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Sexismus im Alltag

Stevie Meriel Schmiedel gründete 2012 die deutsche Sektion der feministischen Lobbyorganisation „Pinkstinks“, die sich gegen den Sexismus und verachtende Frauenrollenbilder in Werbung und TV-Produktionen engagiert. Die ACHT traf sich mit Stevie Meriel Schmiedel und sprach mit ihr über ihre Arbeit.

Interview: Caren Miesenberger
Fotografie: Gunter Glücklich

 

ACHT: Als Kind war Pink meine Lieblingsfarbe. Weshalb suggeriert der Name Ihrer Organisation, dass diese Farbe schlecht ist?
Stevie Meriel Schmiedel: Pink darf auch weiterhin Ihre Lieblingsfarbe sein! (lacht) Wir haben einen Sticker, auf dem steht „Love Pink, hate Pinkification“. Uns geht es nicht um die Farbe an sich, die ist toll. Wir spielen auch gerne mit Pink. Es geht darum, dass die Wirtschaft angefangen hat, alles für Frauen und Mädchen extra in Pink rauszugeben – und mit einer ganz klaren Rollenvorstellung. „Pinkstinks“ kann so gelesen werden, dass es uns stinkt, dass alles noch mal extra pink ist und mit einem Rollenbild einhergeht, in dem sich nicht alle Frauen wiederfinden. Mädchen werden in eine ganz bestimmte Art gedrängt, Mädchen zu sein. Dagegen stinken wir an – und zwar seit fünf Jahren ganz gehörig.

Bei „Pinkstinks“ engagieren Sie sich gegen Sexismus in der Werbung. Sexistische Werbung kann auch immer noch stattfinden, weil der Werberat größtenteils aus Männern besteht, die das unkritisch sehen, und weil dieser nur Rügen aussprechen kann.
Genau, der Gesamtverband Kommunikationsagenturen (GWA) nimmt den Werberat überhaupt nicht ernst. Die lachen darüber und sagen: Der Werberat ist nett zu haben, solange der funktioniert. Aber er funktioniert ja nicht – und das sagt die GWA selber. Der Werberat hat keine Sanktionsmöglichkeiten, weshalb er nicht ernst genommen wird.

Und deshalb setzen Sie sich für ein neues Gesetz ein.
Genau. Seitdem die Gesetzesnorm diskutiert wird, benimmt sich zwar die GWA – das sind die, die die Billboards mieten können, da sehen wir gerade kaum sexistische Werbung. Aber wir sehen sie trotzdem noch in den kleinen Städten, auf den Bauzäunen und im Internet. Gerade bei den kleinen, mittelständischen Agenturen und Unternehmen finden wir noch sehr viel sexistische Werbung.

Wie ist der aktuelle Stand – wann wird sexistische Werbung verboten sein?
Die Presse war im März voll davon, dass die Gesetzesänderung auf dem Weg ist. Dabei hat Heiko Maas  eigentlich nur gesagt, dass es diskutiert wird. Ich denke, diese Offenheit werden wir noch eine Zeit lang aushalten müssen. In zweieinhalb Monaten geht es in den Wahlkampf, da wird nichts mehr groß passieren. Wir haben gerade ein überarbeitetes Sexualstrafrecht bekommen, dann ist davon auszugehen, dass in den nächsten sechs Monaten nichts Neues kommen wird. Wir müssen also geduldig sein und die nächste Legislaturperiode abwarten. Es ist ganz sicher so, dass das Justizministerium sich mit unserer Gesetzesnorm beschäftigt, die unsere Mitarbeiterin Berit Völzmann innerhalb von drei Jahren erstellt hat. Sie hat diese Gesetzesnorm im Rahmen ihrer Promotion entworfen. Wir haben über 22 Bundestagsabgeordnete, die hinter dieser Norm stehen. Mit unserer Norm waren wir auch mehrfach beratend im Bundestag vorstellig und haben mit Politikerinnen und Politikern darüber gesprochen. Der SPD-Bundesparteivorstand hat im Januar beschlossen, diese Norm auf die Agenda zu heben. Die Basis hat das im Juni abgezeichnet. Das heißt: Es könnte von SPD-Seite stark vorangeschoben werden. Die Frage ist natürlich, was für das Sexualstrafrecht jetzt verhandelt worden ist.

Was genau steht in Ihrer Norm?
In der Norm steht ganz klar, was unter sexistische Werbung fällt. Dazu muss man erst mal wissen, dass ein einziges Bild sexistisch sein kann, aber auch eine ganze Kampagne. Genauso empfinden viele Leute zum Beispiel eine Frau an einer Waschmaschine als sexistisch. Das ist aber noch kein Grund, sich aufzuregen – denn Frauen bedienen Waschmaschinen. Wenn aber Siemens eine ganze Kampagne mit zehn verschiedenen Bildern macht, von denen jedes eine unterschiedliche Frau neben einer Waschmaschine zeigt, dann könnte man sich aufregen. Da müsste dann dringend auch ein Mann zu sehen sein. In juristischer, eher schwieriger Sprache drückt unsere Norm das aus: dass eine gewisse Diversität bei einer großen Kampagne vorherrschen muss und dass Frauen nicht sexualisiert neben einem Produkt zu sehen sein dürfen. Das heißt: Eine Frau kann also ein Dessous oder Erotika bewerben, also irgendetwas, das mit Sexualität zu tun hat. Aber sie kann damit keinen Sessel, kein Hundefutter oder keine Würstchen bewerben, weil es das typische, passive, verfügbare Bild ergibt, das die Frau als sexualisiertes Dekorationsobjekt neben irgendeinem Produkt darstellt, was wir schon zu lange kennen und in der Werbung einfach nicht mehr sehen wollen.

Angenommen die Norm setzt sich durch: Was kommt nach dem Kampf gegen Sexismus in der Werbung?
Ich finde es wichtig, dass wir uns dafür einsetzen, dass ein normaleres Körperbild in die Medien kommt. Mädchen fühlen sich stark diskriminiert durch Werbung. Wir wissen, dass Essstörungen in Deutschland zunehmen. Wir möchten zeigen, dass Werbung auf witzige Arten gemacht werden kann, ohne dass immer die gleichen perfekten Frauen in der Werbung zu sehen sind. Wir machen unsere Kampagne seit ungefähr fünf Jahren und in letzter Zeit bewegt sich sehr viel. Wir haben immer mehr große Firmen, die Körperformen zeigen und verschiedene Frauenrollenbilder. Wir merken, da passiert was, aber da ist noch sehr viel Luft nach oben. Wir haben eine YouTuberin namens Lu Likes, die einer Zielgruppe von 12 bis 16 Jahren erklärt, dass man sich auch dagegen auflehnen kann.

Ein anderes Aktionsfeld von „Pinkstinks“ ist „Germany’s Next Topmodel“. Ist diese Sendung gefährlich?
„Germany’s Next Topmodel“ ist sehr gefährlich. Maya Goetz vom Internationalen Zentralinstitut für Bildungs- und Jugendfernsehen, das beim Bayerischen Rundfunk sitzt und von GEZ-Geldern bezahlt wird, hat dazu 2011 und 2015 zwei Studien durchgeführt. Ergebnisse sind, dass Mädchen, die GNTM sehen, ihren Körper danach falsch einordnen. Sie empfinden sich als zu dick, obwohl sie es nicht sind. Die zweite Studie ging darum, dass Frauen, die Essstörungen haben, angeben, dass insbesondere GNTM für sie sehr gefährlich war und diese Krankheit begünstigt hat.

Ist es die Lösung aller geschlechtsbezogenen Probleme, wenn die Werbung diverse Körper zeigt und Unternehmen für sexistische Kampagnen sanktioniert werden?
Nein, es gibt natürlich viele andere Felder, auf denen wir uns betätigen könnten. Das machen aber schon andere Kampagnen ganz toll. Es gibt wichtige Organisationen, die sich gegen Gewalt gegen Frauen einsetzen, wir haben nach wie vor eine große Gehaltsschere, es muss viel mehr getan werden für alleinerziehende Mütter. Wir sind primär entstanden, um an die Populärmedien und die Werbung zu gehen, um zu sagen, dass das, was wir sehen, uns stinkt. Da wollen wir mehr Diversität, was ein ganz wichtiger Faktor ist. Ein Kind in einer Großstadt sieht 5.000 Anzeigen am Tag. Wenn da immer wieder das gleiche Frauenbild zu sehen ist, normiert es natürlich. Das ist das, wo wir uns einsetzen.

Bei „Pinkstinks“ arbeitet mit Nils Pickert auch ein Mann. Bloggerinnen kritisieren dies. Wie viel Platz brauchen Männer in der feministischen Bewegung?
Ich würde sagen: ganz viel. Natürlich können Frauenrechtsorganisationen nur mit Frauen auch ganz viel bewirken. Aber ich finde den UN-Gedanken „He for She“ (Kampagne der UN, die Männer dazu bewegen sollte, sich für Gleichstellung einzusetzen, Anm. d. Autorin) wahnsinnig wichtig. Auch, dass gerade Männer sagen: Wir haben keinen Bock mehr, dass unsere Töchter, Freundinnen, Schwestern und Mütter dermaßen diskriminiert werden. Auf dem Planeten leben 50 Prozent Männer. Wenn wir diese 50 Prozent nicht überzeugen können, bleibt es ein ewiger Kampf. Menschen wie Nils Pickert, den Sexismus in der Werbung wirklich wütend macht und der sich selbst von dem männlichen Rollenbild, dem er ständig begegnet, diskriminiert fühlt, sind unglaublich wichtig. Wir brauchen mehr von solchen Männern.

 

PINKATINKS
Die Initiative „Pinkstinks“ wurde 2008 in Großbritannien von den Schwestern Emma und Abi Moore gegründet. Die deutsche Organisation gründete sich 2012 in Hamburg. Die feministische Lobbyorganisation agiert mit Theaterarbeiten an Schulen, Vorträgen und Kampagnen gegen Produkte, Werbe- und Medieninhalte, die Kindern eine limitierende Geschlechter­rolle zuweisen.
www.pinkstinks.de


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„Pinkstinkige“ Antworten kann frau lernen: Schlagfertigkeit nur für Frauen


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