Science Spielwiesen

Gefährliches Spiel

Spielprinzipien werden in den Alltag übertragen. Menschen sollen so für ein bestimmtes Verhalten belohnt und motiviert werden. Allerdings lassen sich Menschen von vermeintlich harmlosen Spielen auch manipulieren. In seinem Essay stellt der Soziologe Stefan Selke die Frage, welche gesellschaft­lichen Folgen das Spiel mit der digitalen Selbstvermessung hat.

Text: Stefan Selke

 

Es ist kein Zufall, dass Leben immer intensiver als Spiel begriffen wird. Gesellschaft entsteht dort, wo Regeln zur dauerhaften Lösung wiederkehrender Probleme entwickelt und festgeschrieben werden. Zum Verständnis der Spielregeln sollten drei Fragen beantwortet werden: Wer darf mitspielen und wer sitzt nur auf der Ersatzbank, wer stellt die Spielregeln auf und was passiert eigentlich mit den Verlierern?

Ein aktuelles Spielfeld ist die digitale Selbstvermessung mit Fitnessarmbändern, Smartwatches oder intelligenten Textilien. Bereits 1958 diskutierten Intellektuelle im Rahmen der Darmstädter Gespräche Fragen zur Vermessung des Menschen. Schon damals ging es um das Genormte, die unbewussten Reaktionsmuster und das durchfunktionalisierte Handeln. Und es ging um gesellschaftliche Auslese. Geändert hat sich seitdem vor allem die Technologie. Unverändert ist hingegen die zentrale Frage, wo denn der Mensch bleibt, wenn er vermessen wird. Wenn wir uns immer differenzierter durchleuchten und dabei unseren Nutzwert zählbar und in der Form numerischer Lebendbewerbungen anpreisbar machen, gewinnen wir zunächst viel: Objektivität, Rationalität, Echtzeit-Feedback und Mustererkennung. Vielleicht sogar einen Hauch Selbsterkenntnis. Aber welchen Preis zahlen wir am Ende dafür?

Es ist erstaunlich, wie triviale Spiele uns manipulieren und abhängig machen. „Addiction by design“ bedeutet, dass suchtanfällige Spielmechanismen als äußerst wirkungsvolles Instrument zur Verhaltenssteuerung genutzt werden. Gamification ist der Transfer klassischer Spielformen auf nicht spielerische Umgebungen wie z. B. die digitale Selbstvermessung. Diese effektiven Strategien dienen der behavioristischen Beeinflussung von Menschen, wobei die freiwillig erzeugten digitalen Datenschatten erst die Grundlage für soziale Vergleichsmöglichkeiten schaffen. Hochauflösende Vergleichsdaten erzeugen soziale Metakommentare über Menschen, die zu numerischen Objekten degradiert werden. Denn an alle Daten sind soziale Erwartungen geknüpft, die von den Schiedsrichtern des Spiels – den neue Eliten – vorgegeben werden. Langfristig ändert sich dabei der soziale Blick, wenn wir uns in verspielten Wetten auf ein besseres Leben immer intensiver gegenseitig beobachten – im Modus der Fehlersuche.

Diese rationale Diskriminierung verändert die Spielregeln selbst. Auf Basis scheinobjektiver Datensammlungen wird über Zugehörigkeit und Zukunftschancen entschieden. Wenn Studierende einer Privatuni in den USA einen Fitness-Tracker tragen müssen und die gemessenen Werte zu 20 Prozent in die Note eingehen, dann zeigt das nur, wie schleichend neue Kopplungen zwischen numerischen Werten (Tracking) und sozialen Werten (Bildungsgleichheit) geschaffen werden, die sich diskriminierend auswirken. Dabei weitet sich nicht nur die (Selbst-)Vermessungszone, sondern auch die soziale Kampfzone aus. Neben die Vermessung des Körpers gesellt sich die Vermessung von Leistungen, Stimmungen, Psyche und letztlich Entscheidungen. Vordergründig entstehen dabei Punktesammlungen, Level, Likes, Rankings, Badges und virtuelle Pokale. Im Hintergrund aber verändern sich durch das kollektive Spiel die Beschreibungskategorien von Wirklichkeit selbst – und damit die Spielregeln des Spiels. Wir erleben, wie uns gänzlich neue Währungen anleiten: „NikeFuel“ als Währung für Fitness, das „VitalityAlter“ als Währung für präventives Verhalten oder „Loss of Spark“ (LOS) als Währung für Beziehungsqualität. Wir sind längst Teil eines gigantischen volkspädagogischen Umerziehungsprogramms, einer „Psychopolitik“ (Byung-Chul Han) und spielen Spiele auf Basis der Illusion, stets zu den Gewinnern zu gehören. Die Möglichkeit, langfristig auch zu verlieren, blenden wir aus.

Die verblüffende Wirkung der Selbstvermessungsspiele im Trainingslager der kommenden Gesellschaft lässt sich noch steigern. Es reicht nicht aus, Gamification als Schmiermittel für ökonomische und soziale Prozesse einzusetzen. Darüber hinaus treten immer mehr „gierige Institutionen“ auf den Plan, die einen neuen Gesellschaftsvertrag für das ganz große Spiel anbieten. Greedy Institutions (Lewis A. Coser) versprechen, die moderne Zerrissenheit unserer Existenz wieder zu einer Ganzheit zusammenzufügen. Für die Teilnahme an dieser exklusiven Sinnstiftung verlangen sie totale (Daten-)Hingabe. Gierige Institutionen stellen eine eigene Welt zur Verfügung, die übersichtlicher und verlässlicher ist als die widersprüchliche und widerspenstige (analoge) Welt da draußen. Diese Komplexitätsreduktion macht Facebook & Co. so attraktiv. Dass wir dabei nicht nur Daten abliefern, sondern auch Souveränität und Entscheidungsautonomie einbüßen, gehört zu den Paradoxien dieses Spiels. Google bietet uns sogar Spielregeln für einen neuen Gesellschaftsvertrag an: Verzicht auf Privatheit für die Segnungen der Konnektivität. In diesem Spiel sind wir die „Nutzer-Bienen“ des neuen Datenkapitalismus. In der Online-Bestäubungswelt huschen wir von einer digitalen Spielwiese zur nächsten und steigern damit den Wert der Spielwiesen für deren Besitzer. Durch den Schein der Freiwilligkeit verlieren wir jedoch die Sensibilität für schleichende Abhängigkeiten.

Das Wesen suchtanfälliger und zerstörerischer Spiele ist immer gleich: Kurzfristige Gewinnchancen (Ausbeute) machen blind für die langfristigen Folgen (Ausbeutung). Ein ungefährliches Spiel zeichnet sich dadurch aus, dass es jederzeit abgebrochen werden kann. Datenwetten mit gierigen Institutionen basieren hingegen auf einer Fortsetzungs- und Steigerungslogik. Die Wette auf ein besseres Leben durch die Vermessung des Lebens ist nicht nur ein gefährliches Spiel. Es ist eine Bedrohung der offenen Gesellschaft.

 

STEFAN SELKE
ist Soziologe, seit 2008 Professor für „Gesellschaftlichen Wandel“ und „Öffentliche Wissenschaft“ an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Furtwangen (HFU). Er versteht sich als Öffentlicher Soziologe, der Positionen zu gesellschaftlich relevanten Themen entwickelt und in den Medien vertritt.
Mehr dazu in seinem Blog und unter www.stefan-selke.de.

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