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Off-Spaces in Hamburg

Hamburg ist mit seinen über 300 kulturellen Einrichtungen, davon 45 Theatern, circa 150 Musikclubs sowie 60 Museen und zahlreichen Galerien, eine der attraktivsten Kulturmetropolen Europas. Gerade die freie Kulturszene sorgt für die einzigartige Vielfalt und Vitalität der Hamburger Kulturlandschaft. ACHT zeigt Spielwiesen jenseits des Mainstreams.

Text: Heinrich Oehmsen
Fotografie: Axel Nordmeier

 

Es ist kalt. Die Treppen führen steil nach unten. Je weiter man hinabsteigt, desto feuchter und muffiger wird die Luft. Man geht vorbei an Türen mit den Aufschriften „Bunkerwart“ und „Essenausgabe“. Auf einem Bett liegt eine in Plastik gehüllte menschengroße Puppe. An der Wand aufgereihte Holzsitze. Während des Zweiten Weltkrieges bot der Tiefbunker am Steintorwall mehreren Tausend Menschen Zuflucht vor den Bombenangriffen der Alliierten. Eine freie Gruppe unter der Leitung von Julius Jensen zeigte dort im vergangenen Jahr Sarah Kanes Stück „Gier“ als Stationendrama. Der Tiefbunker unter dem Hauptbahnhof ist einer der vielen ungewöhnlichen Orte in Hamburg, an denen Kunst gezeigt, Theater gespielt und Musik gemacht wird. Die Stadt ist voll von Spielstätten abseits der großen Häuser, in denen Künstler ihre Kreativität ausleben, in denen der Nachwuchs sich ausprobieren kann und wo Kunst entsteht, die bewusst nichts mit dem Mainstream zu tun haben will oder die ein Nischendasein führt.

Der Jazz gehört zu diesen Genres, die seit den 1970er-Jahren immer weiter an den Rand gedrängt worden sind. Doch trotz prekärer Lebensverhältnisse dieser meist erstklassig ausgebildeten Musiker geben sie nicht auf und haben gelernt, sich selbst zu organisieren und Spielstätten zu finden, an denen sie gern gesehen sind und Publikum finden. Die Jazz Federation Hamburg, lange im Eimsbütteler „Birdland“ zu Hause, trifft sich zu Konzerten und Jamsessions im Cascadas, einem recht neuen Club in der Ferdinandstraße 12 unweit des Hauptbahnhofs. In dem Gebäude über dem Club liegen nur Büros. Mieter, die sich über Lautstärke beschweren können, wenn ein Schlagzeuger zu vehement Becken und Trommeln traktiert, leben hier nicht. Allerdings kommt auch selten Laufkundschaft vorbei. Das „Golem“, Treffpunkt der künstlerischen Bohème der Stadt, beherbergt einmal pro Woche die von Saxofonist Gabriel Coburger initiierte Jazzsession in den Räumen an der Großen Elbstraße. Auch sonst steht das „Golem“ für ein ungewöhnliches Kulturprogramm mit Lesungen, Musik und Film. Im Keller der Bar, der Krypta, gibt es einen weiteren Raum, in dem unregelmäßig Underground-Filme gezeigt werden. Auch im etwa hundert Jahre alten Hafenbahnhof an der Großen Elbstraße treffen sich jeden Montag junge Jazzer zu Jamsessions und Konzerten. Jeden Donnerstag stehen hier junge Bands auf der Bühne und spielen Rock, Punk und Psychedelic.


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Cascadas, Ferdinandstraße 12, 20095 Hamburg, www.cascadas.club
Hafenbahnhof, Große Elbstraße 276, 22767 Hamburg, www.hafenbahnhof.com


Das Besondere an diesen Off-Locations ist die Nähe der Künstler zu ihrem Publikum. Zum Greifen nah sitzen Zuhörer im Theater das Zimmer in der Washington­allee mitten in Horn. Vor zwei Jahren haben Lars Ceglecki, Jan Holtappels und Sandra Kiefer den Raum übernommen und aufgemöbelt. Mit seinen 40 Plätzen ist das Theater das Zimmer die kleinste Bühne der Stadt, aber aus dem Kulturleben von Horn nicht mehr wegzudenken, weil die drei Theaterleute sich auch in Stadtteilarbeit engagieren. Es gibt ein paar weitere Orte, an denen Theaterfans Stücke hautnah erleben können und an denen gleichfalls eine besondere Atmosphäre herrscht. Das „monsun theater“ in Ottensen gehört zu diesen kleinen und beachtenswerten Bühnen ebenso wie der „Lichthof“ in Bahrenfeld oder das Hamburger Sprechwerk in Borgfelde. Bei den Premieren im „Sprechwerk“ sorgt Theaterleiterin Konstanze Ullmer selbst für das Büfett mit gestrichenen Broten, Frikadellen und Salaten. In vielen dieser kleinen Häuser haben Aufführungen immer etwas Familiäres – auch weil viele Schauspieler, Regisseure und Bühnenbildner sich gegenseitig unterstützen und sich von immer neuen Projekten kennen. Diese Szene leistet einen wichtigen Beitrag zur Vielfalt des Theaterlebens in Hamburg. Immer wieder werden dort qualitativ hochwertige Stücke erarbeitet. Wenn einmal im Jahr die Rolf-Mares-Preise der Hamburger Theater vergeben werden, gehören oft genug Inszenierungen dieser Off-Bühnen zu den Preisträgern.


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Hamburger Sprechwerk, Klaus-Groth-Straße 23, 20535 Hamburg, www.sprechwerk.hamburg
Theater das Zimmer, Washingtonallee 42, 22111 Hamburg, www.theater-das-zimmer.de


Auch in der populären Musik sind kleine Clubs der Humus der lokalen Szene. Bands der sogenannten Hamburger Schule oder der Hamburger Hip-Hop-Szene, die heute zu den gefeierten nationalen Künstlern zählen, wie Jan Delay, Fettes Brot oder Tocotronic, haben in kleinen Kaschemmen angefangen und konnten dort erste Bühnenerfahrungen sammeln. Mit viel Idealismus werden diese Clubs geführt, für die Betreiber bedeutet das oft ein hohes Maß an Selbstausbeutung. Nicht einmal mit einem etablierten Club wie dem „Molotow“ lasse sich Geld verdienen, sagt Betreiber Andi Schmidt. „Es ist reiner Idealismus. Wir machen den Job, weil wir an die Musik glauben.“ Das ist bei kleineren Clubs wie der Astra-Stube oder dem Hafenklang noch schwieriger. Diese Clubbetreiber sind Überzeugungstäter. Die Stadt fördert diese Szene jährlich mit 150.000 Euro, außerdem werden einmal im Jahr von einer Fachjury die „Club Awards“ vergeben. In diesem Jahr gehörten „Molotow“, „Hafenklang“, „MS Stubnitz“, „Cascadas“, „Birdland“ und der „Monkeys Music Club“ zu den Preisträgern. Früher war in den Räumen an der Gaußstraße das „Kir“ zu Gast, seit Februar 2015 läuft unter dem Affen-Logo ein abwechslungsreiches Live- und DJ-Programm von Punk über Soul und Rockabilly bis zu Electro und Garage.


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Astra-Stube, Max-Brauer-Allee 200, 22769 Hamburg, www.astra-stube.de
Hafenklang, Große Elbstraße 84, 22767 Hamburg, www.hafenklang.org


Auch in der bildenden Kunst gibt es eine ganze Reihe von Galerien und Off-Galerien abseits der großen Museen und Kunstinstitutionen, in denen spannende Exponate und Installationen zu sehen sind. Enorme Aufmerksamkeit hat die Affenfaust im ehemaligen Aldi an der Paul-Roosen-Straße bekommen. Mehr als tausend Besucher kommen zu den Vernissagen der Galerie, die sich um Urban und Contemporary Art kümmert. Die „Affenfaust“ hat sich zu einem Hot Spot der jungen Szene entwickelt. Ein verwandtes Konzept verfolgt heliumcowboy artspace. Auch hier werden zeitgenössische Künstler der Urban Art präsentiert, Galerist Jörg Heikhaus sagt über „heliumcowboy“: „Jeden Monat verwandelt sich der Galerieraum in ein neues Universum mit einer ganz individuellen Ästhetik.“


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Affenfaust, Paul-Roosen-Straße 43, 22767 Hamburg, www.affenfaust.org
heliumcowboy artspace, Bäckerbreitergang 75, 20355 Hamburg, www.heliumcowboy.com


Die meisten Galerien leben vom Verkauf der Exponate, die sie ausstellen. Es gibt in Hamburg aber noch eine ganze Reihe von Orten, die gänzlich unkommerziell agieren. Im Ausstellungsraum 2025 zum Beispiel heißt es jeden Freitag zwischen 20 und 23 Uhr „Aktion“. Hier zeigt sich das Einmalige, hier sind ausdrücklich alle künstlerischen Ausdrucksformen erlaubt, auch diejenigen, die sich an den Rändern etablierter Kunstrichtungen befinden. Limitiert ist nur die Zeit: Genau drei Stunden hat jeder Künstler Zeit, auf sich aufmerksam zu machen. Auch im „Raum linksrechts“ im Gängeviertel hat die junge Kunst einen Ort gefunden. Im Frappant in der Victoria-Kaserne hat sich ein basisdemokratischer Verein von Kunstschaffenden gegründet, der hier arbeitet und ausstellt. Die Galerie Nachtspeicher 23 hält sich seit einigen Jahren in St. Georg, die „Galerie Gentscher“ in der Marktstraße versteht sich ebenfalls als Plattform und Freiraum und zeigt ein vielfältiges Programm aus Kunst und Kultur. Hier – wie auch in weiteren Locations wie dem „Westwerk“, dem Kunstverein Harburg oder der Galerie 21 im Vorwerkstift – wird nach immer neuen künstlerischen Impulsen gesucht, Experimente sind ausdrücklich erwünscht.


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Ausstellungsraum 2025, Ruhrstraße 88, 22761 Hamburg, www.2025ev.de
Nachtspeicher 23, Lindenstraße 23, 20099 Hamburg, www.nachtspeicher23.de
Galerie 21, Vorwerkstraße 21, 20357 Hamburg, www.artist-residence-hamburg.de


Immer wieder wird in der Hansestadt nach Leuchtturmprojekten und Superlativen gesucht mit der Elbphilharmonie als dem neuen Wahrzeichen. Ohne den Untergrund wäre die Kunst- und Kulturszene in Hamburg ziemlich öde. Zum Glück lebt dieser Underground, auch wenn es ihm nicht gerade leicht gemacht wird – und macht Hamburg zu einem lebenswerten Ort der Vielfalt.

 


Warum bist du hier?

4 Fragen an 7 Menschen


Molotow, Nobistor 14, 22767 Hamburg, www.molotowclub.com

Felix Maliers (31, PR-Redakteur), Larissa Schröder (24, PR-Volontärin) und Daniel Hölzer (35, PR-Redakteur) vor dem Molotow

Felix Maliers, 31, PR-Redakteur
Warum bist du hier? Ich möchte heute Abend die Band „Bleached“ sehen.
Was ist am Molotow besonders gelungen? Es gibt immer tolle Konzerte. Schöner Laden, gute Raumaufteilung. Ich komme immer gerne hierher.
Besuchst du auch andere Off-Locations? Ja, vor allem Musiklocations.
Ist Hamburgs Off-Szene wichtig? Enorm wichtig. Das zeichnet Hamburg aus.

Larissa Schröder, 24, PR-Volontärin
Warum bist du hier? Ich habe von meinen Arbeitskollegen ein Konzertgutschein bekommen, und heute haben sie mich gefragt, ob wir das Konzert von „Bleached“ besuchen wollen.
Was ist am Molotow besonders gelungen? Die Location ist ganz urig und der Hinterhofgarten ist richtig klasse.
Besuchst du auch andere Off-Locations? Ja, manchmal.
Ist Hamburgs Off-Szene wichtig? Ich finde, das macht Hamburg erst aus.

Daniel Hölzer, 35, PR-Redakteur
Warum bist du hier? Wegen der Musik (lacht).
Was ist am Molotow besonders gelungen? Es ist sehr eng hier. Man ist sehr nah an der Bühne und bekommt sehr gut die Band mit.
Besuchst du auch andere Off-Locations? Ja, meistens aus dem Bereich Musik und Film.
Ist Hamburgs Off-Szene wichtig? Sehr wichtig. Das ist die DNA von Hamburg. Ansonsten wäre Hamburg austauschbar.


Monkeys Music Club, Barnerstraße 16, 22765 Hamburg, www.monkeys-hamburg.de

Saki Wolf (47, Altenpflegerin) im Monkeys Music Club

Saki Wolf, 47, Altenpflegerin
Warum bist du hier? Weil meine Lieblingsband „The Bollock Brothers“ heute hier spielt.
Was ist am Monkeys besonders gelungen? Es liegt sehr nah an meinem Zuhause (lacht). Nein, im Ernst: Hier ist ein direkter Kontakt zu den Künstlern möglich, und das ist klasse.
Besuchst du auch andere Off-Locations? Ja, sehr viele. Vor allem Musikclubs wie Knust oder Docks.
Ist Hamburgs Off-Szene wichtig? Ganz wichtig, es ist mein Lebenselixier.


Hamburger Sprechwerk, Klaus-Groth-Straße 23, 20535 Hamburg, www.sprechwerk.hamburg

Rainer Fretschner (45, Professor für Sozialwesen) im Hamburger Sprechwerk

Rainer Fretschner, 45, Professor für Sozialwesen
Warum bist du hier? Weil mich meine Freunde aufmerksam gemacht haben auf das Stück „Zuckerschweine“ und ich bin gespannt, was mich erwartet.
Was ist am Sprechwerk besonders gelungen? Mir gefällt das Gebäude, es ist im Hinterhof und hat echten Off-Charakter.
Besuchst du auch andere Off-Locations? In Hamburg noch nicht, aber im Ruhrgebiet und in Berlin schon.
Ist Hamburgs Off-Szene wichtig? Da ich aus Kiel komme, kann ich über Hamburg nichts sagen. Ich bin oft in Berlin, und da ist die Off-Szene ganz wichtig. Von da kommen alle innovativen Projekte.


Theater das Zimmer, Washingtonallee 42, 22111 Hamburg, www.theater-das-zimmer.de

Isabelle Prchlik (32, Schauspielerin) im Theater das Zimmer

Isabelle Prchlik, 32, Schauspielerin, Kommunikationstrainerin und PR-Managerin
Warum bist Du hier? Weil im „Theater das Zimmer“ sowohl berührende anspruchsvolle Inszenierungen als auch unterhaltende Stücke zu sehen sind. Bei der Vielfältigkeit macht es immer Spaß zuzuschauen. Jeder Besucher ist ganz, ganz nah an den Schauspielern und auch dem Bühnenbild dran und die Energien und Emotionen spürt man hautnah.
Was ist an diesem Theater besonders gelungen? Natürlich die einmalige Größe: das kleinste Theater der Stadt als Zimmer.
Besuchst du auch andere Off-Locations? Ja, selbstverständlich. Die Off-Theaterszene in Hamburg finde ich sehr wichtig und besuche auch andere Off-Locations.
Ist Hamburgs Off-Szene wichtig? Sehr wichtig. Die Inszenierungen machen Spaß und neue innovative Formate inspirieren mich sehr.


Theater das Zimmer, Washingtonallee 42, 22111 Hamburg, www.theater-das-zimmer.de

Anne Bendlin (58, Sozialarbeiterin) im Hamburger Sprechwerk

Anne Bendlin, 58, Sozialarbeiterin
Warum bist du hier? Wir sind in der Theatergemeinde in Hamburg und fanden es spannend wie das Theaterstück „Zuckerschweine“ beschrieben wurde.
Was ist am Sprechwerk besonders gelungen? Dass das Theater für alle zugänglich ist und im Stadtteil verankerst ist.
Besuchst du auch andere Off-Locations? Ich weiß nicht, was aktuell in Hamburg als Off-Location gilt … ist Kampnagel noch Off oder Mainstream (lacht). Da bin ich oft. Ganz wichtig ist es für mich, Orte zu besuchen, an denen auch Menschen inkludiert werden, die nicht so oft mit Kultur in Berührung kommen.
Ist Hamburgs Off-Szene wichtig? Ich finde es total wichtig, weil es bürgernah ist und nicht subventioniert ist. Deswegen muss man alles machen, um die Szene zu erhalten.


 

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