Achtung, Nachbarn Science

Nachbarschaft heute

Sie sind keine Freunde und gehören nicht zur Familie. Und dennoch können sie uns den Alltag erleichtern oder das Leben bis zur Unerträglichkeit vermiesen: unsere Nachbarn. Der Stadtsoziologe Walter Siebel spürt seit Jahrzehnten dem Phänomen „Nachbarschaft“ nach.

Text: Walter Siebel

 

Nachbarschaft hat ein Janusgesicht. Sie kann Quelle von Freundschaften oder ständigen Ärgers sein. Der Streit zwischen Nachbarn kann erbitterter ausgefochten werden als Scheidungskonflikte. Nachbarschaft ist eine wichtige Ressource zur Bewältigung des Alltags. Aber Nachbarschaft kann auch zur Falle werden. „Schlechte“ Nachbarschaften sind schlechte Adressen, durch die Benachteiligte zusätzlich benachteiligt werden. Wer in einem „Ausländerghetto“ wohnt, der ist abgestempelt. Nachbarschaft ist auch ökonomisch relevant. Eine „gute“ Nachbarschaft bedeutet hohe, eine „schlechte“ niedrige Preise für Immobilien.

In vormodernen Gesellschaften waren die Nachbarn denselben Nöten und Zwängen unterworfen. Man war zur Bewältigung des eigenen Alltags aufeinander angewiesen. Heute machen Wohlstand, moderne Kommunikations- und Verkehrsmittel und die sozialen Netze des Wohlfahrtsstaates nachbarliche Hilfssysteme weitgehend überflüssig. Die Differenzierung der Berufe, die Individualisierung, die Pluralisierung der Lebensstile reduzieren heute auch die sozialen Gemeinsamkeiten unter den Nachbarn. Dadurch wachsen die Konfliktmöglichkeiten. Da man Nachbarn anders als Freunde und Verwandte, zu denen man Kontakte hält oder eben nicht, nur durch Umzug auswechseln kann, werden die Kontakte zu Nachbarn bewusst auf der Ebene einer vorsichtig-höflichen Distanz gehalten. Die wichtigste Norm gutnachbarlichen Verhaltens ist die Distanznorm. Es lassen sich aber drei Gruppen benennen, die Interesse an intensiveren Nachbarschaftsbeziehungen haben.

In den 1970er- und 80er-Jahren entstanden zahlreiche Projekte geplanter Nachbarschaften, initiiert insbesondere von den Frauen. Diese wollten nachbarliche Hilfsnetze organisieren, um Hausarbeit, Kindererziehung und Berufstätigkeit besser vereinbaren zu können. Hinzu kam das Interesse, Isolation und Anonymität zu vermeiden. So fügten sich sehr praktische Überlegungen zur Entlastung der berufstätigen Frau durch Zusammenarbeit im Wohnbereich und das Interesse an mehr Kommunikation zu einem Idealbild gelungener Nachbarschaft. Diese Nachbarschaften haben umso besser funktioniert, je höher die soziale und kulturelle Homogenität der Beteiligten war, also auf Basis einer sehr feinkörnigen sozialen Segregation. Das hat gute Gründe. Je mehr und je privatere Lebensbereiche man miteinander teilt, desto wichtiger wird es, dass die Teilnehmer in Fragen der persönlichen Überzeugung, des Geschmacks, des Lebensstils und in ihren materiellen Möglichkeiten einander ähneln.

Nachbarschaft ist auch für Zuwanderer von großer Bedeutung. Auch die Deutschen, die nach Amerika ausgewandert sind, haben zuerst die Nähe zu Landsleuten in den „little Germanys“ der amerikanischen Städte gesucht. Landsmannschaftliche Nachbarschaften bilden Puffer zwischen dem eingewanderten Individuum und der Aufnahmegesellschaft, Brückenköpfe vertrauter Heimat in der Fremde, in denen der Schock der Migration gemildert wird. Zuwanderer, die noch nicht vollständig in Markt und sozialstaatliche Netze integriert sind, sind besonders auf informelle Hilfsnetze angewiesen, und solche Netze bilden sich in der Regel leichter unter Menschen mit ähnlichen Orientierungen. Der Zugewanderte findet hier erste Informationen über die noch fremde Umgebung, materielle Hilfen, Schutz vor Isolation oder auch nur Menschen, mit denen er sich verständigen kann, weil sie dieselbe Sprache sprechen.

Auch die Alterung der Bevölkerung wird die Bedeutung von Nachbarschaften stärken. Je älter man wird, desto mehr ist man auf Hilfe angewiesen. Viele Hilfen lassen sich professionell organisieren, nicht aber das, was alte Menschen am dringendsten benötigen: Achtung der Person, Vertrauen und Liebe. Das sind Qualitäten menschlicher Beziehungen, die gebunden bleiben an die informellen Netze der Verwandtschaft, der Freundschaft und der Nachbarschaft. Das leistungsfähigste dieser drei, das Verwandtschaftssystem, wird aber durch den demografischen Wandel und die Veränderungen der Lebensweisen geschwächt: Das Einzelkind zweier Einzelkinder hat nach dem Tod seiner Eltern keinerlei direkte Verwandte, und Ähnliches gilt für die kinderlose Witwe und den lebenslangen Single. Also bleiben nur Freundschaft und Nachbarschaft, beides Systeme, die über lange Zeiträume aufgebaut sein müssen, um sich als verlässliche Netze eines humanen Alters bewähren zu können.

Zuwanderer sind einander wichtige Nachbarn. Typisch für alle Einwanderungsstädte ist deshalb ein Mosaik „urbaner Dörfer“, in denen Einwanderer Übergangsräume zwischen Heimat und fremder Gesellschaft finden können. Der demografische Wandel kann dazu beitragen, dass Menschen wieder mehr und schon sehr früh in das soziale Kapital einer funktionierenden Nachbarschaft investieren, ähnlich wie das in den Projekten gemeinsamen Wohnens junger Familien der Fall ist. Nachbarschaft verschwindet keineswegs, aber sie nimmt neue Formen an. Früher war Nachbarschaft Schicksal, heute ist sie wählbar, früher war Nachbarschaft eine räumliche Tatsache, die sich sozial organisiert, heute ist sie eine soziale Tatsache, die sich räumlich organisiert.

Fotos: zettberlin/photocase.de, Privat

 

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PROF. DR. WALTER SIEBEL
wurde geboren 1938 und ist seit 1975 Universitätsprofessor für Soziologie mit Schwerpunkt Stadt- und Regionalforschung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Seit 1978 leitet er dort die Arbeitsgruppe Stadtforschung. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Regional- und Stadtforschung, der Wohnsoziologie, den Zusammenhängen von sozialem und räumlichem Wandel sowie Integrationsfragen.

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