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Musikalisches Gender-Travestie-Kabarett

Geschlechterverhältnisse politisch und gesellschaftskritisch um viele Ecken denken, dafür steht Deutschlands dienstältestes Kabarettduo Lisa Politt und Gunter Schmidt alias „Herrchens Frauchen“. Gemeinsam betreiben sie in Hamburg auch die Bühne „Polittbüro“. ACHT hat die beiden Künstler getroffen.

Text: Heinrich Oehmsen
Fotografie: Jo Jacobs

 

Es gibt Fotos von ihr, auf denen sie mit angewinkeltem Arm ihren Bizeps zeigt. Eine Männerpose, die signalisieren soll: Schau her, wie stark ich bin. Genauso gern ballt Lisa Politt die Finger zu einer Faust, dem kämpferischen Ausdruck verschiedener Bürgerrechtsbewegungen. Und auch den Mittelfinger zeigt sie lieber als den pädagogischen Zeigefinger. In jedem Fall ist die Frau mit den langen roten Haaren ein „Alphatier“. Wortgewandt, geistreich, politisch gebildet, schlagfertig. Sie hat die Fähigkeit, ihr Gegenüber in Grund und Boden zu reden, kommt dabei manchmal vom Hundertsten ins Tausendste, vergisst aber nie den Ausgangspunkt ihrer Rede.

Lisa Politt ist in jedem Fall das Gegenteil eines Frauchens. Zusammen mit dem Musiker Gunter Schmidt, einem ausgebildeten Kirchenorganisten, gründete sie vor mehr als 30 Jahren das Kabarettduo „Herrchens Frauchen“. Die Entstehung des Namens schildert sie so: „Ich habe damals von einer interessanten Studie gehört: Man könne bei Familien mit Hunden den untergeordneten Status der Frau daran ablesen, dass der Hund sich oft in der Hierarchie zwischen Herrchen und Frauchen einordne. Herr Schmidt hatte dann den Einfall für den Namen. Die Spezifik des Genitivs ist dabei mehrdeutig. Wer ist Frauchen, wer ist Herrchen, wer ist Hund?“

Im Interview scheint sie eindeutig Herrchen zu sein, denn Schmidt hält sich zurück. Das ist auf der Bühne nicht anders. Da gibt Lisa Politt die Rampensau, teilt mit boxerischer Präzision ihre Hiebe aus. „Ich schreibe die Texte und spiele schlecht Klavier. Herr Schmidt redet nur, wenn er muss. Das hat die Sache erleichtert“, sagt sie. Schmidt nickt. Kennengelernt haben sich die beiden Anfang der 80er-Jahre im Hamburger Tuntenchor, den Schmidt damals geleitet hat. Politt war aus einem Dorf in der Lüneburger Heide nach Hamburg gezogen, um hier Psychologie zu studieren, Erfahrungen als Rocksängerin hatte sie in der Provinz auch schon gesammelt. Außerdem war sie alleinerziehende Mutter einer Tochter.

In Hamburg findet sie keine Band, aber die Freaks um Gunter Schmidt und Corny Littmann, der ebenfalls zum Tuntenchor gehörte. Politt entdeckt die Möglichkeiten, als singende Kabarettistin sich auch politisch zu äußern: „Grundsätzlich hatte ich als Rocksängerin wieder Bock auf die Bühne. Und als alleinerziehende Mutter auf Geld. Ich hab damals mit Kabarett wesentlich mehr verdient als mit dem Anfangsgehalt einer Diplom-Psychologin. Dass mein Bühnenpartner dieses absolut scharfe Teil war, den ich so oft wie möglich ins Bett kriegen wollte, hat die Entscheidung wesentlich erleichtert. Dass wir inhaltlich keine grundsätzlichen Differenzen haben, hat dann dazu geführt, dass wir bis heute zusammenarbeiten“, erzählt sie. „Stimmt’s, Schatz?“, fragt sie ihren Bühnen- und Lebenspartner – und Gunter Schmidt nickt.

Die beiden arbeiten im Duo, manchmal mit Band oder in einem größeren Ensemble. Politt tritt auch als Solokabarettistin auf. Bei „Herrchens Frauchen“ herrscht Arbeitsteilung: „Unsere Stücke als Duo schreibe ich, der Herr Schmidt steuert mir seine rasanten Ideen bei, und komponieren tun wir beide. Er arrangiert dann, trainiert sein Klavierspiel und seinen Text, dann finden wir uns zu den Proben zusammen. Ab da wird umformuliert, gestritten und gelernt“, beschreibt sie den künstlerischen Alltag von „Herrchens Frauchen“.

Weil sie in ihren Texten gern auf Männer und ihre Machtspiele eindrischt und der Geschlechterkampf eines ihrer wichtigen Themen ist, wird Lisa Politt gern als Feministin bezeichnet. Doch so einfach lässt sich die Künstlerin nicht in eine Ecke stellen. Das würde auch ihrer differenzierten Art zu denken widersprechen. „Es hat sich im Laufe der Entwicklung ja als notwendig erwiesen, den Feminismus begrifflich von dem der Emanzipation zu trennen. Insofern haben wir uns immer als Teil der Emanzipationsbewegung gesehen, die von unterschiedlichen Unterdrückungsverhältnissen ausgehend immer den Anspruch auf gesamtgesellschaftliche Gleichberechtigung erhoben hat. Das hat damals nicht nur Frauen, sondern auch Arbeiter, Schwule, grundsätzlich Ausgegrenzte gemeint. ,Feminismus ohne Sozialismus ist nur der halbe Spaß‘, hab ich damals formuliert“, sagt sie.

Ihre linke und kritische Einstellung zu Politik und Gesellschaft wird nicht nur in den unzähligen Programmen deutlich, die sie in den vergangenen drei Jahrzehnten geschrieben und aufgeführt hat. „Ich mache meine Witze nicht zum Spaß“, hieß eins ihrer früheren Stücke. Als erste Frau erhält sie 2003 den Deutschen Kabarettpreis. Die Jury belohnt damit Politts unbarmherzigen Blick auf die Absurditäten des Lebens. In einem Interview mit der „ZEIT“ hat sie gesagt: „Ich schreibe in einer Art von Notwehr. Was in Politik und Gesellschaft passiert und nicht in den Hirnkasten passt, weil es zu schräg ist, muss auf irgendeine Art und Weise wieder raus.“

Der Drang, unabhängig zu sein, führte zur Gründung eines eigenen Theaters. Das „Polittbüro“ liegt mitten in St. Georg am Steindamm mit seiner multikulturellen Szene. Früher residierte in dem Haus mit seinen etwa 300 Plätzen das Kino Neues Broadway, eine Zeit lang nutzte das nahe gelegene Deutsche Schauspielhaus den Saal für kleinere Produktionen. 2003 übernahmen Politt und Schmidt das Theater. Sie haben daraus ein Zentrum für Kabarett und politische Lesungen, für Theater mit einem gesellschaftskritischen Ansatz und für Musik jenseits des Mainstreams gemacht. Thomas Ebermann gastierte hier viele Jahre lang mit seiner Vers- und Kaderschmiede, berühmte Schauspieler wie Hannelore Hoger, Gustav Peter Wöhler oder Burghart Klaußner unterstützen das „Polittbüro“ und treten hier auf, es gibt Liederabende, die sich um Poeten wie Randy Newman, Tom Waits und Rickie Lee Jones drehen.

„Wir versuchen, möglichst ein Programm auf die Bühne zu bringen, das uns selbst interessiert und von dem wir der Meinung sind, dass es nicht sowieso schon überall auf den anderen Bühnen gezeigt wird: hinzuzufügen, was uns und anderen sonst fehlen würde. Ein linkes, der kritischen Aufklärung verpflichtetes Programm. Der Kontakt zu unseren Zuschauern zeigt uns, dass das ‚Polittbüro‘ in diesem Sinne funktioniert. Dass das Publikum sich dabei eher qualitativ als quantitativ als hervorragend erweist, spiegelt die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse“, erklärt Politt. Bei Gastspielen stehen Politt und Schmidt selber an der Theke und sind sich nicht zu schade, Getränke auszuschenken oder Eintrittskarten zu verkaufen. So ein anspruchsvolles privates Theater zu führen bedeutet eine Menge an Selbstausbeutung, doch Politt und Schmidt sind glücklich über ihre Unabhängigkeit, weil sie Kultur in ihrem Sinne bewegen können. Bei der Frage nach der Zukunft des „Polittbüros“ meldet sich überraschend Gunter Schmidt zu Wort: „Sie ist rosig wie unser runzliger Rentnerarsch“, sagt er. Und Lisa Politt nickt.

 

HERRCHENS FRAUCHEN
Die Psychologin Lisa Politt und der Kirchenmusiker Gunter Schmidt haben 1984 die politische Kabarettgruppe „Herrchens Frauchen“ gegründet. 1991 bekamen beide den Förderpreis des Deutschen Kleinkunstpreises, 2003 erhielt Lisa Politt als bislang einzige Frau den Deutschen Kabarettpreis, zwei Jahre später auch den Deutschen Kleinkunstpreis. Seit 2003 betreiben Herrchens Frauchen das Theater „Polittbüro“ in Hamburg-St. Georg.
www.polittbuero.de


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