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„Es ist regressiv, es kommt zuruck“

Bernadette La Hengst hat den Feminismus auf deutschen Bühnen gerockt, inzwischen macht die Musikerin auch Theater und lehrt Angela Merkel das Fürchten. ACHT unterhielt sich mit ihr über die Kanzlerin, die Gleichberechtigung und den Sexismus.

Interview: Jan Kahl
Fotografie: Christiane Stephan

 

ACHT: Auch knapp 60 Jahre nach dem Gesetz der Gleichberechtigung von Mann und Frau herrscht noch immer ein eklatanter Unterschied zwischen „gefühlter“ und „struktureller“ Gleichberechtigung. Was muss sich in den Köpfen der Gesellschaft ändern, damit das aufhört?
Bernadette La Hengst: So einfach lässt sich das nicht beantworten. Ganz wichtig wäre, dass die klassischen Rollenbilder, die ja noch immer existieren, durchbrochen werden. Männern muss zum Beispiel zugestanden werden, dass sie zu Hause bleiben können und auch dürfen und sie trotzdem etwas wert sind. Viele sind in solchen Konstrukten einfach frustriert, weil ihnen die gesellschaftliche Anerkennung fehlt. Das ist mittlerweile sogar wieder schlimmer geworden. Gefühlt war das Bewusstsein für Veränderungen in den 70er-Jahren größer, als es heute der Fall ist. Der Kapitalismus hat uns alle im Griff und die Wirtschaft versucht nach wie vor, klassische Geschlechterbilder zu vermarkten.

Dazu passt, dass Nestlé auch 2016 noch rosa Smarties für Prinzessinnen und blaue für Piraten produziert. Ärgerst du dich noch über solche Klischees oder lässt dich so was mittlerweile kalt?
Nee, das ärgert mich schon und ich bin froh, dass es Organisationen wie „Pinkstinks“ gibt, die sich gegen Genderklischees und Sexismus in öffentlicher Werbung wehren. Nicht zuletzt ihnen ist es zu verdanken, dass an einem Gesetzesentwurf gegen Sexismus in öffentlicher Werbung gearbeitet wird. Viele glauben, wir seien über derartige Dinge schon hinweg, aber das stimmt nicht: Es ist regressiv – es kommt wieder zurück.

Du hast selber eine Tochter im Teenageralter. Durfte die, als sie noch kleiner war, Rosa tragen?
Das war natürlich Thema bei uns, mir wurde aber immer wieder von anderen Eltern erzählt, dass, wenn man sich komplett dagegen sperrt, der Wunsch danach nur umso größer wird. Dementsprechend hab ich das nicht getan – und als sie 5 Jahre alt war, war das auch schon wieder vom Tisch.

Feminismus scheint bei vielen jungen Menschen heutzutage nicht den besten Ruf zu genießen. Woran liegt das?
Also in meinem direkten Umfeld empfinde ich das überhaupt nicht so. Nichtsdestotrotz glaube ich zu wissen, was du meinst. Nimm nur mal neue, junge Bands wie „Schnipo Schranke“ oder „Die Heiterkeit“. Die behaupten von sich, keine Feministinnen zu sein oder dass ihnen das Thema am Arsch vorbei ginge. Und ich kann das sogar verstehen. Damals wurden wir, also „Die Braut haut ins Auge“ (frühere Band von Bernadette La Hengst, Anm. des Autors), immer wieder in die Feministinnen- und Emanzenecke gestellt. Wir wollten aber gar nicht in erster Linie als Frauen wahrgenommen werden, sondern als Band. Genau wie alle anderen „Jungs“-Bands auch. Stattdessen hieß es immer: die fünf frechen Mädchen aus St. Pauli. Was für eine Unverschämtheit – und natürlich war das auch sexistisch. Erst viel später haben wir verstanden, dass Feminismus eine Waffe sein kann.

Wie stehst du zu Angela Merkel?
Ah, dazu muss ich sagen, dass ich mich lange Zeit mit Angela Merkel für eine Theaterinszenierung beschäftigt habe: „Das Deutschlandmärchen“. Dafür hab ich ein Jahr lang ihre Stimme aus Interviews und Reden analysiert, sie geschnitten und am Ende zu einer Kunstfigur neu zusammengesetzt. Sie war die Märchenerzählerin in einem Deutschlandthemenpark und hat das Märchen von Fortschritt und Arbeit erzählt.

Und was ist dir bei der Arbeit am meisten haften geblieben?
Bei den dreihundert Reden, die ich mir angehört habe, hat sie nicht ein einziges Mal gelacht. Das ist sehr bemerkenswert, weil sie dadurch tatsächlich unmenschlich wirkte, fast wie eine Maschine. Dabei stellte sich mir irgendwann die Frage: Warum ist diese Frau so geworden, wie sie heute ist? Und das hat auch was mit ihrem „Frausein“ zu tun. Weil man als Frau, wenn man eine Machtposition bekleidet, alles darf, nur keine Gefühle zeigen. Ansonsten ist man die weinerliche Heulsuse, das Opfer oder das kleine Mädchen, wie sie am Anfang bezeichnet wurde, als Helmut Kohl sie noch förderte. Als Folge dessen hatte sie sich von ihrer Emotionalität komplett verabschiedet. Mittlerweile ist die auf eine gewisse Art zurückgekommen. Die Entscheidung, die Grenzen trotz AfD, Pegida und so weiter und so fort zu öffnen, fand ich beachtenswert. Das hat auch was mit Erziehung zu tun, mit Humanismus und Menschlichkeit. Gleichzeitig gab es Entscheidungen, denen ich überhaupt nichts abgewinnen konnte. Am Ende muss ich aber sagen: Ich bin von einer Skeptikerin zur Kennerin, zu fast so etwas wie einem Fan geworden.

Okay, letzte Frage: Was war die größte Errungenschaft der letzten 20 Jahre in Bezug auf Gleichberechtigung für dich?
Mhh, schwierige Frage, die so nicht zu beantworten ist. Aber wenn ich mich festlegen müsste, würde ich sagen: das Abtreibungsgesetz. Vor allem auch mit Blick auf Polen, wo Abtreibung gerade wieder unter Strafe gestellt werden sollte, was zum Glück aber gescheitert ist – auch wegen der Demonstrationen und Proteste vieler Frauen.

 

BERNADETTE LA HENGST
(bürgerlicher Name: Bernadette Hengst) wurde 1967 in Bad Salzuflen, der musikalischen Wiege der Hamburger Schule, geboren. Inspiriert von den feministischen Hardcore-Punkerinnen der amerikanischen Riot-Grrrl-Bewegung, gründet sie 1990 die Rockpopband „Die Braut haut ins Auge“ – die einzige Frauenband der Hamburger Schule. 2000 löst sich die Gruppe auf. Seitdem ist sie solo unterwegs und realisiert Musik- und Theaterprojekte.
www.lahengst.com

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