Einfach machen! Global

Mit Freude die Welt positiv verändern

Benjamin Adrion hat mit dem Hilfsprojekt Viva con Agua mehr als 300.000 Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser verschafft. Dafür wurde der Ex-Fußballprofi des FC St. Pauli im Jahr 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Ein Gespräch über das beglückende Gefühl, wenn man Dinge selbst in die Hand nimmt.

Interview: Marco Fuchs
Fotos: Viva con Agua

 

Was hat Sie dazu bewogen, mit nur 26 Jahren Ihre Profikarriere zu beenden und sich in einem internatio­nalen Hilfsprojekt zu engagieren?
Da muss ich ein bisschen ausholen. Ich hatte ja bereits mit 17 ein Jahr pausiert, weil ich mir damals schon die Sinnfrage gestellt habe. Als ich wieder anfing und meinen ersten Profivertrag unterschrieb, war meine Marschroute: Ich denke nur von Vertrag zu Vertrag, weil ich auch immer Interessen hatte, die außerhalb des Fußballsports lagen. Mir fehlte die Grundmotivation, alles auf eine Karte zu setzen. Und da ich schon mit zehn Jahren leistungsorientiert Fußball gespielt habe und mit 14 Jugendnationalspieler war, hatte ich eben schon sehr, sehr viel Zeit mit Leistungssport verbracht. Da kam dann irgendwann der Punkt für den Gedanken: Ich will auch noch einmal etwas anderes machen. Dann kamen noch Verletzungen hinzu, die ich in den jeweiligen Reha-Maßnahmen nicht konsequent aufgeholt habe. In meinem letzten Vertragsjahr beim FC St. Pauli fehlte mir dann auch die Freude am Fußball und ich habe nebenher mehr für „Viva con Agua“ gemacht, als für meine Karriere. Ausschlaggebend war am Ende, dass mein Vertrag beim FC St. Pauli nicht verlängert wurde und woanders wollte ich schlichtweg nicht mehr spielen. Ich war gut, wenn ich Spaß auf dem Platz hatte, und den hatte ich damals nicht mehr.

Das Engagement für „Viva con Agua“ begann also schon während Ihrer aktiven Zeit?
Anfang 2005 hatten wir mit dem FC St. Pauli ein Trainingslager in Kuba, das ein Schlüsselerlebnis für mich war. Zu sehen, dass es Menschen gibt, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Im Sommer 2005 starteten wir dort das erste Projekt mit Wasserspendern, ein Jahr später war dieses abgeschlossen. Danach war ich dann noch ein Jahr Profi.

Helfen Ihnen Dinge, die Sie im Fußballbereich erlernt haben, auch bei Ihrer jetzigen Arbeit?
Klar. In mir drin bin ich Sportler, der vor allem die Teamleistung sieht. Zusammen sind wir stärker als jeder alleine für sich. Kontinuierlich an Sachen dran zu bleiben, sich nicht über Fehler zu ärgern, sich weiter verbessern – diese Optimierungskultur haben wir auch bei „Viva con Agua“.

Was macht das Engagement bei „Viva con Agua“ aus?
Sich in einer Gemeinschaft sinnstiftend zu engagieren. Mit Freude die Welt positiv verändern.

Wie viele Menschen sind in dem Verein engagiert?
Wir sind mittlerweile 18 Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die ihren Lebensunterhalt mehr schlecht als recht aber immer besser mit „Viva con Agua“ verdienen. Unsere Datenbank weist darüber hinaus 43 dezentrale Local Crews und Zellen und 6.000 ehrenamtliche Helfer aus.

Künstler wie „Gentleman“ und „Wir sind Helden“ unterstützen „Viva con Agua“. Junge, gut gelaunte Menschen sammeln auf Festivals Pfandbecher – ist soziales Engagement wieder in?
Wir sind angetreten mit dem „All Profit“-Gedanken. Jeder der Beteiligten, vom Spendensammler bis zum Menschen, dessen Lebensqualität sich durch den Bau eines Brunnens verbessert, soll profitieren. Soziales Engagement hat nicht zwangsläufig etwas mit erhobenen Zeigefinger und schlechtem Gewissen zu tun, sondern soll Freude machen. Das kann dann auch mal cool, lifestylig oder St. Pauli sein. Musik, Kultur und Sport sind da die besten Multiplikatoren.

Ihre Zielgruppe sind also vorwiegend junge Menschen?
Die meisten Spendenorganisationen setzen auf die Zielgruppe 60 plus. Wir öffnen uns auch langsam in diese Richtung, aber wir wollten von Anfang an auch den Jüngeren eine Möglichkeit geben, sich zu engagieren. Wenn man die Idee „Viva con Agua“ international weiterdenkt, stellt man fest: In Äthiopien sind 80 Prozent der Bevölkerung unter 30. Dort ist es noch wichtiger als hier, die jungen Menschen zu erreichen und sie in den gesellschaftlichen Wandel mit einzubeziehen.

Wie suchen Sie die Projekte aus, die dann Unterstützung erfahren?
Wir arbeiten ganz klassisch mit der „Welthungerhilfe“ zusammen, in der Schweiz mit „Helvetas“. Wir bekommen dann Vorschläge innerhalb unserer Parameter und Schwerpunktländer, die wir uns anschauen, zum Beispiel im Rahmen von Projektreisen nach Äthiopien. Die Tendenz geht immer mehr in die Richtung, dass wir selber Projekte identifizieren und anschieben.

Treffen Sie dabei auf kulturelle Barrieren?
Wenn man sich auf kulturelle Barrieren fokussiert, wird man kulturelle Barrieren finden. Wenn man sich auf Gemeinsamkeiten konzentriert, findet man Gemeinsamkeiten. Je internationaler man wird, desto ungewisser ist es natürlich auch. Deshalb werde ich zum Beispiel im kommenden Frühjahr auch einmal vier bis sechs Wochen nach Addis Abeba fahren um zu sehen, was passiert, wenn man konkret vor Ort ist. Ähnlich wie bei unseren Projektreisen. Wir musizieren dann gemeinsam vor Ort, interagieren mit Künstlern, spielen zusammen Fußball. Immer mit dem Gedanken: Was können wir gemeinsam auf Augenhöhe umsetzen? Welche universellen Ideen verbinden uns? Zum Beispiel: Alle für Wasser, Wasser für alle.

Welches internationale Projekt hat Ihnen persönlich am meisten bedeutet?
Sodo in Äthiopien ist sicherlich hervorzuheben. 2006 gab es dort keine Brunnen, nur einen dreckigen Fluss. Im Jahr darauf konnte man dann sehen, wie die ersten Brunnen gebohrt wurden. Das war schon krass. Die Dorfgemeinschaft ist uns über die Jahre sehr ans Herz gewachsen. Bei unserer letzten Reise haben wir dort eine magische Nacht verbracht, wir wurden mit selbst gebranntem Schnaps abgefüllt, wir haben mit den Menschen gesungen, getanzt, gefeiert. Und noch ein anderer Aspekt: Dort haben wir vor sieben Jahren 14 Brunnen an den Start gebracht, davon war in all den Jahren einer mal fünf Tage kaputt. Immer wenn wir die Kritik über die Wirkungslosigkeit von Entwicklungshilfe hören, an diesem Beispiel können wir feststellen: Diese Brunnen haben das Leben der Menschen dort seit sieben Jahren massiv verbessert.

Wie vielen Menschen haben Sie bisher konkret helfen können? Wo überall auf der Welt?
Über 300.000 Menschen sind mit den Maßnahmen erreicht worden und haben jetzt Zugang zu sauberem Trinkwasser. Aktuell betreuen wir knapp zehn Projekte in Guatemala, Nepal, Mosambik, Indien, Uganda, Äthiopien und Malawi.

Sie sind aber auch in Deutschland aktiv.
Rein zeitlich sogar mehr als international. Der Aufbau von Netzwerken, Leute zum Engagement zu ermutigen, Unterstützung von gesellschaftlichem Wandel. Zum Beispiel über unsere neu hinzugekommenen Geschäftsmodelle wie die „Wasser GmbH“ oder unser jüngstes Projekt „Goldeimer“, bei dem wir im ersten Jahr mit 20 Komposttoiletten, die ohne Wasser und Chemie funktionieren, auf 40 Festivals starten.

Warum ist es so lohnend, Dinge selbst in die Hand zu nehmen, sie zu ändern?
Jede Initiative passiert aus einem persönlichen Antrieb heraus. Jedes Engagement, etwas auf die Beine zu stellen, lebt doch von dem Impuls: ich will etwas machen und jetzt loslegen. Diese Inspiration, ergebnisoffen etwas zu erschaffen, ist die Grundlage von allem. Es ist sinnlos, darauf zu warten, dass irgendjemand etwas Maßgeschneidertes für mich erfindet. Für mich persönlich war es lohnend, nach meiner aktiven Profizeit nicht in ein Loch gefallen zu sein, sondern mit Freunden gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Und durch die Ergebnisse dann auch darin bestätigt zu werden, an der richtigen Front zu arbeiten. Im Jahr 2000 waren
noch 1,2 Milliarden Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser, mittlerweile sind es nur noch 750 Millionen. Das heißt, wir arbeiten an einem Projekt, das theoretisch in diesem Leben noch funktionieren könnte: Alle Menschen haben sauberes Trinkwasser. Das ist eine konkrete Verbesserung, keine pure Utopie. Und das ist ungeheuer erfüllend.

BENJAMIN ADRION
ist Initiator der Trinkwasserinitiative „Viva con Agua de Sankt Pauli e.V.“. Gemeinsam mit der „Welthungerhilfe“ rief der ehemalige Profi-Fußballer des FC St. Pauli das Projekt 2005 ins Leben. Seitdem setzt er sich dafür ein, die Trinkwasserversorgung in Entwicklungsländern zu verbessern. Spendengelder erhält „Viva con Agua“ zu einem großen Teil durch kulturelle und sportliche Events. Vor allem bei jungen Menschen in Deutschland möchte die Initiative das Bewusstsein für die Themen Wasser und Entwicklungshilfe schärfen. 2009 wurde Adrion das Bundesverdienstkreuz für „besondere Verdienste um unser Gemeinwohl“ verliehen.
Mehr Informationen und Wege zum Mitmachen: www.vivaconagua.org

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