Featured Spielwiesen

„Provokateure im besten Sinne“

Der Staatsrat Dr. Carsten Brosda ist die „rechte“ Hand der Kultursenatorin Barbara Kisseler und in seiner Funktion auch für die Hamburger Off-Szene zuständig. Im Interview mit ACHT spricht er über die Hamburger Spielwiesen jenseits des Gewöhnlichen.

Interview: Lena Kaiser

 

ACHT: Herr Brosda, wenn Sie auf eine verlassene Insel nur fünf Hamburger Spielstätten mitnehmen könnten, welche wären das?
Dr. Carsten Brosda: Da könnte ich mich nicht festlegen. Kultur lebt von ihrer Vielfalt. Daher würde ich natürlich die fünf Kulturinstitutionen auf meiner Insel immer mal wieder austauschen wollen. Ein „guilty pleasure“ wäre aber immer dabei: „Michelle Records“, um beständig Nachschub zu organisieren.

Die Kulturbehörde setzt einen Schwerpunkt bei der Theaterförderung. Warum halten Sie diese für besonders wichtig?
Theaterförderung ist natürlich ein Schwerpunkt – einer von vielen. Musik steht in der Musikstadt nicht nur mit der Elbphilharmonie ebenso im Fokus und auch die Museumslandschaft, seien es die neu eröffnete Kunsthalle oder zukünftige Projekte wie das deutsche Hafenmuseum, prägt unser Kulturleben. Außerdem auf keinen Fall zu vergessen: die vielfältige freie Szene.

Der Umbau der Kunsthalle wurde aber durch privates Geld ermöglicht.
Es ist doch großartig, wenn sich bürgerschaftliches Engagement so beeindruckend darstellt. Hamburg war nie Hauptstadt. Alles, was sich hier findet, haben die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt erarbeitet. Das war schon zu der Gründung der Kunsthalle so. Die nun erfolgte Sanierung ist ein weiteres herausragendes Beispiel hierfür. Die finanzielle Unterstützung Alexander Ottos ersetzt keine öffentliche Förderung; vielmehr ergänzen sich private und staatliche Förderung im Falle der Kunsthalle aufs Beste.

Institutionen der bildenden Kunst wie etwa die Kunsthalle oder die Deichtorhallen sind aber im Vergleich mit dem Theater schlecht ausgestattet. Woran liegt das?
Wir streben danach, die Kultureinrichtungen jeweils bedarfsgerecht auszustatten. Das wird erst dann vergleichbar, wenn man sich genau ansieht, nach welchen wirtschaftlichen Parametern eine Einrichtung arbeitet – und die sind eben sehr verschieden, je nach Personalkörper, Räumlichkeiten, Sparte oder Sponsoringmöglichkeiten. Entsprechend sind es die Zuwendungen auch. Die finanziellen, meine ich. Unsere emotionalen Zuwendungen sind beinahe überall grenzenlos.

Welche kulturpolitischen Voraussetzungen, welche Spielstätten braucht es, um die Freiheit der Kunst zu ermöglichen?
Es ist unsere kulturpolitische Aufgabe, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass die Freiheit der Kunst gelebt werden kann. Es gibt keinen staatlich verordneten Kulturbegriff, keine behördliche oder politische Einmischung bei Spielplänen, Ausstellungen, Konzerten und anderem. Die Institutionen und Intendanten sind frei, ihr Programm zu gestalten. Nur so kann sich Kultur entwickeln, und glücklicherweise sieht das unser Grundgesetz auch so!

Kulturpolitik ist auch dazu da, durch Institutionen und Förderungen Räume zu schaffen. Nach welcher politischen Maßgabe entscheidet die Kulturbehörde, welche Räume sie unterstützt?
Wenn Sie finanzielle Spielräume meinen, dann ist es das gute Recht der Bürgerschaft, hier den Rahmen vorzugeben. Innerhalb dieses Rahmens setzt die Kulturbehörde Schwerpunkte, überlässt aber die konkreten künstlerischen Entscheidungen so weit wie möglich unabhängigen Jurys oder den Einrichtungen.

Welche Spielstätten prägen das kulturelle Profil der Stadt?
Und wieder werden Sie mich nicht dazu verführen, einzelne hervorzuheben: Das kulturelle Profil der Stadt wird zum Glück durch ihre Vielfalt geprägt. Natürlich spielen hier das Thalia Theater, das Deutsche Schauspielhaus, die Staatsoper und Kampnagel eine besondere Rolle. Gerade wenn es um den gesellschaftlichen Diskurs geht, sind auch Privattheater, Stadtteilkulturzentren, Geschichtswerkstätten und Museen sowie die freie Szene – auch die Musikszene – wichtige Ideengeber, Provokateure im besten Sinne und Partner!

Welche Rolle spielen kleine Bühnen für die Stadt, wofür sind sie wichtig?
Die kleinen Bühnen ermöglichen Besucherinnen und Besuchern nicht nur Nähe zum kulturellen Geschehen, sie haben oft einen besonderen Bezug zu ihrem Stadtteil und zu ihrem Publikum. Hier gibt es keine Schwellenängste und das kann helfen, Vorbehalte gegenüber kulturellen Angeboten abzubauen. Da stellt man schnell fest, dass es viel weniger elitär zugeht als zunächst gedacht. Außerdem ermöglichen es kleinere Bühnen Nachwuchskünstlern, erste Schritte auf oder hinter der Bühne zu wagen. Sie sind zudem auch aus künstlerischer Sicht unverzichtbar: Sie sind als Spielorte der freien Szene oft Orte des Experiments, eröffnen neue Wege und können so neue Impulse auslösen.

Wie fördert Hamburg die kleinen Bühnen und Spielstätten?
Es gibt Kriterien, die für eine Förderung der Privattheater erfüllt sein müssen, wie zum Beispiel ein regelmäßiger Spielbetrieb mit mindestens hundert Vorstellungen im Jahr und einer Auslastung von mindestens 50 Prozent. Bevor eine Förderentscheidung getroffen werden kann, muss sich ein Haus mindestens drei Jahre behauptet haben und entsprechende Zahlen vorlegen. Und dann müssen natürlich auch noch Haushaltsmittel zur Verfügung stehen, mit denen eine Förderung ermöglicht werden kann.

Aktuell läuft noch die Sanierung des Gängeviertels, in die auch viel öffentliches Geld fließt. Welche Rolle spielt es für die Stadt?
Das Gängeviertel ist zum einen als Denkmal ein wichtiges Zeugnis Hamburger Baukultur. Dank der „Gängeviertel Initiative“ bereichert das Viertel zum anderen das kulturelle Leben der Stadt und gibt Impulse für die künstlerische Arbeit verschiedenster Disziplinen in Hamburg. Die Schaffung von günstigem Wohnraum sowie bezahlbarem Raum für Kunst, Kultur und Soziales inmitten der Hamburger Innenstadt steht dabei im Zentrum des Projekts.

Fotos: Pauli-Pirat/CC BY-SA 4.0 (Gängeviertel), Jörn Kipping (Brosda)

 

Brosda

DR. CARSTEN BROSDA
1974 in Gelsenkirchen geboren, Volontariat bei der WAZ, Studium der Journalistik und Politik an der Uni Dortmund, promovierte dort an der kulturwissenschaftlichen Fakultät. War u.a. von 2005 bis 2009 Referats­leiter, von 2008 bis 2009 stellvertretender Leiter des Leitungs- und Planungsstabes im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. 2010 bis 2011 Abteilungsleiter Kommunikation beim SPD-Parteivorstand Berlin, ab Juni 2011 Leitung des Amtes Medien in der Hamburger Senatskanzlei. Seit März 2016 Staatsrat in der Kulturbehörde.

Schreiben Sie einen Kommentar