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Digitales Lernen: Salman Khan will mit kostenlosem Onlineunterricht das Schulsystem revolutionieren. Der Amerikaner gibt Nachhilfe im Internet und Millionen von Kindern tun sich mit dem Lernen plötzlich leichter.

Text: Reinhard Kahl

Kinder und Flüchtlinge haben etwas gemeinsam. Sie sind „Neuankömmlinge“. Diese Gemein­samkeit spüren sie – und in diesen Wochen erleben wir das alle an der Art und Weise, wie man sie willkommen heißt – oder auch nicht. Die Philosophin Hannah Arendt hat auf diese Ähnlichkeit immer wieder hingewiesen. Für sie sind Menschen geradezu definiert dadurch, dass sie Neuankömmlinge in einer immer schon bestehenden Welt sind und zeitlebens die Chance zu Neuanfängen, also zum Lernen und zur Kultivierung ihres Lebens, haben.

In Deutschland wurden die Neuankömmlinge, also Kinder und Flüchtlinge, nicht immer freudig erwartet. Wie klang zum Beispiel dieser Satz eines Lehrers: „Auf euch habe ich gewartet …“? Klang er so, als wollte er sagen: „Hey, kommt her, in euch steckt viel mehr, als ihr glaubt, machen wir was draus …“? Oder tönt er eher so: „Auf dich, mein Lieber, habe ich gerade noch gewartet … Du wirst noch dein blaues Wunder erleben …“ Beide Begrüßungen bestehen aus den gleichen Buchstaben: Auf euch habe ich gewartet. Die Botschaft steckt vielleicht weniger im Text als in den Tönen.

Was andere Töne gerade in Bildungseinrichtungen bewirken können, zeigt diese Geschichte des amerikanischen Einwandererkindes Salman Khan.

Es war schon viel Optimismus in seinem Tornister, als er 1976 in New Orleans geboren wurde. Seine Eltern waren aus Bangladesch in die USA eingewandert und Salman hatte nach dem Ende seiner Schulzeit wirklich einen Traum. Schulen sollten Kinder nicht so langweilen wie ihn so oft. So eine Schule wollte er später gründen. Aber dafür erst mal Geld verdienen. Er machte gleich drei Uniabschlüsse, unter anderem an der Harvard Universität und am benachbarten MIT. Dann wurde er Analyst in einem Hedgefonds. Das ist die Vorgeschichte.

Die Geschichte selbst beginnt 2004 bei seiner Hochzeit, als seine zwölfjährige Cousine Nadia ganz niedergeschlagen war, weil sie in einem „Eingruppierungstest“ das Ziel verfehlte. Sie wollte Informatikerin werden. Wenn sie aus den unteren Mathekursen nicht herauskam, würde daraus allerdings nichts. Es ging in dem Test um die Umrechnung von Maßeinheiten, Unzen in Gramm. Eine einfache Sache, wenn man sie verstanden hat. Salman gab Nadia Nachhilfe. Er wollte wohl auch beweisen, dass so was jeder lernen kann, zumal seine aufgeweckte Cousine. Er zog dann ins 2.000 Kilometer entfernte Boston, konnte mit ihr bloß telefonieren und versuchte es bald mit einem simplen Computervideoprogramm auf YouTube. Darauf sieht man, was Salman schreibt, wie auf einer Schultafel, und man hört dazu seine erklärende Stimme. Diese kleinen Lektionen, immer so zwischen acht und fünfzehn Minuten, machten ihm Freude. Das sprach sich in seiner Verwandtschaft herum und es wurde sein Hobby, nach Feierabend all das zu erklären, wozu Schüler irgendwann sagen: Bahnhof. Der Nutzen war ihm eher unklar. Er fragte in den Lectures hin und her, machte auch mal Fehler, löschte sie aber nicht, sondern korrigierte sie. Die Schüler verstanden die Erklärungen, weil sie die Möglichkeit hatten, jemandem beim Erklären zuzusehen. Diese Videos wurden auf YouTube ein Renner. Es sprach sich herum, dass bisher Unverstandenes gar nicht so unverständlich ist. Wieso? Gleich geht’s weiter mit der pädagogischen Geschichte. Aber erst muss man noch die amerikanische Geschichte zu Ende erzählen.

Die Kunde, dass Schüler scheinbar schwer verdauliche Brocken als gut zubereitete und nahrhafte Kost finden können, sprach sich im Internet herum. Und da auch die Kinder eines Herrn Bill Gates mit den Hausaufgaben zu kämpfen hatten und sie im Internet die Erklärungen von Salman Khan fanden, geschah nun das Unvermeidliche. Gates erwähnte diese Videos, die sich inzwischen schon Khan Academy nannten, bei einem Vortrag, nannte sie den „Beginn einer Revolution“ und spendete aus seiner Stiftung zwei Millionen Dollar. Khan gab seinen nur halb geliebten Job auf und arbeitet nun immer weiter mit den einfachen Mitteln seiner Stimme und dieser Quasitafel. Inzwischen macht es sechs Millionen Mal im Monat Klick auf dem Zählwerk im Internet und bald waren es 3.000 Lektionen. Mittlerweile gibt es sie auch schon auf Deutsch.

Khan hat von seiner Kritik an der üblichen, alten Schule und über seine Vorstellungen einer künftigen ein überaus anregendes Buch geschrieben. Der Kern seiner Schulkritik ist uns allen bekannt. Die Schulen glauben, offen oder versteckt, häufig eher an den Misserfolg als an den Erfolg der Kinder, eher an die Lernprobleme als an die Lernbegeisterung. Das Ergebnis des Unterrichts nennt Khan „Schweizer Käse“. Ein Laib voller Löcher. Und das war bei seiner Cousine schon das ganze Problem. Sie hatte Lücken in Mathe und den Anschluss verloren. Und dann wiedergefunden. Und studiert inzwischen. Hier wird Khan radikal und optimistisch. Das schulische Grundwissen kann jeder lernen, vorausgesetzt er lernt es auf seine Weise und in seinem Tempo. Vorausgesetzt man kann so weit zurückgehen, bis ein Kind, Jugendlicher oder Erwachsener die nächste Wissens- oder Verständnisstufe elegant nimmt. Khan kritisiert, dass man in Schulen bei Tests auch mit 70 Prozent gelöster Aufgaben weiterkommt. Selbst 95 Prozent reichen ihm nicht. 100 Prozent sollen es sein und dann geht es weiter! In der Khan Academy muss ein Schüler bei einem Aufgabentyp 10 von 10 Aufgaben schaffen, dann kommt er weiter. Und das geht. Das setzt natürlich voraus, dass Tests keine Fallen stellen.

Und der Unterricht? Und der Lehrer? Beides verändert sich, so Khans Entwurf, wenn die Rolle des belehrenden Frontalunterrichts von den Videolektionen und interaktiven Übungsmethoden übernommen wird. Das nimmt nach seiner Meinung nicht mehr als ein Fünftel der Zeit in Anspruch und vier Fünftel haben Lehrer und Schüler Zeit für ihr Ding, für individuelle oder gemeinsame Projekte.

Und das ist es, was aus Schulen im Zeitalter des Internets werden könnte: interessante Orte, Lebensorte, Basislager für Entdeckungen, Gasthäuser des Lernens, wo die Neuankömmlinge tatsächlich willkommen sind und nicht rausgeprüft werden.

Foto: Steve Jurvetson

 


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BUCH-TIPP
Salman Khan: Die Khan Academy – Die Revolution für die Schule von morgen
Riemann Verlag, 2013; 253 Seiten, 19,99 €


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