Science Unterwegs

Mit Raumimplosions-Maschinen in die Zukunft

Durch verführerische Wirkung könnten wir uns von „CO2“ zu „E“ bewegen – eine echte Chance …

Text: Andreas Knie

 

Seit vielen Jahren gibt es im Bereich der Mobilität nur ein Thema: Wie ist es möglich, die Menschen davon zu überzeugen, nicht mehr nur das eigene, private Auto zu nutzen, sondern sich vielfältiger zu bewegen, um damit auch die Abhängigkeiten von fossilen Brennstoffen zu minimieren. Es gibt aber ein Problem: das Automobil ist ja nicht einfach nur ein Fortbewegungsgerät. Über die enorme Bedeutung als Ikone der Moderne oder als Symbol für Fortschritt und Geschwindigkeit ist man sich seit langem einig. Doch neben der großen Identifikationsoberfläche wirkt das Auto als „Rennreiselimousine“ auch auf unser Raumverständnis. Kurt Tucholsky formulierte im Gedicht „Das Ideal“ diese Bedürfnisse bereits im Jahre 1927: „Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehen, aber abends zum Kino hast du es nicht weit.“

Dieses Bestreben nach ländlicher Idylle, aber auch urbaner Lebensform, dieses Generalversprechen alles, überall und nahezu gleichzeitig zu bekommen, konnte sich auch nur deshalb so erfolgreich etablieren, weil es ein Gerät gab, dass die dazu notwendige Raumüberwindung in idealer Form unterstützte, ja überhaupt erst die Idee dazu ermöglichte: das Automobil. Bereits zu den Zeiten Tucholskys übten die zahlenmäßig noch wenigen Fahrzeuge auf die Dichter und Denker eine faszinierende Anziehungskraft aus oder, wie es Erich Kästner treffend im Jahre 1928 ausdrückte, die „Zeit fährt Auto“.

Die Idee moderner Gesellschaften mit ihrem hohen Grad an sozialer Differenziertheit und dem Versprechen an gesellschaftlicher Teilhabe wäre ohne Auto praktisch gar nicht denkbar gewesen. Konsequenterweise bestehen die staatlichen Leistungen bis heute darin, alles zu tun, um den Zugang zu diesem Gerät zu ermöglichen.

Im Ergebnis hat dieses Versprechen der Moderne eine solche Wirkung erzielt, dass mit dem „Auto im Kopf“ praktisch alle Lebensplanungen unternommen werden: Ob es sich um die heimatliche Residenz, die Arbeitsstelle oder Freizeitaktivitäten handelt, Biografien werden im Raum um das „Auto“ herum gebaut. Mit Verbrennungsmotoren ausgestattet haben sich Automobile damit zu Raumexplosionsmaschinen entwickelt: Sie garantieren eine nahezu universelle Erreichbarkeit und senken den Raumwiderstand. Im Ergebnis ist damit aber nicht nur das „Versprechen“ der Moderne materialisiert, es wurden auch riesige Agglomerationsgebiete geschaffen. Bis heute geht der Landverbrauch in Deutschland unbegrenzt weiter. Obwohl viel von der Renaissance der Städte gesprochen wird, schreitet die Zersiedelung der Landschaft weiter voran und der Ressourcenverbrauch bleibt hoch.

Wie kann man aber die Wende schaffen ohne Freiheitsrechte und Gewohnheiten unnötig einzuschränken? In Großstädten wären Busse und Bahnen in geeigneter Qualität bereitzustellen, in den Zersiedlungsräumen ist dies keine Alternative. Eine Perspektive könnte sein, das Automobil zu domestizieren und ihm den raumgreifenden Charakter zu nehmen.

Seit einigen Jahren kann die vermehrte Nutzung von elektrischen Automobilen beobachtet werden. Während in früheren Jahren diese alternative Antriebsoption eher marginaler Natur war, sollen sich E-Fahrzeuge in Deutschland zu einem Leitmarkt entwickeln und bereits 2020 mehr als eine Million Exemplare auf den Straßen unterwegs sein. Interessante Befunde kommen bezüglich der Nutzer von E-Fahrzeugen schon heute aus der empirischen Sozialforschung. Seit 1998 ist eine ausreichende Menge von Fahrzeugen für Test und Erprobungsfahrten im Rahmen von Forschungsprojekten verfügbar, die im Rahmen wissenschaftlicher Erhebungen befragt wurden. Eine Reihe von Befragten gab an, dass man durch das tolle Fahrgefühl und mit dem guten Gewissen, durch den Ökostrom zumindest im Fahrbetrieb CO2-frei unterwegs zu sein, auch darüber nachdenke, neue Fahrtziele zu justieren und nur noch die Orte anzusteuern, die man auch erreiche.

Aber die andere Hälfte der Befragten gab zumindest an, über die eigene Raumstruktur kritisch nachzudenken. Der hohe Fahrkomfort des E-Fahrzeuges führt dazu, dass sich das Gerät über die ursprüngliche Absicht hinwegsetzt. Wie das klassische Auto die Distanz praktisch aufgehoben hat und eine schier endlose Verfügbarkeit des Raumes suggeriert, kann sich auch mit dem E-Fahrzeug das Mittel über den Zweck erheben. Der entfernungsabhängige Lebensstil zeigt sich durch die Brille der E-Fahrzeug-Nutzung in seiner ganzen Dramatik! Denn bei der Suche nach anderen Optionen wurde den Probanden die Abhängigkeit vom technischen Gerät Automobil bisweilen erst richtig bewusst.

Ob und inwiefern elektrische Fahrzeuge tatsächlich zu „Raumimplosionsmaschinen“ werden können, bleibt zunächst einmal Spekulation. Es scheint vorstellbar, dass durch das gute Fahrgefühl der E-Fahrzeuge und im Bewusstsein, dass eine Fortführung des raumintensiven Lebens- und Arbeitsstiles mit Verbrennungskraftmaschinen dauerhaft kaum nachhaltig ist, immer mehr Menschen über ihre Verkehrsleistungen nachzudenken beginnen und zudem bereit sind, das Aktivitätenspektrum räumlich kompakter zu gestalten.

Die „verführerische Wirkung“ des Fahrens mit E-Fahrzeugen, das angenehme Dahingleiten lässt jedoch auch bei längerer oder dauerhafter Nutzung nicht nach. Ob mit der Nutzung der E-Fahrzeuge aber eine „Wende“ eingeleitet werden kann, hängt auch davon ab, ob die Nutzung dieser Fahrzeuge überhaupt breiten Bevölkerungsschichten möglich wird. Denn bislang können sich, wie schon zum Beginn des automobilen Zeitalters, nur die Reichen solche Fahrzeuge leisten. E-Fahrzeuge sind mehr als doppelt so teuer wie vergleichbare Autos und haben auch steuerlich oder während der Nutzung keinerlei ökonomische Vorteile. Aber dennoch: Lassen Sie uns mal über Elektroautos nachdenken.

 

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PROF. ANDREAS KNIE
wurde 1960 in Siegen geboren und studierte Politologie in Marburg und an der FU Berlin. Andreas Knie arbeitet seit 1987 am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Zudem ist er Professor für Soziologie an der TU Berlin. 2005 gründete er das Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ). Zu seinen Schwerpunkten gehört die sozialwissenschaftliche Mobilitätsforschung, insbesondere die Elektromoblität.

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