Hallo Zukunft

Smart City: Urbanes Leben der Zukunft

Hamburg soll mit neuen technischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Ideen grüner, wirtschaftlicher und insgesamt lebenswerter werden. Bürgermeister Olaf Scholz erklärt im Interview, wie sich unser Leben in der smarten Metropole Hamburg verändern wird.

Interview: Ralf Dorschel

Keine neue Stadt, aber eine klügere Stadt – Hamburg soll besser vernetzt werden, besser funktionieren und besser lernen. Olaf Scholz hat die Hansestadt zum deutschen Vorreiter in Sachen „Smart City“ gemacht. ACHT hat den Bürgermeister nach den Gründen gefragt – und nach den Risiken.

ACHT: Wenn ich die Strecke von Altona zum Rathaus im Jahre 2030 fahre – wie wird sich Hamburg sichtbar verändert haben?
Olaf Scholz: Wenn Sie auf das Thema „Smart City“ anspielen, glaube ich, dass viele Veränderungen in der Stadt nicht auf den ersten Blick sichtbar sein werden. Es geht dabei oft um Prozesse, die im Hintergrund ablaufen, wie zum Beispiel eine noch bessere Ampelschaltung, die sich in Echtzeit an der Verkehrslage orientiert. Oder ein App-gestütztes System zum Parkraummanagement, das Ihnen mitteilt, wo Sie in Rathausnähe noch einen freien Parkplatz finden. Vermutlich werden Sie mehr Elektroautos und Ladesäulen sehen, mehr Fahrräder und Pedelecs. Deutlich stärker ins Auge fallen werden bauliche Veränderungen, wie die Entwicklung der Neuen Mitte in Altona. Wenn alles klappt, werden dort schon 2017 die ersten Bewohner einziehen. Auch an anderen Stellen wird die bauliche Verdichtung der Stadt erkennbar sein. Schließlich wächst Hamburg und wir wollen weiter ausreichend bezahlbaren Wohnraum schaffen – für alle, die gern in Hamburg leben wollen.

Hamburg ist bundesweit Vorreiter in Sachen „Smart City“. Sie ist bei Ihnen zur Chefsache geworden, die Verantwortung liegt bei der Senatskanzlei. Warum ist Ihnen dieses Projekt so wichtig?
In Hamburg haben wir uns entschieden, nicht von der „Smart City“, sondern von der digitalen Stadt zu sprechen. Smart waren wir nämlich schon immer und sind es nicht erst seit der Digitalisierung. Gleichzeitig muss einem heutzutage klar sein, dass die Digitalisierung alle gesellschaftlichen Bereiche berührt. Und dabei hält sie sich nicht an die althergebrachten Zuständigkeitsgrenzen, die wir in Politik und Verwaltung seit Jahrzehnten eingeübt haben, sondern verläuft oft quer dazu. Das müssen wir beachten, wenn wir diesen Prozess gestalten wollen. Die Zuordnung in der Senatskanzlei trägt diesem horizontalen Charakter Rechnung. Außerdem bin ich überzeugt, dass Politik und Verwaltung klar Position beziehen und Orientierungen geben müssen, wenn der digitale Wandel gelingen soll.

Die Smart City kommt nicht mit einem Knall. Welche Bereiche sehen Sie als unproblematisch an, wo werden wir als Erstes Ergebnisse im Zusammenhang mit der Smart City sehen? Welche sind schwieriger?
Einige Ergebnisse sehen wir doch schon heute. Wenn Sie Bus und Bahn fahren, können Sie Ihr Ticket per Handy kaufen. Das überrascht heute vielleicht niemanden mehr, ist aber ein wichtiger Schritt, um dieses Angebot attraktiv zu halten. Im Hafen arbeiten wir unter dem Stichwort „Smart Port“ an der Verknüpfung von Verkehrs-, Infrastruktur- und Warendaten. Wir wollen, dass ein LKW erst dann am Terminal steht, wenn der für ihn bestimmte Container abholbereit ist. Damit vermeiden wir unnötige Wartezeiten, verstopfte Straßen und Emissionen. Auch das ist „smart“ und hält den Hafen nebenbei wettbewerbsfähig. Ob es die Hamburger Open Online University ist, die eCulture Agenda, WLAN im Klassenzimmer oder die bedarfsgerechte Weiterentwicklung digitaler Bürgerservices, an diesen und vielen weiteren Themen wird in der Stadt tagtäglich gearbeitet. Wir sind in vielen Bereichen schon auf einem guten Weg. Gleichzeitig gibt es viele berechtigte Fragen: Wer schafft die Infrastruktur für neue, digitale und hoffentlich „intelligente“ Angebote? Bleibt sie in öffentlicher Hand? Machen dies Unternehmen? Gibt es Mischformen? Wo bleibt der Bürger? Kann er bestimmen, was mit seinen Daten passiert? Je mehr solcher Fragen betroffen sind, desto anspruchsvoller ist es, Lösungen zu finden, von denen Stadt und Bürger auch langfristig profitieren und die rechtlich zulässig sowie solide finanzierbar sind. Wir müssen sicherstellen, dass Politik und Verwaltung bei diesen Fragen handlungs- und entscheidungsfähig bleiben. Deshalb wenden wir uns mit Nachdruck dem Thema Digitalisierung zu.

Mit der digitalen Stadt soll sich auch die Art und Weise ändern, wie wir Hamburger lernen. Ob Bildungs-Cloud oder digitale Bildungsnetzwerke: Wer soll profitieren von der Vernetzung der Hamburger Bildungsangebote, von Hochschulen bis zur VHS?
Im Idealfall alle Beteiligten. Die Digitalisierung und intelligente Vernetzung beseitigt Redundanzen, macht vorhandene Inhalte leichter verfügbar und eröffnet vor allem neue Querverbindungen. Bei aller gerechtfertigten institutionellen Unabhängigkeit darf man sich doch fragen, warum die Angebote aus dem einen Segment nicht Lernenden aus einem anderen zur Verfügung stehen sollen. Warum soll ein Schüler künftig nicht auf seinem selbst mitgebrachten Tablet im Klassenzimmer auch auf freigegebene Lehrinhalte der VHS in einer Bildungs-Cloud zugreifen können?

Die Hamburg Open Online University (HOOU) setzt auf neue Lehr- und Lernangebote. Wer soll hier lernen?
Die HOOU richtet sich ausdrücklich an alle Lerninteressierten. Wir wollen gerade nicht eine „normale“ Universität im Netz nachbauen. Das wird schon dadurch deutlich, dass sich alle sechs staatlichen Hamburger Hochschulen daran beteiligen. Die HOOU setzt auf ein eigenes didaktisches Konzept, das an den Lernenden orientiert ist und vernetztes, problemorientiertes Lernen ermöglicht. Es geht darum, das Vernetzungspotenzial der digitalen Medien zu nutzen, um mit unterschiedlich zusammengesetzten Gruppen praxisnah Problemstellungen anzugehen. Wen brauche ich beispielsweise, um mich der Frage zu nähern: „Wie kann man Plastikmüll aus dem Meer fischen?“ Ozeanografen, Chemiker, Biologen und Unternehmen, die Erfahrung mit Arbeiten auf hoher See haben? Oder einen engagierten Studienabbrecher, der das Vorhaben vorantreibt, so wie es der Niederländer Boyan Slat mit seinem Projekt „The Ocean Cleanup“ tut? Es geht um vernetztes Lernen in Teams, über Blogs oder soziale Netzwerke, und dies mit öffentlich zugänglichen Lernmaterialien.

Sie wollen über HOOU und VHS neue Zielgruppen für Bildung erschließen. Wo sehen Sie die Vorteile der neuen Technologien gegenüber herkömmlichen Bildungsangeboten?
Wenn wir Bildung attraktiv halten wollen – und dabei ist es egal, ob wir von Schulen, Hochschulen oder den Volkshochschulen sprechen –, müssten wir auch zeitgemäße Zugangskanäle bedienen. Das ist zunächst mal eine Grundvoraussetzung. Hierbei geht es aber nicht um ein Entweder-oder. Wir müssen die Vorzüge von digitalen und nicht digitalen Angeboten nutzen. Mit dem digitalen Ansatz kann ich viel leichter große Reichweiten erzielen und spreche vielleicht auch andere Zielgruppen an. Andere Vorteile des vernetzten Lernens habe ich eben schon angesprochen.

Was passiert, wenn die City smarter wird als ihre Bürger? Wenn sich nicht mehr alle mitgenommen fühlen? Wenn digitale Erfahrung zur Voraussetzung und Eingangskarte für die Smart City wird? Gibt es in einer Smart City noch ein Leben ohne Apps?
Mit der digitalen Stadt wollen wir Beteiligungs- und Teilhabemöglichkeiten erweitern und nicht begrenzen. Wenn wir beispielsweise digitale Bürgerservices ausbauen und nutzerfreundlicher gestalten, wird es weiterhin die Möglichkeit geben, persönlich auf dem Amt zu erscheinen.

Stichwort Datenschutz: Für die digitale Stadt und den Smart Port müssen Gesetze geändert werden, die uns bisher lieb und teuer waren. Ist es das wert?
Für den Smart Port wurden keine Gesetze geändert, um „Rundumüberwachung“ zu ermöglichen. Ganz sicher werden wir dies auch nicht für die digitale Stadt tun. Richtig ist allerdings, dass es in vernetzten Städten zu ganz neuen Formen der Datenerfassung, -kombination und -auswertung kommen wird. Daher ist es zentral, dass Belange des Datenschutzes stets von vornherein berücksichtigt werden. Der Schutz von und die Souveränität über individuelle Daten ist ein wichtiges Prinzip einer neuen digitalen Ordnung. Dies ist nicht weniger als eine zentrale Bürgerrechtsfrage – vor allem, wenn es um den Schutz dieser Daten vor dem Zugriff des Staates geht. Die Debatte über die Datenschutzgrundverordnung der EU zeigt, wie viel Arbeit wir hier noch gemeinsam zu leisten haben und wie sehr dieses Politikfeld noch in Bewegung ist. Und diese Diskussion findet an der richtigen Stelle statt. Denn nur ein europaweites Recht hat eine Chance, relevant zu sein.

Angesichts von US-Partnern wie Microsoft und Cisco bei der Umsetzung der digitalen Stadt sorgen sich Bürger um ihre Daten. Wie kann man sicherstellen, dass die nicht nur heute, sondern auch 2030 noch in guten Händen sind?
Wir erwarten von allen unseren Partnern – und das sind wesentlich mehr als die beiden von Ihnen genannten Unternehmen –, dass sie rechtstreu und verantwortungsvoll mit sensiblen Daten umgehen. Daher achtet der Hamburger Senat bei der Zusammenarbeit mit externen IT-Anbietern auf größtmöglichen Datenschutz. Dazu könnte es auch gehören, dass Auftragnehmer der Stadt im Rahmen einer „No-Spy-Klausel“ zu besonderer Vertraulichkeit, Geheimhaltung und Datenschutz verpflichtet werden.

Fotos: ermingut/Istock-Photo, kasto80/Istock-Photo, Wavebreakmedia/Istock-Photo, OcusFocus/Istock-Photo

 

SMART CITY
Smart City ist ein Sammelbegriff für ganzheitliche Entwicklungskonzepte, die darauf abzielen, Städte effizienter, technologisch fortschrittlicher, ökologischer und sozialer zu gestalten. Diese Konzepte werden von unterschiedlichen Akteuren in Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Stadtplanung verwendet, um technologiebasierte Veränderungen und Innovationen in urbanen Räumen zusammenzufassen. Die Idee der Smart City geht mit der Nutzbarmachung digitaler Technologien einher und ist eine Reaktion auf die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Herausforderungen, mit denen postindustrielle Gesellschaften konfrontiert sind. Im Fokus stehen der Umgang mit Umweltverschmutzung, dem demografischen Wandel, Ressourcenknappheit sowie die neuen Formen der Mobilität und des städtischen Zusammenlebens..


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