Achtung, Nachbarn

Seid lieb und vernetzt euch

Digitale Netzwerke und Apps sollen Stadtteile stärken und Nachbarschaften zusammenbringen. Das klingt praktisch, ist aber nicht frei von unternehmerischen Interessen.

Text: Juliane Löffler

 

Es gibt Momente, in denen spürt man die Nachbarschaft sehr analog. Wenn man etwa nachts wach liegt und sich fragt, ob man tatsächlich im Schlafanzug ein Stockwerk nach oben gehen soll, um die Nachbarn zu fragen, ob sie bitte den Bass rausdrehen können. Oder wenn das kleine Nachbarskind im Zweistundentakt ausgedehnte Schreianfälle bekommt, weil es gerade zahnt. Oder wenn man sich fragt, ob die von obendrüber gerade ein Raumschiff bauen oder ihre Wohnung umräumen, oder was zur Hölle es sonst ist, was unbedingt an einem Sonntagmorgen erledigt werden muss. In diesen Momenten wünscht man seine Nachbarn lieber auf den Mond statt in ein gemeinsames Netzwerk.

Tatsächlich aber treten seit geraumer Zeit immer mehr digitale Nachbarschaftsplattformen an, um vor allem Großstädter zu vernetzen. Austausch fördern, Zusammenhalt in Stadtteilen stärken, Informationen verteilen, so lauten die Ziele dieser Plattformen, bei denen man über personalisierte Accounts mit seinen Nachbarn in Kontakt kommen kann. Die Vorteile liegen auf der Hand – ich leihe dir meine Bohrmaschine, dafür gehst du mit meinem Hund Gassi, und jemand aus unserer Straße warnt vor Einbrechern. Über die Plattformen kann man sich kennenlernen und der Anonymität der Großstädte trotzen, Straßenfeste organisieren etwa, Hinterhöfe bepflanzen, Müll entsorgen. Das klingt nach Großstadtidylle und es ist einleuchtend, dass sich vieles mit einer App besser und effizienter organisieren lässt. Ähnlich machen es die Carsharing-Plattformen, welche verstanden haben, dass in Großstädten gerade jungen Leuten Zeit, Platz und Geld fehlt – und dass es für sie Sinn ergibt, Gegenstände und Ressourcen zu teilen. Es ist das Prinzip der Sharing Economy. Aber: Wenn das Bedürfnis nach Nachbarschaftskultur tatsächlich so groß ist, was spricht dagegen, sich einfach im Hausflur anzusprechen? Oder ist unsere Kommunikationskultur so digitalisiert, dass wir unsere Nachbarn lieber über eine App kennenlernen möchten?

Hinter den Nachbarschaftsnetzwerken steckt noch etwas anderes. Es gäbe wohl all die Plattformen wie WirNachbarn.com, nebenan.de, Do me a favour oder nachbarschaft.net nicht, wenn es sich nicht bezahlt machen würde – auch wenn gerne betont wird, dass es vor allem um die gute Sache geht. Das Geschäftsmodell ist einfach: Sind die kostenlosen Netzwerke erst einmal groß genug, werden sie attraktiv für Werbeanzeigen lokal ansässiger Geschäfte, die ihre Zielkundschaft auf dem Silbertablett präsentiert bekommen. Oder werden kostenpflichtig. Eines der Vorbilder ist das amerikanische Netzwerk Nextdoor, ein Start-up aus San Francisco, dessen Marktwert von Investoren nach rund fünf Jahren auf über eine Milliarde Dollar geschätzt wird. In Deutschland allerdings sind die Netzwerke längst nicht so gewinnträchtig oder populär. Ein Grund dürfte darin liegen, dass in den USA Menschen ihre Nachbarschaft wesentlich schlechter kennen als in Deutschland, wie eine Studie des Marktforschungsunternehmens YouGov herausfand. So schlecht, zeigt die Studie, steht es um die Nachbarschaftsbeziehungen gar nicht. Fast jeder Deutsche kennt zumindest einen Teil seiner Nachbarn.

In Deutschland versuchen die Netzwerke trotzdem, mit unterschiedlichen Strategien an das Erfolgsmodell aus den USA anzuknüpfen. Die in Hamburg gestartete App Do me a favour ist eine Art digitales Schwarzes Brett, in dem Nachbarschaftshilfe angeboten und angefragt werden kann, ähnlich funktioniert die Facebook-Gruppe Nett-Werk Hamburg. In Berlin gibt es die Plattformen WirNachbarn.com, nebenan.de, Letztere ein ambitioniertes Projekt des erfolgreichen Start-up-Gründers und Unternehmers Christian Vollmann. Es handelt sich um eine Art Facebook für Nachbarn, aus denen Microcommunities in den Stadtteilen entstehen sollen. Mithilfe von Kategorien wie „Leihen“, „Helfen“, „Sicherheit“ oder „Event“ können sie sich austauschen. Bisher entstehen die Netzwerke vor allem in Hamburg und Berlin, potenziell sind dem Wachstum aber über die Großstädte hinaus keine Grenzen gesetzt. Im Gegenteil – oft ist das Ziel, dass die Netzwerke in ganz Deutschland funktionieren. Es ist der Hype um die sogenannte Hyperlokalisierung und der Wunsch, das Ozeanische, das das digitale Leben mit sich bringt, wieder im analogen Mikrokosmos dingfest zu machen. So sehen das zumindest die Gründerinnen und Gründer. Vollmann spricht von einem „Social-Impact-Business“ und einem „Effekt auf das Every-Day-Life der Nutzer“.

Wie nebenbei werden die Nachbarn zu Nutzern. Es ist nicht der Fakt, dass die Vernetzung der Nachbarschaft digital unterstützt werden soll, der einen stutzig werden lässt – es ist der Gedanke, dass es kommerziellen Nutzen abwerfen soll, wenn sich Nachbarn gegenseitig unterstützen. Und vielleicht auch die Frage, wie effizient wir leben sollen. Ob wir nicht vielleicht ganz ineffizient an den Haustüren unserer Nachbarn klingeln wollen, um etwa gemeinsame Projekte zu organisieren, besonders wenn es darum geht, widerständig zu sein. Auch wenn sie sich digital organisieren – Netzwerke wie Reclaim your City leben davon, dass Menschen sehr analog Raum in der Stadt einnehmen, wie man an den Kämpfen um das Gängeviertel sehen konnte. Auch das ist ein wichtiger Teil von Stadt- und Stadtteilkultur.

Die digitalen Nachbarschaftsnetzwerke jedenfalls wollen bislang nicht so recht anlaufen. In der App Do me a favour findet man hauptsächlich Karteileichen. In Eilbek sucht jemand Hilfe beim Lampeninstallieren, in Marienthal bietet sich jemand als Katzensitter für den „kleinen Tiger“ an, eine andere Anfrage sucht ein Tandem für „seriöse Massagen“. Fast alle Einträge sind unbeantwortet. Dass es vielleicht gar keine Nachfrage gibt für die digitale Nachbarschaft, mussten auch die Gründer des Hamburger Netzwerks Niriu erfahren. 2010 gestartet ging im Laufe der Zeit das Engagement der 3.000 Mitglieder zurück, die nötige Finanzierung blieb aus. Anfang 2015 schloss das Portal. Vielleicht sind es nur die Startschwierigkeiten einer Form von Vernetzung, die in einigen Jahren in den Nachbarschaften ganz alltäglich sein wird. Vielleicht zeigt es aber auch, dass man, nur weil man sich vernetzen kann, es nicht unbedingt auch tun muss. Dass der sogenannte Großstadtdschungel eben auch dazu da sein kann, um abzutauchen oder sich zurückzuziehen. Und dass, falls man Hilfe oder Informationen aus der Nachbarschaft braucht, mehr dazu gehört, als eine App herunterzuladen. Über alternativen Wohnraum nachzudenken etwa, indem man sich beispielsweise in Gemeinschafts- oder Mehrgenerationenhäusern unterstützt und neue Formen des Zusammenlebens entwickeln kann. Oder einfach den Mut zu haben, nebenan auf die Klingel zu drücken.

Foto: suze/photocase.de

 

 

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