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Die Locations-Sammlerin

Sie ist ein Profi darin, die perfekten Spielwiesen zu finden. Seit über 20 Jahren durchforstet Karin Verbeek als Location Scout Norddeutschland nach Orten für Filmdrehs. Von ihr gefundene Kulissen gibt es unter anderem im Tatort, in Til Schweigers Film „Honig im Kopf“ oder der Heinz-Strunk-Verfilmung von „Fleisch ist mein Gemüse“ zu sehen.

Text: Katharina Manzke
Fotografie: Axel Nordmeier

ACHT: Was war Ihr letzter Einsatz als Location Scout?
Karin Verbeek: Da war ich für einen Spielfilm unterwegs, ich darf den Titel noch nicht verraten, der kurz vor der Maueröffnung in der ehemaligen DDR spielt. Eine große Herausforderung, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. Obwohl der Film auf Rügen spielt, sollte ich die Dreh­orte in Schleswig-Holstein scouten. In Mecklenburg-Vorpommern hätte es nämlich keine Fördergelder gegeben. Deswegen habe ich an der Festlandküste Häuser und Wohnungen für die Hauptrollen gesucht und gefunden.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen neuen Auftrag bekommen?
Scouting ist ein kreativer Beruf. Ich mache mir zunächst eine visuelle Vorstellung der Geschichte und der dazugehörigen Locations, die zu finden sind. Zuerst lese ich das Drehbuch und dann gibt es ein Briefing-Gespräch mit der Szenenbildnerin oder dem Szenenbildner. Aus einer am Drehbuch erarbeiteten Motivliste geht hervor, was die Location sonst noch können muss. Zum Beispiel musste beim letzten Auftrag in einem der Häuser unbedingt ein großer Baum stehen, an dem sich im Film jemand aufhängt. Den muss man dann erst einmal finden. Oft ist das eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Man läuft, man guckt, man spricht die Leute an.

Ist es schwierig, die Anwohner zu überzeugen?
Eigentlich nicht. Manchmal stoße ich auf Vorurteile: „Ach, die machen doch bestimmt alles kaputt.“ Es ist wirklich nicht so, dass da eine Herde Verrückter einfällt. Es kommt ein Filmteam von 30 bis 40 Leuten, für die eine Wohnung dann wie ein Arbeitsplatz ist. Natürlich kann da mal was passieren, aber es wird alles wiederhergestellt. Es gibt nichts, was organisierter und strukturierter ist als Filmdreharbeiten. Wenn es erforderlich ist, wird ein Hotel bezahlt oder eine Ersatzwohnung gestellt. Und in der Regel bekommt man als Aufwandsentschädigung eine Netto-Monatsmiete pro Tag.

Wie finden Sie die speziellen Orte, die gesucht werden?
Bauchgefühl und Erfahrung! Und durch visuelle Vorstellungskraft. Bei dem Film an der Ostseeküste wusste ich genau, dass ich in manche Gegenden gar nicht zu fahren brauche, weil dort überall Neubauten stehen, die nicht passend gewesen wären. Vor Ort kann ich mich meistens auf mein Bauchgefühl verlassen.
2007 habe ich für „Fleisch ist mein Gemüse“ nach einer Wohnstraße von Heinz Strunk gescoutet, der ja sowohl das Buch geschrieben hat als auch die Hauptfigur der Geschichte ist. In Wilhelmsburg bin ich in die Peter-Beenck-Straße eingebogen und wusste sofort: Das ist die Straße, nach der ich suche! Sie war genauso, wie es die Kamera liebt: Es gab dort nicht viel Grün – das bringt Unruhe ins Bild –, und alles war grafisch aufgeräumt. Die kleinen Doppelhäuser ähnelten einander, waren dabei aber alt und etwas schief. Ich habe dort auch ein Haus gefunden, dessen Bewohner bereit waren, für vier Wochen auszuziehen. Die ganze Straße hat sich in dieser Zeit in eine Kulisse aus den 1970ern verwandelt. Sie war nicht wiederzuerkennen! Alles, was Jetztzeit ist, wurde für den bestimmten Drehtag entfernt, es wurden zum Beispiel nur 1950er-, 1960er-Jahre-Autos aufgestellt. Wenn Fenster im Bild waren, wurden die Vorhänge zeitgemäß geändert.

Wie war das für die Bewohner der Straße?
Nur wenige wollten nichts mit dem Dreh zu tun haben. Deren Häuser wurden einfach ausgeblendet und man hat versucht, sie nicht zu stören. Die meisten Anwohner haben sehr gerne mitgemacht. Wir haben für den Film auch in Gaststätten aus dem Landkreis Harburg gedreht, die von der Grundstruktur heute noch aussehen wie aus den 1960er-, 1970er-Jahren. Da musste man gar nicht viel ändern. Und einige Leute dort kannten Heinz Strunk noch von früher, als Musiker. Die wollten alle als Komparsen dabei sein und erzählen heute noch von dem Filmdreh.

Wie beliebt ist der Hamburger Hafen als Drehort?
Der Hafen ist ein Klassiker. Er wird gerne für Filme genommen, die Hamburg erzählen wollen, aber in Berlin drehen. Dann macht man einen Schwenk über den Hafen und dreht dann in einer Berliner Altbauwohnung weiter. Die Berliner haben einen tollen Style, finde ich. Ich wünschte, ich hätte hier auch solche Wohnungen anzubieten.
Hamburg ist sehr totrenoviert. Es ist nicht so einfach, hier richtig schöne trashige Patina zu finden. Und es ist mir auch schon passiert, dass ich ein Jahr vor Drehbeginn bereits angefangen habe, zu suchen, der Drehtermin dann aber verschoben wurde. Und als es dann losgehen sollte, war das, was ich gefunden habe, weg. In der Zwischenzeit wurde mein gefundenes Objekt teuer renoviert. Die Stadt verändert sich ständig.

So erleben Sie als Scout also die Gentrifizierung der Stadt aus einer speziellen Perspektive.
Ja, genau. Aber Neues bringt auch Vorteile: Durch die HafenCity haben wir endlich Großstadtatmosphäre nach Hamburg bekommen.

Sie arbeiten bereits seit 20 Jahren als Location Scout. Da hat sich bestimmt auch in der Arbeitsweise viel verändert.
Absolut. Und nicht unbedingt nur zum Besten. Als ich noch analog fotografiert habe, bin ich viel mehr in Archive und Bibliotheken gegangen, habe in Architekturbüchern recherchiert. Ich konnte mehr in die Tiefe gehen, habe, auch mit der Regie, mehr Gespräche geführt. Heute wird die Anforderung an einen gestellt, immer schneller zu werden, so wie sicher in den meisten Branchen. Manchmal ist es für mich eine Herausforderung, dagegenzuhalten. Meine Arbeit soll ihre Qualität behalten.

Ihre Agentur MotivBuero gibt es seit 16 Jahren. Dort betreiben Sie eine Datenbank, um gezielt Objekte zu vermitteln, die Sie selbst gefunden haben, die aber auch Menschen an Sie herantragen. Unter welchen Voraussetzungen nehmen Sie ein Objekt darin auf?
Zurzeit habe ich 6.000 Locations in meiner Datenbank, davon sind 3.000 Häuser und Wohnungen. Wichtig ist, dass das Gebäude eine gewisse Größe hat. Wohnungen und Häuser sollten mindestens 150 Quadratmeter groß sein. Wenn es keinen Fahrstuhl gibt, sollte das Objekt nicht höher als im 2. Stock gelegen sein. Und Parkraum davor ist auch wichtig. Außerdem nehme ich nur Objekte, die entweder direkt in Hamburg gelegen sind oder sich im Umkreis von maximal 80 Kilometern von Hamburg entfernt befinden.

MOTIVBÜRO
Karin Verbeek und ihr Berliner Kollege Christian Meinecke haben sich auf das Finden von Locations für TV-, Kino- und Werbefilmproduktionen, Mode- und redaktionelle Fotografie sowie Veranstaltungen spezialisiert. Aber auch die Organisation vor Ort gehört zu ihrem Aufgabengebiet.
MotivBüro Hamburg, Randstraße 7, 22525 Hamburg, T:(0 40) 40 18 85-11/12, www.motivbuero.de


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