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„Ich kann mich über ganz viel im Leben freuen, auch Kleinigkeiten“

Milo Milone, Sängerin der Band Rhonda, über ihre Lieblingsorte in Hamburg, Tattoos und Kaffee-Rituale

 

 

Interview: Jan Kahl
Fotografie: Carlos Fernández Laser

 

ACHT: Die neue Ausgabe von ACHT beschäftigt sich mit dem Thema „Schöne Aussichten“. Gibt es einen Ort in Hamburg, der dir besonders wegen seines Ausblicks ans Herz gewachsen ist?
Milo Milone: Das ist jetzt zwar nicht mehr aktuell, aber ein paar Jahre habe ich auf St. Pauli gewohnt, in der Simon-von-Utrecht-Straße, mit einem Baum direkt vor meinem Fenster. Ich habe es geliebt, auf dem Fenstersims in meinem total runtergekommenen Zimmer zu sitzen – das war so eine typische St.-Pauli-Bude, in der alles schräg war –, auf diesen wunderschönen Baum zu gucken, und im Hintergrund flackerte der Schriftzug eines Hotels in Neonlicht.

Was genau hat dir an diesem Anblick so gefallen?
Na ja, das hatte so was Bittersüßes; ein Gefühl von Romantik, die gleichzeitig auch tief und bedrohlich wirkte. Auf der einen Seite mein Zimmer – ein total seliger Ort für mich, mein Reich, mein Ruheort. Draußen vor der Tür hingegen war alles eher unruhig und dunkel. Das mochte ich.

Das klingt so ein bisschen nach Großstadt- und Industrieromantik. Was ist mit dem Hafen? Ist der Hafen ein Ort, an dem du dich gern und oft aufhältst?
Mhhh, „oft“ würde ich jetzt nicht sagen. Aber ich bin schon sehr gern da. Der Hafen gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Ich war schon immer jemand, der viel und gern reist und sich nicht unbedingt lange an einem Ort aufhält. Der Hafen gibt mir das Gefühl, als könnte ich jederzeit los.

Du bist ein Mensch, der sich generell im Voraus auf Dinge freuen kann, oder?
Das bin ich auf jeden Fall, zu einhunderttausend Prozent. Ich kann mich über ganz viel im Leben freuen, auch Kleinigkeiten, und ich hoffe, dass sich das nie ändert. Das macht das Leben häufig auch einfach ein bisschen milder.

Was ist das Erste, auf das du dich am Morgen nach dem Aufstehen freust?
Ich befürchte, das ist tatsächlich auf einen Kaffee. Also mal abgesehen von meinem Kind und meinem Freund natürlich, aber das versteht sich ja von selbst. Auf jeden Fall Kaffee. Das liegt aber auch daran, dass wir uns mal eine unfassbar tolle Espressomaschine geholt haben. Es ist schon ziemlich genial, wenn du zu Hause einen Kaffee trinken kannst, der genauso gut ist wie in einem Café.

Deutschland gehört weltweit zu den Ländern mit dem größten Kaffeekonsum. Woran liegt das deiner Meinung nach?
Kaffee löst bei Menschen einen Moment der Ruhe aus. Ganz viele sind doch immer so ein bisschen gehetzt, gerade auch in Deutschland. Du hast ständig diesen Druck, dieses oder jenes bis dann und dann erledigen zu müssen, und ich hab das Gefühl, dass Kaffee die Leute da rausreißt. Kaffee ist eines der wenigen Rituale, die die Menschen sich noch zugestehen.

Okay, Themenwechsel: Worauf achtest du bei einem Menschen als Erstes, wenn er dir gegenübersteht?
Wenn man den Charakter mal außen vor lässt, dann bin ich jemand, der sehr auf die Stimme achtet. Ich höre einfach gerne Stimmen, wie Leute lachen oder sich ausdrücken. Die Stimme ist häufig das Erste an einer Person, was sich bei mir einprägt. Aber ich liebe auch Höflichkeiten über alles auf der Welt. Ich mag es, wenn man sich gegenseitig hilft und man Respekt vor dem anderen hat: Jemand lässt etwas fallen und ein anderer hebt es für ihn auf. Oder, ganz klassisch, das Aufhalten einer Tür. Vollkommen egal, ob jetzt Mann oder Frau. Höflichkeiten sind einfach schön und sehr, sehr charmant.

Interessant. Die Frage war eigentlich stark aufs Visuelle bezogen, aber darauf bist du jetzt gar nicht eingegangen.
Vielleicht bin ich durch meine Musik ja tatsächlich eher ein auditiver Typ?! Wer weiß? Natürlich mag ich schöne Dinge und ich schau mir auch gerne schöne Menschen an, aber ich versuch immer, dem nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Ich hab schon ganz viele Menschen in meinem Leben getroffen, die überhaupt nicht klassisch schön waren, aber für mich immer schöner wurden – einfach durch gewisse Charaktereigenschaften oder Ähnliches. Genauso gab es Menschen, die wunderschön waren, aber durch ihre Art in meinen Augen immer hässlicher wurden.

Auf Pressefotos deiner Band sieht man immer mal wieder auch Tattoos auf Armen und Beinen bei dir. Was muss ein Tattoo haben, damit du es dir stichst?
Oh Gott, das kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Im Idealfall erzählt ein Tattoo für mich auch immer eine Geschichte. Meine Tattoos sind bei Weitem nicht perfekt oder wunderschön im klassischen Sinne. Das sind alles eher Sachen, die aus dem Moment heraus entstanden sind und für etwas stehen: Das kann eine Zeit sein, die besonders verrückt und wild war, das können aber auch geliebte Menschen wie meine Großeltern sein.

Planst du noch weitere Tattoos?
Keine Ahnung, ehrlich gesagt bin ich da selber mal gespannt. Ich kann überhaupt nicht sagen, wie ich am Ende meines Lebens aussehen werde. Vielleicht bin ich total zugehackt. Vielleicht kommen aber auch nur noch ganz wenige Tattoos dazu. Mal gucken.

 

RHONDA
Rhonda, das sind fünf Musiker aus Bremen und Hamburg, die seit Mai 2012 zusammen einen inspirierenden Retro-Beat und Retro-Soul spielen. Im Mittelpunkt von Rhonda steht die blonde Sängerin Milo Milone, deren Stimme an Amy Winehouse und Dusty Springfield erinnert. Das Debütalbum der Band, „Raw Love“, wurde im Sommer 2014 veröffentlicht und konnte sich auf Anhieb in den deutschen Albumcharts platzieren.
www.rhondamusic.com


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