Achtung, Nachbarn Glosse

Oberstübchen-Pogo

Text: Thomas Glatzer

 

Wohnungssuche in Hamburg ist kein Spaß. Besichtigungstermine mit über hundert Konkurrenten sind der Normalfall, bezahlbaren Wohnraum in den attraktiveren Vierteln zu finden ist so wahrscheinlich, wie in den Harbur­ger Bergen ein Edelweiß zu entdecken.

Meine Freundin und ich hatten eines Tages nach ca. 99 Besichtigungsterminen dieses unverschämte Glück: 3-Zimmer-Altbau mit Schnörkelstuck und Balkon, sonnendurchflutetes oberstes Stockwerk, unter 1.000 Euro warm. Wir überschütteten die Maklerin mit Blumen und Worten des Dankes.

Ein klitzekleiner Haken an der Sache offenbarte sich uns erst, nachdem der Mietvertrag unterschrieben war und wir unseren Abstellraum unterm Dach ansehen wollten. Hier oben gab es zwei Türen. Eine davon besaß eine Klingel. Und es standen drei Paar Schuhe davor. Ein ausgebautes Dachgeschoss befand sich exakt oberhalb unserer Räumlichkeiten. Keine Schallisolierung, aber immerhin schluckte ein dickfloriger Teppichboden den gröbsten Lärm, mit der Kleinfamilie gab es in der Folgezeit keinen Stress.

Klar, so ein Altbau hat dünne Wände. Wenn Oma Voss nebenan Punkt 20 Uhr den Fernseher einschaltete, brüllte ein unsichtbarer Jan Hofer seine Tagesschau-Texte wie durch ein Megafon auch in unser Wohnzimmer. Na und? Wir werden schließlich alle alt. Hin und wieder eine rauschende Party im Erdgeschoss? Egal, wir waren schließlich auch mal jung. Schwamm drüber – leben und leben lassen!  So hausten und arbeiteten wir glücklich und zufrieden in unseren geliebten vier Wänden. Hier würden wir ewig wohnen bleiben, dachten wir. Bis Holzmichel in unser Leben trat. Oder besser gesagt, darauf herumtrampelte.

Die Maklerin teilte uns mit, der neue Oberstübchen-Mieter sei Waldorflehrer, Werken und Musik. Holzmichel, ein grobschlächtiger Geselle, und seine Frau renovierten selbst. Erste Amtshandlung: Bodenbelag komplett rausreißen. Schnell wurde klar, dass dieser Teppich in Sachen Akustik unser bester Freund gewesen war. Fortan konnte man jedes Geräusch vom Fallen einer Stecknadel aufwärts klar und deutlich vernehmen. Wir forderten den Vermieter auf, für wirksame Schallschutzmaßnahmen zu sorgen. Der Mann stellte sich taub.

Genau das gelang uns fortan überhaupt nicht mehr. Holzmichel hatte Sommerferien, die nächsten sechs Wochen waren geprägt von 14-stündigem Einsatz von Hammer, Hobel, Bohrmaschine und anderem schweren Gerät. Gekrönt wurde das Ganze durch ein infernalisches Finale mit der Schleifmaschine. Der Tag nach der Lackierung war der letzte unbeschwerte Tag in unserem Leben. Danach folgte dauerhafte Eskalation.

Holzmichel trug auf den ollen Dachbodendielen konsequent klobige Holzbotten nach Art holländischer Käseverkäufer. Er arbeitete nur halbtags und widmete sich dann ausgiebig seinen Hobbys: Holzbearbeiten und Musizieren. Klarinette, Bass und Bongos. Letztere gern erst nach 22 Uhr. Sonntags kam dann die gesamte Verwandtschaft aus dem norddeutschen Flachland zu Besuch. Eine Art Großfamilie Flodder mit Bibel und Gesangbuch. Gemeinsam trällerten und flöteten sie christliche Lieder. Hosianna!

Nach wenigen Monaten waren Holzmichels zu viert. Die Zwillinge – Rosemaries Baby im Doppelpack – wuchsen schneller heran als altersüblich, sie brachten gefühlt das dreifache Gewicht eines normalen Kleinkindes auf die Waage, sie brüllten ohne Pausentaste und konnten mit sechs Monaten bereits laufen und Pogo tanzen. Ihr Erzeuger bastelte für sie einen hölzernen Radwagen und plumpes Schuhwerk. Oder waren es Hufeisen? Ab jetzt lief Ben Hur, rund um die Uhr.

Am Wochenende begann das Programm spätestens morgens um 6 Uhr. Wir versiegelten unsere Ohren präventiv mit Ohropax, doch der wattierte Geräuschpegel sank nur geringfügig. Bei dumpfen Schlägen wie 20-fachem Zuknallen einer Tür oder 60-minütigem Wettspringen der Racker vom Stuhl versagte das Produkt seinen Dienst.

Natürlich richteten wir freundliche und später auch weniger freundliche Worte an die Familie. Die lapidare Antwort: „Wir wollen doch auch nur leben.“ Weder Vermieter („Tja, Kinder halt“) noch Mieterverein („Genaues Lärmprotokoll mit Zeugen erstellen, ein Prozess kann aber Jahre dauern, bei geringen Erfolgsaussichten“) wollten oder konnten helfen.

Wir waren drauf und dran, den besten Rat („Zieht endlich weg!“) zu befolgen, als uns Familie Holzmichel damit zuvorkam. Halleluja! Inzwischen hat der Vermieter einen Trittschallschutz einbauen lassen und die Maklerin hat das Casting deutlich verbessert. Die neue Mieterin ist Primaballerina und schwebt auf Zehenspitzen durch die Wohnung. Himmlisch!

 

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