Glosse Schöne Aussichten

Olympische Spiele in Hamburg — aus der Sicht eines Berliners

Text: Daniel Scharf

Nicht vergessen, liebe Hamburger: Bis zum 15. September muss sich eure Stadt als deutscher Kandidat für die Ausrichtung der Olympischen Spiele beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) offiziell anmelden. Dann will das IOC auch das erste Geld auf seinem Konto sehen: 150.000 Dollar, als Startgebühr und für das Recht auf die Bezeichnung „Hamburg 2024“. Wenn danach Hamburg zum „Kandidaten“ ernannt wird, dürft ihr gleich wieder bluten: Satte 500.000 Dollar als Kandidatengebühr stehen an. Leihen können wir euch leider nichts.

So eine Olympiabewerbung ist halt mit wuchtigen Kosten verbunden, und es ist gar nicht sicher, ob die Sache dann auch gut ausgehen wird. Da kann eure Elbmetropole ja „München 2018“ fragen, da sind die Wunden noch ganz frisch. Doch trotz allem – dass eure Stadt sich jetzt dazu durchgerungen hat, die Olympiade 2024 zu veranstalten, ist wirklich tough! Das sage ich als Urberliner völlig neidlos. Natürlich kann man sagen, Hamburg hat andere Probleme: die Folgen der Dreifachkatastrophe aus HafenCity, Elbphilharmonie und Wohnungsbau-Desaster. Ja, die Stadt ächzt immer noch unter den Nachwehen des Bombastprojekts „Metropole Hamburg – Wachsende Stadt“ ihres fabelhaften Exbürgermeisters OvB.

Deswegen ist – das weiß man auch an der Spree – vielerorts Kopfschütteln angesichts des hanseatischen Vorstoßes anzutreffen. Die Olympiagegner von der „NOlympia“-Bewegung bringen sich schon mit ihrer Kampagne „Olympische Spiele in Hamburg? Wir haben etwas Besseres vor“ in Stellung und wollen bei dem Bürgervotum im November die olympischen Träumereien basisdemokratisch beenden.

Vorzugsweise sind es aber Nicht-Hamburger, unter anderem auch wir Berliner, die den Hamburger Bewerbern mit sorgenvoller Miene von ihrem olympischen Schritt abraten. Gibt es nichts Wichtigeres als ein teures und riskantes Tête-à-Tête des globalen Olympionikentums? Aber wer sind wir denn, dass wir den Opfern dieser gewaltigen Naturkatastrophe namens „Wachsende Stadt“ empfehlen könnten, mit welcher Haltung sie in die Zukunft gehen sollen? Schließlich landen auf unserer Schönefelder Großbaustelle auch noch lange keine Flugzeuge.

Nein, Hamburg ist schon eine vernünftige Lösung. Denn Hamburg ist, obwohl auch dort nicht alles glänzt, gerade im Vergleich mit Berlin, relativ solide. Und mit dem Hamburger Understatement könnten die Spiele an der Elbe vielleicht sogar eine unaufgeregt-gediegene Aura bekommen, ohne die übliche Angeberei. Zudem sind die Olympischen Spiele bekanntlich Big Business, und mit Big Business kennt sich eine Kaufmannsstadt ja bestens aus.

Und schließlich lehrt die Erfahrung, dass Olympia der Psyche eines ganzen Stadtvolkes einen positiven Schub geben kann. Im Jahr 2024, glauben die Promoter der Bewerbung, steht vor der Elbphilharmonie kein Bauzaun mehr, die traumatischen Gebrechen der „Wachsenden Stadt“ werden überwunden sein und Hamburg könnte dann seine urbane Wiedergeburt mit den Spielen gebührend feiern. Vorausgesetzt natürlich, alle Busbeschleunigungsspuren sind gebaut, die U4 ist bis zum Stadion durchgebohrt und genügend Bettenburgen sind errichtet. Doch bis zur endgültigen Jubelparty muss Hamburg noch lange zittern – bis zum Sommer 2017. Dennoch ist bei den Buchmachern in London „Hamburg 2024“ schon der Favorit. Wenn es doch nicht klappen sollte, macht nichts, das neue Ziel heißt dann „Hamburg 2028“.

Und was die sogenannte olympische Idee angeht: „Feste schaffen für die Jugend der Welt“, „Teilnahme ist wichtiger als Sieg“ und der übliche Sprech – diese ist sowieso nirgends mehr zu Hause als in Berlin. Die Jugend der Welt ist ja eh schon in Berlin. Und alles, was den Berliner Alltag angeht – ob man in eine volle S-Bahn einsteigen will, ob man eine Wohnung sucht oder ob man sein Auto anmelden möchte –, steht ja allemal unter dem olympischen Motto: Dabei sein ist wichtiger als der Sieg!

 


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