Einfach machen!

Missstandsamt

Das Medibüro hilft Menschen bei gesundheitlichen Problemen, ganz egal, wo sie herkommen und ob sie versichert sind. ACHT sprach mit drei Mitarbeiterinnen.

 

Interview: Katharina Manzke
Fotografie: Susanne Baumann

Warum engagiert Ihr Euch im „Medibüro“?
Lela Hatzelmann: Als Krankenschwester habe ich erlebt, wie Patienten ohne Krankenversicherung nicht behandelt wurden. Gegen diese Ungerechtigkeit will ich etwas tun.
Christiane Wiedemann: Das Grundrecht, zum Arzt gehen zu können, wird vielen verwehrt. Über das „Medibüro“ kann ich mich politisch engagieren, gerade in Hinsicht auf Probleme, mit denen ich als Gesundheits- und Krankenpflegerin oft zu tun habe.
Svenja Schöneich: Über mein Ethnologie-Studium habe ich mich mit Illegalisierung in Hamburg beschäftigt. So kam ich zum „Medibüro“. Viele unserer Patienten leben illegal in der Stadt. Mit Medizin habe ich nichts zu tun, ich verstehe mich vor allem als politische Aktivistin.

Braucht man denn kein medizinisches Fachwissen, um bei Euch mitzumachen?
Svenja: Hinter dem „Medibüro“ steht ein Netzwerk aus 150 Praxen, vom Zahnarzt über die Gynäkologin bis hin zum Psychotherapeuten. Wir als Beratungs- und Vermittlungsgruppe sind etwa 20 Leute unterschiedlicher Altersstufen. Unsere Aufgabe ist es, die Patienten in das Netzwerk zu vermitteln. Dafür brauchen wir nicht unbedingt medizinisches Fachwissen.
Christiane: Wir geben konkrete, praktische Hilfe, ganz niederschwellig. Bei uns muss man keinen Ausweis vorlegen. Man sagt seinen Vornamen und das Problem und dann versuchen wir, so schanell wie möglich zu helfen.

Wann stoßt ihr dabei an Eure Grenzen?
Lela: Besonders dann, wenn Patienten ins Krankenhaus müssen. Es kommt vor, dass ein Patient trotz Notlage nicht ins Krankenhaus gehen will, weil er Angst hat, dort seine Identität preisgeben zu müssen.
Christiane: Und wenn man keine Krankenversicherung hat und nicht unterschreibt, dass man die Behandlung bezahlen kann, ist es nicht selbstverständlich, dass man behandelt wird, selbst in der Notaufnahme.
Lela: Schlimm finde ich, dass die Leute so lange warten müssen. Sie warten zum Beispiel mit üblen Zahnschmerzen auf den „Medibüro“-Termin und danach dauert es wieder, bis sie wirklich behandelt werden.

Wäre es denn möglich, das „Medibüro“ öfter als zwei Tage in der Woche zu öffnen?
Lela: Das ist schwierig, weil wir das ja alle ehrenamtlich machen.
Svenja: Außerdem überbrücken wir durch unsere Arbeit sowieso schon den Engpass, den wir bemängeln. Wir wollen keine Parallelstruktur entwickeln, die dafür sorgt, dass alle Illegalisierten in Hamburg behandelt werden können. Das darf nicht die Lösung sein.
Lela: Unter den momentanen Umständen ist es wichtig und notwendig, dass wir diese Arbeit machen. Trotzdem wäre es schön, wenn es das „Medibüro“ nicht geben müsste. Die Lücken, die wir überbrücken, müssten von Regierungsseite im System registriert und repariert werden.
Svenja: Deswegen habe ich auch ein Problem mit dem Wort „Ehrenamt“. Es ist keine „Ehre“, das zu machen, es ist ein Missstand. Wir machen ein Missstandsamt!

DAS MEDIBÜRO HAMBURG
wurde 1994 als Reaktion auf rassistische Tendenzen der damaligen Zeit gegründet. Durch das Ärztenetzwerk und die kostenlose Beratungsstelle wurde eine Anlaufstelle für illega­lisierte Menschen in Hamburg geschaffen. Die Beratungsstelle finanziert sich durch Spenden und arbeitet unabhängig von Kirchen, Parteien oder anderen Institutionen. Auf bundesweiter Ebene ist das Medibüro Hamburg mit anderen medizinischen Beratungsstellen sowie antirassistischen politischen Organisationen vernetzt. Kontakt: Hospitalstraße 109, Öffnungszeiten: Mo und Do 15.00–17.00 Uhr
www.medibuero-hamburg.org

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