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„Es wird darüber gesprochen, was wir hier machen“

Hamburg ist die einzige Stadt Deutschlands, die eine Stadtkuratorin hat. Sophie Goltz organisiert Kunstprojekte im öffentlichen Raum und gibt der Kulturszene dadurch neue Impulse. Im Sommer endet ihre Arbeit als Stadtkuratorin. ACHT sprach mit ihr über ihre Arbeit, Hamburg als das Tor zur Welt und die internationalen Kunstvernetzungen der Stadt.

Interview: Nadine Wenzlick
Fotografie: Frank Egel

 

ACHT: Frau Goltz, was genau macht eine Stadtkura­torin?
Sophie Goltz: Das Projekt wurde 2013 von der Kulturbehörde initiiert. Die Idee ist, gemeinsam eine Aktualisierung und Neuausrichtung des 1981 vom Hamburger Senat eingesetzten Programms „Kunst im öffentlichen Raum“ anzustoßen. Die Stadtkuratorin soll neue wie etablierte Formate des Ausstellens und der Kunstproduktion ermöglichen und der Kulturszene Hamburgs so aktuelle Impulse geben. Das schließt eine kritische Auseinandersetzung mit lokalen städtischen Fragen, ihren internationalen Kontexten und den vorhandenen künstlerischen Potenzialen und Konflikten mit ein.

Was für Projekte haben Sie in Ihrer Zeit als Stadtkuratorin bisher realisiert?
Da unsere finanziellen Mittel begrenzt sind, haben wir uns bewusst entschieden, längerfristig zu arbeiten. Also nicht auf ein Hauptevent oder drei große Kunstwerke/Interventionen zu konzentrieren, vielmehr über viele kleinere Formate eine stärkere Sichtbarkeit für Fragen einer Kunst im öffentlichen Raum heute herzustellen, um damit zu zeigen, was dieser Themenkomplex alles umfassen kann.

Zum Beispiel?
Seminare und Workshops, Ausstellungen und Performances. Wir haben die „Silent University Hamburg“ gegründet, eine autonome Plattform zum Wissensaustausch von und für Menschen mit Flüchtlingsstatus, und eine Gesprächsreihe mit dem Titel „Stadtgespräch. Metropolitane Perspektiven“ gestartet. In der interdisziplinären Ausstellung „Passagen“ ging es um Kunst im öffentlichen Raum Hamburgs seit 1981 und zuletzt, im Mai dieses Jahres, haben wir mit „What Time Is It on the Clock of the World“ ein internationales Festival zu Feminismus und öffentlichem Raum organisiert, das aus Performances, Lectures, Workshops und Konzerten bestand. Die Veranstaltungen haben in unserem Projektbüro, an öffentlichen Plätzen und in Partnerinstitutionen wie der Hochschule für bildende Künste, Kampnagel oder dem Kunsthaus Hamburg stattgefunden und waren bis auf die Konzerte auch immer kostenfrei.

Warum ist es wichtig, dass es Kunst im öffentlichen Raum gibt, also Kunst, die für jeden zugänglich ist?
Kunst und Kultur sind ein essenzieller Teil unserer Gesellschaft, insofern stellt sich die Frage vielleicht gar nicht. Andersherum: Wenn es nicht so wäre, was für eine Gesellschaft wäre das dann? Zum Glück passiert in Hamburg sehr viel. Es gibt ja nicht nur uns, sondern auch noch die freie Projektförderung der Kulturbehörde sowie viele kleine Initiativen, die stadtteilbezogene Projekte durchführen. Ich würde sagen, es gibt mehr Kunst im öffentlichen Raum, als gemeinhin wahrgenommen wird.

Hamburg galt, was Kunst im öffentlichen Raum betrifft, lange als Deutschlands Zentrum. Würden Sie das heute noch so unterschreiben?
Mit dem Ausdruck Zentrum würde ich nicht arbeiten. Sicher war Hamburg immer sehr engagiert und führend in Deutschland, Kunst aus den Institutionen in die Stadt zu bringen, sie stärker zu vermitteln, in gesellschaftliche Prozesse einzubinden und sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie Kunst demokratisch gedacht werden kann. Im Moment gibt es eben den Wunsch, das zu aktualisieren und Formen zu entwickeln, die sich auch mit neuen Verhältnissen von Zentrum und Peripherie auseinandersetzen.

Warum ist der öffentliche Raum denn überhaupt als Bühne zu betrachten?
Das wird in der Soziologie bereits seit den 1970er-Jahren diskutiert. Wir sprechen hier ja von der europäischen und damit eher bürgerlichen Stadt. Da war es immer schon so, dass man sich im öffentlichen Raum inszeniert hat. Und sei es nur beim Sonntagsspaziergang, für den sich schick angezogen wurde. Ich denke, dass der öffentliche Raum durch Styles, Musik und Codes – und damit verschiedener Identitätsabgrenzungen – heute noch viel mehr als Bühne zu anzusehen ist.

In welchem Maße kann Kunst im öffentlichen Raum Ihrer Meinung nach zur Bildung beitragen?
Das ist eine Frage, die die Menschen in professionellen Kreisen sehr beschäftigt – wie lässt sich zum Beispiel Kunst im öffentlichen Raum evaluieren, wie können Effekte festgestellt werden? Natürlich ist das nicht messbar. Ich denke, dass jede Kunstform, die öffentlich wird, eine Art der Auseinandersetzung ermöglicht. Mit Gegenwart, mit Geschichte. Es gibt inzwischen so viele künstlerische Formate, die stark kollaborativ denken, die Teilhabe an Kunstprozessen ermöglichen und dadurch eine ganz andere Form der Bildung oder des Bildungsraumes eröffnen.

Hamburg bezeichnet sich ja gerne als Tor zur Welt. Welche internationale Dimension hat Ihre Arbeit?
Unser Fokus war von Anfang an, international zu arbeiten. Wir wollen etwas in die Stadt bringen: zeigen, wie an anderen Orten gearbeitet wird, dass dort die Diskussionen und Fragestellungen sind, wo diese sich mit Hamburg überschneiden oder vielleicht auch widerständig bleiben. Dafür laden wir neben lokalen vor allem international renommierte Künstlerinnen und Künstler nach Hamburg ein. Da es uns um eine Aktualisierung geht, ist es auch wichtig, sich mit anderen Praxen und Kontexten außerhalb Hamburgs, jedoch hier vor Ort auseinanderzusetzen.

Umgekehrt: Was fand den Weg aus Hamburg raus in die Welt?
Es wird schon an einigen Orten darüber gesprochen, was wir hier machen. Gerade in Norddeutschland, zum Beispiel in Bremen, Kiel und Lübeck, überlegt man derzeit sehr genau, ob das Projekt Stadtkuratorin auch dort eingeführt werden könnte. Ich wurde zudem vom Goethe-Institut nach Bogotá eingeladen. Dort hat Kunst im öffentlichen Raum eine sehr lange Tradition und soll seitens der Stadt wieder stärker in den Fokus rücken. Und auch mit Bristol gab es einen Austausch. Der Mut zu diesem Initiativprojekt wird national wie international wahrgenommen.

Im Sommer endet Ihre Arbeit als Stadtkuratorin. Wie geht es weiter?
Ich werde sicher ein paar Tage Urlaub machen (lacht) und an unserer Publikation weiterarbeiten. Die Position als Stadtkuratorin soll neu besetzt werden, wenn auch mit einer leicht veränderten Gesamtstruktur von Kunst im öffentlichen Raum. Es ist wichtig, das bisher Erreichte weiter fortzuführen und die einmal erreichte Sichtbarkeit nicht einfach wieder verschwinden zu lassen. Langfristig sollen über wechselnde Kuratorinnen und Kuratoren immer wieder neue Perspektiven und Fragen nach Hamburg gebracht werden.

SOPHIE GOLTZ
Bevor sie 2013 künstlerische Leiterin des Projekts Stadtkuratorin wurde, hat Sophie Goltz für die Documenta 11 und 12 (2002 und 2007), die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst (2004) und zuletzt als Kuratorin und Leiterin der Kommunikation und Kunstvermittlung für den Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) gearbeitet. Zudem ist sie als Autorin für diverse Kunstzeitschriften tätig.
www.stadtkuratorin-hamburg.de


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