Global Schöne Aussichten

Höhenkitzel

Roofer klettern ungesichert auf hohe Brücken, Masten oder Dächer: Sie suchen den Adrenalinkick, lieben die Freiheit und riskieren dabei ihr Leben.

Text: Heinrich Oehmsen

 

Nach oben auf das Empire State Building zu kommen ist einfach. Unten am Box Office ein Ticket lösen, dann mit einem Fahrstuhl in die Höhe fahren und von der Aussichtsplattform einen Rundumblick über New York City genießen. Der Weg auf die Spitze des Shanghai Towers ist da weitaus beschwerlicher – zumal der 632 Meter hohe Wolkenkratzer im vergangenen Jahr noch nicht fertig gebaut war. Die beiden Russen Vadim Makhorov und Vitaliy Raskalov waren dennoch oben auf der Spitze. Stundenlang hat ihr Aufstieg gedauert. In schwarzen Klamotten und vermummt sind sie über die Baustelle geklettert, haben die richtigen Treppenhäuser gesucht und waren nach einem anstrengenden Aufstieg endlich oben. Als letzter Teil der „Mission: Shanghai Towers“ kraxelten die beiden auch noch auf einem schma­len Kran – höher ging es nicht. Dort klatschten sich die beiden Abenteurer ab und fingen den Blick über die chinesische Metropole mit ihren Helmkameras ein. Mit schöner Aussicht war es jedoch nicht weit her, Shanghai wurde wie so oft wieder einmal unter einer dichten Decke aus Smog und Nebel begraben.

Makhorov und Raskalov sind sogenannte „Roofer“. Vor ein paar Jahren ist diese Art des Extremsports in Russland in Mode gekommen. Junge Leute klettern ohne Sicherung auf hohe Gebäude und fotografieren und filmen sich beim Aufstieg und wenn sie die Spitze der Häuser, Türme und Fernsehmasten erreicht haben. Vor allem Moskau und St. Petersburg sind Zentren dieser Szene, weil es hier eine Menge Hochhäuser gibt, die einen tollen Blick über die Städte möglich machen. Ein alter Mittelwellensendemast in der Stadt Elektrostal bei Moskau ist ebenfalls ein beliebtes Kletterobjekt der Rooferszene. Einer der bekanntesten Roofer Russlands heißt Marat Dupri. Er hat bei seinen Touren atemberaubende Bilder geschossen. Eines wurde 2011 mit dem „Best of Russia“-Fotografiepreis ausgezeichnet. Es zeigt ihn mit ausgestreckten Armen auf einem Stahlbalken stehen, auf dem seine Füße gerade so nebeneinander Platz finden. Der Blick ist überwältigend, aber unter ihm ist nur der Abgrund. Menschen mit Höhenangst werden schon angesichts dieses Bildes die Augen verschließen.

Inzwischen ist diese Großstadtkletterei auch in Deutschland angekommen und hat besonders in Frankfurt und München eine ganze Reihe von Nachahmern gefunden. Frankfurt, das Main-Manhattan, bietet sich mit seinen Wolkenkratzern im Bankenviertel geradezu an. Hier stehen die zehn höchsten Gebäude Deutschlands, aber sie sind auch besonders gesichert. Die Schwierigkeit liegt hier nicht in der Kletterei, sondern darin, überhaupt einen Zugang zum Dach zu finden. Doch auch das ist bereits einigen Roofern gelungen. Ein paar der Extrem­sportler gelangten auf das Dach der Europäischen Zentral­bank (EZB), allerdings war das Gebäude im Ostend damals noch im Bau. Nachdem die EZB es bezogen hat, dürfte es wegen der strengen Sicherheitsmaßnahmen unmöglich sein, noch einmal ganz nach oben zu kommen und auf die in nächtlichem Licht flimmernde Stadt hinunterzublicken.

In Hamburg ist bisher von einer Rooferszene nichts bekannt geworden. Der Grund ist einleuchtend: Es fehlt an echten Wolkenkratzern. Die wenigen hohen Gebäude, die es gibt, wie das Radisson-Hotel, die „Tanzenden Türme“ an der Reeperbahn 1 oder das Empire Riverside Hotel, besitzen alle Sky Lounges mit bestem Blick über die Stadt. Ein interessantes Objekt für Roofer könnte vielleicht die Elbphilharmonie sein.
Aber in Deutschland ist es sehr viel schwieriger, diesem extremen Hobby nachzugehen, als etwa in Russland. Hochhäuser, aber auch Baustellen mit ihren verlockenden Kränen sind hierzulande sehr viel besser bewacht als stillgelegte Elektromasten oder verlassene Häuser im Osten Europas. Außerdem droht den Roofern hier ein juristisches Nachspiel, wenn sie erwischt werden. Das Eindringen in Gebäude und das Klettern auf Hausdächer fällt unter Hausfriedensbruch. Ein besonderer Kitzel liegt darin, das Wachpersonal zu überlisten und sich an ihm vorbei in die entsprechenden Häuser zu schleichen. Das nennt auch der russische „Skywalker“ Marat Dupri als einen Grund: „Wir fordern die Wachmannschaften heraus.“

Er selbst ist schon ein paar Mal festgenommen worden, doch der Jurastudent kennt sich mit den entsprechenden Paragrafen aus und hat keine Angst: „Wenn du es nach oben geschafft hast, gibt es dir ein wahnsinniges Gefühl von Freiheit. Ich blickte nach unten und fühlte mich wie der glücklichste Mensch der Welt“, erzählte er in einem Interview mit „Spiegel Online“.

Was treibt junge Leute wie Dupri an, sich den tödlichen Gefahren auszusetzen, die das Roofing in sich birgt? Da ist sicher die Lust am Risiko, verbunden mit einer gesteigerten Adrenalinausschüttung ähnlich wie vor einigen Jahren in Hamburg das sogenannte S-Bahn-Surfen. Dieses gilt jedoch mehr als Mutprobe, Roofing dagegen wird von denen, die es betreiben, sehr ernst genommen. Tödliche Unfälle hat es dennoch gegeben. In Frankfurt ist ein 23 Jahre alter Mann vom Dach der ehemaligen Oberfinanzdirektion gestürzt und gestorben. Auch in Russland hat es bei dieser Extrem­kletterei tödliche Stürze gegeben. Bei dieser Grenz­erfahrung geht es auch darum, Fotos und Videos von der Tour zu machen und diese „Gipfelfotos“ dann ins Netz zu stellen, genauso wie das Bergsteiger machen, wenn sie einen Gipfel erklommen haben. Die Roofer werden zu Helden im Internet, genauso wie es Marat Dupri in Russland geschafft hat.

Wer einen Panoramablick haben möchte, ohne seine Beine von einer ungesicherten Plattform baumeln zu lassen, kann das inzwischen in vielen amerikanischen und asiatischen Skyscrapern. Die Betreiber dieser Gebäude haben erkannt, dass mit Aussichtsplattformen eine Menge Geld zu verdienen ist. Gerade ist die Plattform auf dem One World Trade Center in New York eröffnet worden, die einen Blick aus dem 100. Stockwerk über Manhattan und auf die Freiheitsstatue ermöglicht. Im chinesischen Macau dürfen Mutige aus 338 Meter Höhe sogar in die Tiefe springen – an einem sicheren Seil natürlich.

 

Foto: iStockphoto/littlehenrabi

 

ROOFER
Als Roofer (engl.: Dachdecker) werden Extremkletterer bezeichnet, die ungesichert und illegal hohe Bauwerke besteigen und dabei ihre Taten mit Fotos sowie Videos dokumentieren, die dann ins Internet gestellt werden. Roofing ist im urbanen Raum rund um Moskau und St. Petersburg entstanden, hat sich aber inzwischen zu einer internationalen Subkultur entwickelt. Es gibt zahlreiche Gruppen in sozialen Netzwerken, in denen man Gesinnungsfreunde finden kann, um Erfahrungen auszutauschen und Pläne für neue „Ziele“ zu entwickeln.

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