Nerd Unterwegs

Michael Höller, Stadion-Nerd

In jeder Ausgabe der ACHT stellen wir einen Menschen vor, der ausgiebig einer Leidenschaft nachgeht und stellen ihm acht Fragen zu seinem Spezialgebiet. Und wir stellen fest: Nerds sind ganz normale Menschen – nur mit einem ausgeprägtem Spleen…

Fragen: Pawel Sprawka
Fotografie: Michael Höller

 

1

Wie sind Sie Groundhopper geworden?
Wenn man einige Jahre seinen Verein durch die Bundesliga auswärts begleitet und immer wieder in dieselben Stadien kommt, wird es auf eine gewisse Art langweilig. Man kennt die Anreiseroute, die Stadion­atmosphäre, die Bratwurst und das Bier. Es gibt kaum noch überraschende Momente. Wenn man dann aber zum Beispiel mal im Europapokal auswärts gefahren ist und oft nächtelange Zugfahrten auf sich genommen hat, weil es noch keine Billigflieger gab, um in fremden Städten anzukommen, von denen man zuvor allenfalls mal den Namen gehört hatte und dann auf exotische Fankulturen, geile Stadien und versiffte Absteigen trifft – ja, dann will man das immer wieder haben! Es ist die pure Lust aufs Unbekannte!

2

Können Sie sich noch an Ihren ersten Trip erinnern?
Mit meinem Kumpel Christian hatte ich mir ein InterRail-Ticket zugelegt und unser Ziel war „Glasgow RangersBayern München“. Wir haben dabei einen kleinen Umweg über Spanien gemacht, nur um im Estadio Nou Camp das Ligaspiel „FC BarcelonaCA Osasuna“ mitzunehmen. Das war im Herbst 1989. Den Begriff Groundhopping gab es damals in Deutschland noch nicht, der kam erst später auf.

3

Führen Sie Statistik über Ihre Aktivitäten: Wie viele Spiele, Stadien, Länder und Kilometer?
Derzeit komme ich auf 825 Spiele in 398 Stadien in 50 Ländern auf drei Kontinenten. Dafür habe ich 346.038 km per Bahn, 153.522 km per Flugzeug, 19.701 km per Auto oder Bus, 5.086 km per Fähre und 263 km zu Fuß oder per Fahrrad zurückgelegt.

4

Gibt es ein Sammelalbum für Groundhopper, in der Art der Panini-Reihe? Oder Conventions, wo man seine Errungenschaften ausstellt?
Es gibt den „Groundhopping Informer“, in dem so ziemlich jeder hoppbare Platz auf dem Globus aufgelistet ist. Da kann man seine Grounds abhaken. Ist mir aber zu mühsam, weil das Buch jede Saison neu erscheint und ich dann alle knapp vierhundert Kreuze wieder aufs Neue machen müsste. Die Szene der Groundhopper ist überregional kaum organisiert, daher gibt es keine Conventions. Höchstens wenn mal ein altehrwürdiger Ground kurz vor dem Abriss steht und es nur noch eine Chance gibt, diesen zu hoppen, dann finden sich automatisch ein paar Kollegen mehr zusammen als sonst.

5

Welcher Trip war bis jetzt der beste?
Im Frühjahr 2014 war ich 17 Tage allein als Backpacker im Nahen Osten unterwegs und dabei unter anderem eine Woche im Iran. Das waren für mich mit die intensivsten Tage meines Lebens. Ich habe Teheran erkundigt und bin von dort in komfortablen Zügen und klapprigen Flugzeugen durchs Land gereist. Vor Ort habe ich ab und zu lokale Fremdenführer engagiert. So bekam ich nicht nur einen guten Einblick in das Land, sondern auch in die Köpfe der Menschen. Ich besuchte Spiele in Ahvaz, Fooladshahr (bei Isfahan) und Shar-e Qods. Die Erlebnisse in und um die Stadien konnten unterschiedlicher nicht sein. Durch meine Erfahrungen hat sich meine Sichtweise auf den Iran komplett gedreht: Ich habe mich wirklich in das Land und seine Bewohner verliebt.

6

Wie organisieren Sie Ihre Reisen?
Zunächst halte ich Ausschau nach preiswerten Flügen zu potenziellen Zielorten. Wenn zu erwartende Kosten, Spielterminierungen und Budget passen und darüber hinaus noch meine Frau grünes Licht gibt, wird gebucht. Das passiert meist schon einige Wochen im Voraus. Einmal bin ich nach Marokko geflogen und der Spieltag war zwischenzeitlich vom Fußballverband verlegt worden. Knapp 5.000 km geflogen und keinen Ground gemacht. Das war hart!

7

Groundhopping ist ein zeitintensives und teures Hobby, oder?
Extensives Groundhopping kann auch der unterdurchschnittlich bezahlte Fabrikarbeiter betreiben, wenn er clever und leidensfähig ist. Doch tagelang im vollbesetzten Kleinwagen durch Mitteleuropa zu jagen ist nicht mein Ding. Ich will trotz meiner Leidenschaft familienkompatibel bleiben, das heißt, ich hoppe nur gelegentlich, dann aber bevorzugt im Ausland. Und für unter 50 Euro kommt man gelegentlich schon bis nach Zypern und eine akzeptable Low-Budget-Absteige findet sich überall.

8

Sind Groundhopper verrückte Nerds?
Es gibt ein paar Leute, die in 25 Jahren auf über 5.000 Grounds gekommen sind. Das ist nur durch gute Organisation (Mitfahrgelegenheiten etc.) und Kondition (52 Wochenenden im Jahr unterwegs) bei fast völligem Komfortverzicht (Schlafplatz Autorücksitz) zu schaffen. Hat einer einen an der Waffel, wenn er 500 km Autobahn fährt, um Sonntag morgens um 10.30 Uhr am Hartplatz beim C1-Juniorenspiel von Budissa Bautzen anwesend zu sein, nur weil ihm dieser Ground in der Sammlung fehlt? Urteilen Sie selbst!

 

GROUNDHOPPER MICHAEL HÖLLER
ist ein Stadionsüchtiger. Er ist 44 Jahre alt, lebt in Bergisch Gladbach bei Köln und ist dort bei einem Dämmstoffe­hersteller als Bereichsleiter tätig. In seiner Freizeit verbindet der Fan des FC Bayern München Reiselust und Fußball miteinander: Seit 25 Jahren hüpft er von einem Stadion zum nächsten und hat schon Fußballspiele in 50 verschiedenen Ländern besucht. Gerade ist sein Groundhopper-Buch „Khouzestan ist wie Brasilien“ erschienen.
www.michas-groundhopping.de

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