist dran an dem sogenannten „Schmetterlingseffekt“? Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?
Bereits in einem winzigen Luftausschnitt befinden sich Trillionen Teilchen. Wir haben hier zwar determinierte Zusammenhänge, können diese aber nicht überblicken. Hieraus ergibt sich das Chaos, das mit dem Schmetterlingseffekt beschrieben wird. In Bezug auf das Wetter ist die Sonne der Schmetterling. Sie erwärmt bestimmte Bereiche und andere nicht. Die Atmosphäre und die Ozeane versuchen ständig, dieses energetische Ungleichgewicht auszugleichen. So entsteht das Wetter.

2010 wurde Ihnen auf dem Extremwetterkongress in Bremerhaven mit dem Medienpreis für die beste Wettermoderation eine gewichtige Trophäe verliehen …
Der Preis war in der Tat unglaublich schwer: 6,9 Kilogramm! Er sieht aber sehr schön aus: ein Tornado in Stein gemeißelt. Dass eine Jury es würdigt, wenn man mit seiner Berichterstattung verständlich ist, Hintergründe liefert und im Idealfall auch etwas Humor mitbringt, hat mich sehr gefreut. Nur mit erhobener Trophäe zu jubeln, war etwas schwer.

Dafür erheben Sie sich in Ihrer Freizeit gerne – nämlich in den Himmel, mit Gleitschirm oder Segelflugzeug. Haben Sie dort oben das Gefühl, dem Wetter etwas näher zu sein?
Wenn ich mit dem Gleitschirm in den Alpen die Aufwinde am eigenen Körper spüre, ist das schon sehr beeindruckend. So kann man den Respekt vor der Natur wieder lernen, auch wenn das etwas pathetisch klingt. Ich sage nur: Genieße, nimm wahr und stelle fest, dass die Natur kraftvoll ist und du klein bist. Ordne dich dementsprechend vernünftig ein und vermeide Größenwahn.

Sind Sie ein wetterfühliger Mensch?
Nein.

 

SVEN PLÖGER
wurde am 2. Mai 1967 in Bonn geboren und war schon als Kind fasziniert vom Himmel, den Wolken und der Fliegerei. Dies und seine Vorliebe für das Fach Physik erweckte in ihm früh den Wunsch, Meteorologe zu werden. So studierte er bis 1996 Meteorologie in Köln und arbeitete danach als Wettermoderator für zahlreiche TV- und Hörfunksender. Seit 1999 moderiert er „Das Wetter im Ersten“ vor der Tagesschau und im Anschluss an die Tagesthemen. Außerdem führt er durch zahlreiche weitere TV-Wettersendungen in den dritten Programmen der ARD.
www.meteo-ploeger.de

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