Achtung, Nachbarn

Rock’n’Roll & Kalter Hund

Die historische Tankstelle am Hamburger Brandshof ist eine Anlaufstelle für Retro-Fans: Ob Einrichtung, Mode, Musik oder Kuchen – hier ist alles auf die 50er-Jahre abgestimmt.

Text und Fotografie: Beke Zill

Die grauen Polstersitze quietschen, als Olaf und Sabine Kinzen in ihrem alten Opel Rekord auf den Schotterplatz fahren. Der Motor stottert im Takt der Rock-’n’-Roll-Musik – auch der Wackel-Elvis hinten auf der Hutablage bewegt seine Hüften gekonnt im Rhythmus der Saxofonklänge, die kratzend aus den Lautsprechern ertönen. Behäbig wie eine Dampflok rollt das Auto auf den Platz und kommt neben den anderen Oldtimern zum Stehen. Kurz noch einmal an der Lederjacke gezupft steigt der Hamburger aus seinem Wagen. Eine steife Brise weht, der Wind wirbelt den rot-weißen Petticoat von Sabine Kinzen hoch, während sie die Tür hinter sich zuknallt.

Das Ehepaar dreht die Zeit zurück – sie lassen die 50er-Jahre lebendig werden. Zwischen grauen Betonriesen, Bahnschienen und der Elbe haben sie einen Ort in ihrer Heimatstadt gefunden, an dem die Uhr ebenfalls stehen geblieben ist.

„Wir mögen dieses tolle Ambiente hier. Das ist unser Treffpunkt, unsere Basis“, sagt die 53-Jährige, rückt ihre rote Schleife in ihrem schwarzen Haar zurecht und blickt auf die Tankstelle vor ihr. Das historische Gebäude am Brandshof wurde 1953 gebaut. Wer damals über die Elbbrücken in die Hansestadt kam und zum Großmarkt in die Deichtorhallen wollte, der fuhr über den stark befahrenen Röhrendamm. Anfang der 60er-Jahre wurde dann der neue Großmarkt gebaut und die Straße zur Sackgasse. 1983 wurde der Tankbetrieb endgültig eingestellt. Erst 2010 erweckte Besitzer Alex Piatscheck die alte Retro-Tanke im Stil der 50er-Jahre wieder zum Leben.

Zwar kann man hier nicht mehr tanken, doch das Café, der „Erfrischungsraum“, und die GTÜ-Prüfstation locken inzwischen Autoliebhaber aus ganz Deutschland. Vor allem am Wochenende treffen sich die Oldtimerfreunde zum Staunen, Fachsimpeln und Kaffeetrinken.

Während ihr Mann mit den anderen Besuchern über seinen Opel – Baujahr 1959 – spricht, hat sich Sabine Kinzen vor der Jukebox hingesetzt und genießt ihren Kaffee. Beim ersten Schluck zeichnet sich ein roter Rand ihres Lippenstiftes an der Tasse ab. Zu essen gibt es kalten Hund – ein Kuchen aus Butterkeksen und Schokolade. „Das kommt auch aus der Zeit – und hat ganz viel Fett“, betont sie. Beim Lachen kommt ihre kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen zum Vorschein.

Der Erfrischungsraum wird inzwischen voller, fast jeder von den etwa 20 Plätzen vor der originalgetreuen Theke ist besetzt. Auch nebenan im Vorzimmer der Werkstatt schauen sich Gäste die ausgestellten Original-Autoteile im Regal an. Zwei grüne Ohrensessel, das alte Schnurtelefon, die handbetriebene Kasse und der Atlas von 1978 auf der Fensterbank erinnern ebenfalls an die Vergangenheit. Im Ausstellungsraum und im hellen, halbrunden Café ist natürlich Rock ’n’ Roll im Hintergrund zu hören. „Das ist eine Musik, die begeisterungsfähig bleibt“, sagt die 53-Jährige und erinnert sich, wie sich ihre Leidenschaft für die 50er-Jahre entwickelte.

Durch Elvis Presley kam sie zum Rock ’n’ Roll. „Seit ich 14 bin, bin ich Elvis-Fan“, erzählt die gelernte Krankenschwester. Außerdem habe sie schon immer gern Petticoat getragen. Die Kleider seien sehr feminin, das möge sie. Durch Freunde lernte sie Ende der 80er-Jahre dann ihren Ehemann kennen, der die Leidenschaft für den Rock ’n’ Roll mit der Hamburgerin teilt. „In den 50ern war die Welt noch in Ordnung. Es war nicht so hektisch, eher ruhig“, sagt die zierliche Sabine Kinzen und streicht über ihr weißes Kleid, auf dem große rote Blumen aufgedruckt sind. Nachdem Sohn Marcel geboren wurde, blieb jedoch nur noch wenig Zeit für ihr liebstes Hobby.

Doch inzwischen tauscht das Paar nach der Arbeit seine Alltagskleidung gegen Petticoat und Nietenjeans. „Seit unser Sohn aus dem Haus ist, knüpfen wir dort an, wo wir aufgehört haben. Back to the roots“, sagt sie, nimmt einen letzten großen Schluck aus ihrer Kaffeetasse und schreitet eleganten Schrittes raus zu ihrem Mann.

Vor der Tankstelle werden die Oldtimer bestaunt. Olaf Kinzen ist in seinem Element. Die Nieten an seiner Lederjacke funkeln in der Sonne. Das rot-schwarz karierte Hemd, die enge Jeans, die schicken schwarzen Lackschuhe und seine perfekt gelegten grauen, schon etwas lichten Haare runden sein Outfit ab. Er fühle sich wohl. Jugenderinnerungen würden wach, wenn er die Klamotten trage.

Zum Lebensstil passt natürlich auch ihr Auto. „Das sind noch Autos mit Charakter“, betont er. Der gelernte Maschinenschlosser und heutige Beamte bei der Deutschen Bahn kaufte das Schmuckstück in Beigefarben und Alabastergrau 2010 in Herne. „Dieses Modell Ascona wurde nicht in Rüsselsheim, sondern in der Schweiz gebaut und hat eine zweifarbige Lackierung“, erklärt Olaf Kinzen und blickt voller Stolz auf die 45-PS-Limousine, in die er nach dem Kauf noch „etliche Hundert Stunden reingesteckt“ hat.

Immer mehr Liebhaber kreisen wie Geier um ihre Beute um die aufgestellten Autos. Der Erfrischungsraum ist gefüllt, draußen an den Tischen vor dem gläsernen Halbrund sitzen meist die Begleitungen und erzählen.

In dem Gewusel bahnen sich Olaf und Sabine Kinzen mit ihrem Opel einen Weg zum Ausgang. Der Vierzylinder blubbert, der Fahrer lehnt lässig den Arm aus dem offenen Fenster. Rock ’n’ Roll läuft. Auf der Hutablage steigt der Wackel-Dackel neben Elvis ins allgemeine Kopfnicken ein. Ein zufriedenes Lächeln huscht über Olaf Kinzens blasses Gesicht. Die 50er-Jahre, das sei mehr als ein Hobby. „Das ist ein Lebensgefühl“, sagt er und winkt seinen Oldtimer-Freunden an der Tankstelle zum Abschied.

Gasolin

Die Tankstelle Brandshof am Billhorner Röhrendamm 4 in Rothenburgsort ist unter der Woche von 4.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. An den Wochenenden finden die „Offenen Treffen für altes Blech“ von 11.00 bis 17.00 Uhr statt. Am 17. April gibt es von 9.00 bis 16.00 Uhr einen Flohmarkt für Autoteile, Haushalt und Lebensart der 50er- bis 70er-Jahre.

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