Schöne Aussichten

„Mein Kleingarten ist mein Glück!“

Schrebergärten: Früher galten sie als spießig, heute liegen sie im Trend. Immer mehr jüngere Menschen werden zu Laubenpiepern. Anne Wolperts ist eine von ihnen.

Text: Karola Kostede
Fotografie: Lia Darjes

Hinter der Pferdekoppel, den zweiten Weg links rein, so lautet die Wegbeschreibung zur Parzelle von Anne – klingt idyllisch und ist es auch. Zwischen dem Niendorfer Gehege und dem Bach Kollau liegt der Kleingartenverein 308 Erlengrund e.V. Schrebergartenkultur par excellence; mit Vereinshaus, Gemeinschaftsdienst und Gartenhecken, die nicht höher als 1,30 Meter sein dürfen. Dazu ein wohlgeordnetes, ungeteertes Wegenetz, das die 354 Parzellen miteinander verbindet. Viele Schrebergärten bestehen aus einem Mix von Gemüse, Blumen, Büschen und Rasenflächen, ganz nach der gängigen Kleingartenverordnung. Karotten stehen ordentlich neben den blühenden Veilchen und prächtigen Apfelbäumen.

Nach Berlin ist Hamburg die Nummer zwei der Schrebergartenhochburgen in Deutschland. Rund 400 Vereinsmitglieder zählt die über 100 Jahre alte Kolonie im Kleingartenbezirk Eimsbüttel. Für Produktdesignerin Anne Wolperts beginnt hinter ihrem kleinen blauen Gartentor das große Glück.

Die 43-Jährige hat ihre langen, dunklen Haare hochgebunden, ihre Brille schiebt sie hoch auf die Nase und in Jeans und T-Shirt öffnet sie das kleine Tor – sieht so eine Kleingärtnerin aus? „Die Leute gucken erst mal komisch, wenn ich sage, ich habe einen Schrebergarten. Viele meinen auch, das sei doch nur etwas für Ältere. Mir sind diese Vorurteile aber alle egal.“

Dabei räumt die zweifache Mutter flugs das Rad ihrer jüngsten Tochter vom Plattenweg. Dieser führt schnurgerade zwischen den beiden großen Rasenflächen zur braun getünchten Gartenlaube. In den Fenstern hängen rot-weiße Gardinen. „Sie hat sogar Wasser- und Stromanschluss“, erklärt die Kleingärtnerin nicht ohne Stolz. Ihren Schrebergarten teilt sie sich mit einer befreundeten Familie. Ein kleines Stück Natur mit obligatorischer Hecke, Rasen, Pflaumenbaum, Blumenbeeten sowie Johannis-, Stachel- und Himbeeren. Vor der Laube befindet sich ein Miniteich, rechts daneben ein kleines Kinderhaus aus Plastik. Eine tibetische Gebetsflagge flattert zwischen Hütte und Pflaumenbaum. Der kleine Gartenzwerg am Teich versinkt in Grasbüscheln – strenge Kleingartenverordnungen sehen anders aus.

„Der Verein ist sehr liberal, das gefällt mir. Es gibt zwar genaue Regeln wie, dass wir zweimal im Jahr die Hecke schneiden und auch dass wir den Weg draußen vor der Hecke von Unkraut frei halten müssen, aber ich mache das gern.“ Daneben muss jedes Mitglied noch vier gemeinnützige Vereinsstunden im Jahr ableisten. „Doch dafür wird auch ein Osterfeuer oder ein Kinder- und Sommerfest geboten“, erzählt die Produktdesignerin, die aus dem Ruhrgebiet gebürtig ist. Kurz vor ihrer Parzelle hängen diese Termine im Schaukasten aus. Neben dem Sommerfest reihen sich dort Frühschoppen, Knobel- und Skatabende aneinander: „Startgeld zehn Euro, Anmeldung bei Heidi wird erbeten“, heißt es da. „Man kann überall mitmachen, man muss aber nicht“, betont Anne und erklärt: „Es ist nicht so, wie man sich das vorstellt. Von wegen Kleingärtner gleich Kleingeist!“ Aber das sei wohl auch sehr abhängig vom Verein.

Eigentlich will sie heute noch unbedingt zusammen mit ihren beiden Töchtern die Erdbeeren im Hochbeet anpflanzen. Den Schrebergarten hat sie sich angeschafft, weil sie vor allem ihren beiden Kindern einen Freiraum und Naturerlebnisse mitten in der Stadt bieten wollte. Die Leidenschaft fürs Gärtnern kam bei ihr erst später dazu und ein Hobby war es am Anfang auch überhaupt nicht.
Erfahrung im Pflanzensetzen und Gemüseanbauen brachte sie keine mit. Als sie den Garten 2009 übernahm, bestand die Parzelle nur aus Hütte, Wiese und Hecke – und sonst nix. Mittlerweile würde die zweifache Mutter ihren Schrebergarten aber nicht mehr hergeben. „Bei mir ist der Alltag so durchorganisiert und so durchgetaktet. Hier im Kleingarten aber kann ich immer wieder etwas Neues ausprobieren und habe eine enorme gestalterische Freiheit.“

Ein paar Parzellen weiter brummt ein Elektrorasenmäher. „Wir nehmen uns jedes Jahr ein neues Projekt vor“, erklärt Anne. „Letztes Jahr haben wir Kartoffeln und Brokkoli angebaut und davor das Jahr Kürbisse und Zucchini. Dieses Jahr probieren wir es mit Kohlrabi und Erdbeeren – und das natürlich alles ganz ohne Chemie!“ Acht bis zwölf Stunden in der Woche verbringt sie in ihrem kleinen, wilden Stück Natur. Die Kinder toben, wenn nicht gerade im Kleingarten, dann auf dem angrenzenden Spielplatz im Niendorfer Gehege, oder schauen beim Damwild vorbei. Wenn Anne mehr Zeit hätte, würde sie auch viel öfter kommen. Dann nimmt sie eine kleine Schaufel und gräbt Löcher ins Hochbeet. Die beiden Töchter wollen nun doch nicht mithelfen – müssen sie auch nicht. Stattdessen laufen sie lieber in die Nachbarschaft – zu Rainer und Gabi. Das Verhältnis über den Gartenzaun hinweg ist sehr gut: „Rainer hilft uns manchmal beim Bäumeschneiden oder leiht uns auch schon mal eine Heckenschere.“

Zehn Minuten dauert die Autofahrt von ihrer Wohnung bis zum Schrebergarten. „Viele meiner Bekannten finden es hier viel zu piefig. Aber ich komme auch oft allein hierher, weil ich hier so gut entspannen kann.“ Sie ist mit großer Leidenschaft dabei. Ihre Freunde und auch die Freunde der Kinder kommen immer gerne mit. Die 43-Jährige hat schon einige Erfahrungen mit der Flora und Fauna gesammelt. Aber sie weiß mittlerweile genau, was im Kleingarten wann und wie zu tun ist. Am Anfang probierte sie auch viel herum. „Ich erinnere mich, dass einmal eine Dame, die mit Rad vorbeikam, mir über die Hecke zurief: ‚Sie müssen den Kürbis ernten, der ist reif!‘“ – heute sind diese gut gemeinten Ratschläge aber nicht mehr nötig. „Es gibt zum Beispiel Pflanzen, die wachsen hier überhaupt nicht, weil die Schnecken sie sofort auffressen. Wie Margeriten und Rittersporn – das habe ich noch nicht geschafft, dass die hier überleben.“ Heute weiß die Blumenexpertin, dass Schnecken die Cosmea dagegen gar nicht gerne mögen.

„Wenn ich mal nicht weiterweiß, nehme ich mein Lieblingsbuch zur Hand: ‚Marie-Luise Kreuter: Die kleine Biogarten-Praxis‘“. Für die gerade frisch gesetzten Erdbeeren braucht sie dieses Buch längst nicht mehr. Sie weiß, damit die Bioerdbeeren nicht faulen, muss man einfach ein bisschen Stroh drunterlegen.

 

TIPPS

Landesbund der Gartenfreunde
in Hamburg e. V.
Vor rund 150 Jahren entstanden in Deutschland die ersten Kleingärten. Der erste Versuch wurde in Kiel gestartet, wo 59 der ärmsten Familien der Gemeinde je ein 256 Quadratmeter großes Stück Land bekamen, um dort Gemüse anzubauen. Wer sich in Hamburg auch gerne einen Kleingarten zulegen will, findet auf der Website des Landesbundes der Gartenfreunde in Hamburg e. V. eine Übersicht der zurzeit freien Parzellen.
www.gartenfreunde-hh.de

NABU-Naturgarten
Der Kleingarten des Bundes für Natur- und Umweltschutz liegt im Kleingartenverein „Birkenhain“, Bebelallee/Ecke Deelböge, etwa drei Gehminuten von der U1, Haltestelle Lattenkamp entfernt. Die Parzelle 185 hat einen Teich und Bienenstöcke und das dortige Team informiert regelmäßig zu Gartenthemen wie Schmetterlingsgarten oder Dachbegrünung.
www.hamburg.nabu.de

Aktion „Offener Garten“
Hier öffnen Privatpersonen ihre Gartenpforten für Besucher.
www.offenergarten.de

 

 

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