Achtung, Nachbarn

„Nachbarschaft kann man nicht planen“

Ein Interview mit der Stadt- und Raumsoziologin Ingrid Breckner über Stadtentwicklung in Hamburg und die sozialen Folgen für die Nachbarschaft.

Interview: Lena Kaiser

 

ACHT: Frau Breckner, was macht eine gute Nachbarschaft aus?
Ingrid Breckner: Nachbarschaft kann man nicht planen. Sie entsteht weitgehend durch die Bedingungen des Wohnungsmarktes und durch die Bewohner. Ob daraus eine gute Nachbarschaft wird oder nicht, hängt davon ab, ob Menschen Interesse an Nachbarschaft haben. Viele Leute ziehen ja gerade in die Stadt, weil sie die Anonymität schätzen. Nachbarschaft ist immer dann gut, wenn sie eine freiwillige Angelegenheit ist.

Wann kann man von Freiwilligkeit sprechen?
Wenn das Nachbarschaftliche durch diejenigen selbst definiert werden kann, die da zusammenkommen. Zuziehende aus Kleinstädten oder dörflichen Lebenswelten suchen manchmal nachbarschaftliche Kontakte. Es gibt aber auch Menschen, die froh sind, wenn sie mit Nachbarn nichts zu tun haben: Sie leben in der Stadt, weil sie sich hier ihre Freunde selbst aussuchen können.

Ist das soziale Miteinander ein wichtiges Thema in der Stadtplanung?
Stadtplaner entscheiden selten darüber, wer konkret in welche Wohnhäuser einzieht. Sie beeinflussen eher, wo gewohnt und wo gearbeitet wird. Da versucht Stadtplanung das Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten so zu organisieren, dass möglichst keine Störungen auftreten.
Anstatt an der „funktional getrennten Stadt“, die auf den französischen Architekten Le Corbusier und die „Charta von Athen“ zurückgeht, orientiert sich der heutige Städtebau an Nutzungsmischung und versucht dabei auch soziale Erfordernisse zu berücksichtigen.
Der öffentliche Raum ist heute von zentraler Bedeutung und muss so gestaltet sein, dass er die Interessen und Praktiken von ganz unterschiedlichen Menschen aufnehmen kann: Da hat der Punk genauso seinen Platz wie die feine Dame, die an ihm vorbeimarschiert. Da muss man gucken, wie das zusammengeht.

Wie wichtig ist es, dass Flüchtlinge auch in vermögenderen Stadtteilen leben können?
Flüchtlinge können überall wohnen, wo es möglich ist und wo sie die notwendige Unterstützung erhalten. Sozialwohnungen können nur dort gebaut werden, wo bezahlbare Flächen vorhanden sind, für die sich Investoren interessieren. Wenn es niemanden gibt, der sie baut, und niemanden, der die Sozialwohnungen als Folgeunterkunft für Flüchtlinge betreibt – z. B. weil in kleinen, verstreuten Einheiten die Sicherheit kaum zu gewährleisten ist –, bleiben als Alternativen nur Container, Zelte oder die Umnutzung bestehender Gebäude.

Ist die HafenCity ein guter Ort, um Flüchtlinge und ihre Familien unterzubringen?
Die geplante temporäre Unterbringung auf einem Baufeld, wo in drei Jahren ein Gymnasium entstehen soll, ist durchaus eine Möglichkeit. Es gibt überhaupt keinen Grund, bestimmte Stadtteile nicht in Betracht zu ziehen, wenn geeigneter Platz vorhanden ist.

Was können Stadtplaner dazu beitragen, dass Integration gelingt?
Stadtplanung ist eher für die Vorbereitung von Baumaßnahmen zuständig. Integration ist eher Aufgabe der Sozial- und Wirtschaftspolitik sowie der Zivilgesellschaft. Was im Moment am stärksten fehlt, ist eine systematische Zusammenarbeit der verschiedenen Ressorts, damit man das Herstellen von Wohnmöglichkeiten und das Integrieren auch wirklich zusammenführt. Es müsste eigentlich bei jedem Projekt detailliert diskutiert werden: Wo baue ich was, wo gibt es im Umfeld Kindergärten, Schulen und Arbeitsmöglichkeiten, wer bietet Deutschkurse an und wer macht die Sozialberatung?

Wenn es jetzt darum geht, schnell viele Wohnungen zu bauen, befürchten manche, man könnte die Fehler der Vergangenheit wiederholen, indem man zu große Wohnsiedlungen baut.
Eine Großsiedlung hat 10.000 Einwohner und mehr, keine der in Hamburg geplanten Siedlungen soll so viele Bewohner haben. Es geht um Einheiten von einigen Hundert Wohnungen. Man sollte wirklich das Wort Großsiedlung aus der Diskussion streichen. Das halte ich für eine absolut ideologische Irreführung der Bevölkerung und das heizt genau den Konflikt an.

Aber ist es nicht auch schwierig, Flüchtlinge dauerhaft in Siedlungen mit 200 bis 600 Wohnungen unterzubringen?
Die Stadtentwicklungsbehörde will ja, dass die Quartiere eingebunden werden. Bei den früheren Großsiedlungen hat man nur das Wohnen geplant. Diesen Fehler macht man nicht mehr und ich finde es im Prinzip gut, dass Sozialwohnungen gebaut werden, um Zelte und Container allenfalls kurzfristig zu nutzen. Das fällt der Stadt am allermeisten auf die Füße, wenn das zum Dauerzustand wird.

Warum wird diese Debatte denn so hitzig geführt?
Weil die Menschen oft nicht sagen, was sie eigentlich denken. Hinter dem Argument der Größe verstecken sich auch andere Motive.

Welche?
Ein Argument, das ich immer wieder höre, ist, dass die Leute Angst haben, dass ihre Immobilienpreise fallen. Das war auch ein Argument, das im Prozess in Harvestehude vorgetragen wurde.

Gibt es irgendwelche Zahlen, die eine Auswirkung auf den Immobilienpreis belegen?
Ich habe keine Befunde dazu. Es gab in Hamburg aber auch schon Proteste gegen Kindergärten und gegen Hospize mit ähnlichen Argumenten. Es gibt halt Leute, die die Vielfalt der Stadt nicht aushalten. Die sollten vielleicht besser in ländliche Räume ziehen, da haben sie vielleicht am wenigsten Berührung mit Andersartigkeit. In der Stadt gehört das Miteinander von Unterschiedlichkeit zum konkreten Leben dazu!

Über welche Unterschiedlichkeit sprechen wir – von sozialer Mischung?
Wenn man von Mischung spricht, muss man auch sagen, was und wer da eigentlich gemischt werden soll. Es gibt Ideologien, die davon ausgehen, je homogener, desto besser. Es streiten sich aber auch Leute in reichen Vierteln, lassen sich auch scheiden und schlagen vielleicht auch ihre Kinder, das kriegt man nur nicht so mit.

Was macht einen gewachsenen Stadtteil aus?
Das ist ein Stadtteil, der sich auseinandersetzt, der offen ist für Vielfalt und wo Vielfalt miteinander ausgetragen wird, wo man auch miteinander darüber diskutiert, wo man gegenseitig versteht, warum der andere etwas macht. So stabilisieren sich Stadtteile – und es sind nicht umsonst die Stadtteile, die besonders begehrt sind.

Fotos: Alexandra Falken/photocase.de, privat

 

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Prof. Dr. Ingrid Breckner forscht und lehrt an der HafenCity Universität Hamburg Stadt- und Regionalsoziologie. Sie wurde 1954 in Mediasch, Rumänien, geboren. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen im Bereich Suburbanisierung, soziale Stadt und Strategien integrierter Stadtentwicklung.

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