Roundabout Gender Science

Unsichtbar und unbezahlt. Oder: Was arbeitet Schneewittchen eigentlich?

Die Diskriminierung von Frauen in der Gesellschaft ist eine Realität. Deshalb fordert die Ökonomin Katharina Mader mehr Feminismus in der Diskussion über die wirtschaftlichen Zusammenhänge. Ziel ihrer Forschung ist die Theorie zu einer feministisch-politischen Ökonomie.

Text: Katharina Mader

 

Die sieben Zwerge gingen täglich in die Berge und gruben dort nach Erz und Gold. Schneewittchen fragten sie: „Willst du unsern Haushalt versehen, kochen, betten, waschen, nähen und stricken, und willst du alles ordentlich und reinlich halten, so kannst du bei uns bleiben, und es soll dir an nichts fehlen.“ Fortan hielt ihnen Schneewittchen das Haus in Ordnung und bereitete ihr Essen.

So verhält es sich nicht nur in Märchen. Kochen, putzen, Kinder erziehen, Alte pflegen – mehr als zwei Drittel dieser Arbeit leisten Frauen unbezahlt. Der Wert dieser unbezahlten Arbeit entspricht schätzungsweise einem Drittel des Sozialprodukts westlicher Gesellschaften. Dennoch bleibt sie unsichtbar und systematisch unterschätzt. Sie erfährt keine gesellschaftliche Wertschätzung und auch keine angemessene Beachtung innerhalb der Wirtschaft und der Wirtschaftswissenschaft.

Die Beiträge von Frauen zum ökonomischen Leben werden von der sogenannten Mainstream-Ökonomie weitgehend ausgeblendet: Unter Arbeit wird von den herrschenden Wirtschaftswissenschaften immer noch ausschließlich marktförmige Erwerbsarbeit verstanden. Dies führt dann beispielsweise bei der Messung des ökonomischen Wohlstands dazu, dass Hausarbeit zwar in die Berechnung des Bruttoinlandsprodukts einfließt, jedoch nur, wenn sie als Dienstleistung zugekauft wird, nicht aber, wenn sie unbezahlt (zum Beispiel von der Ehefrau) erbracht wird.

Insofern ist eines der zentralen Forschungsfelder innerhalb der Feministischen Ökonomie schon seit den 1960er-Jahren die Untersuchung von unbezahlter Arbeit und Arbeit in Haushalten, die überwiegend von Frauen geleistet wird. Feministische Ökonomie zielt auf die Integration aller Arbeit – auch der unbezahlten – in die ökonomische Theorie ab, denn jede Wirtschaft würde über kurz oder lang zum Stillstand kommen, wenn diese unbezahlten Arbeiten nicht mehr getan würden. Da Arbeit ein zentrales – wenn nicht sogar das zentralste – Medium der sozialen Integration und in zunehmendem Maße auch der Desintegration in modernen Gesellschaften ist, geht es der Feministischen Ökonomie um eine angemessene Berücksichtigung der Vielfalt der unterschiedlichen Arbeits- und Beschäftigungsformen einschließlich ihrer nach wie vor geschlechtsspezifischen Organisation, Verteilung und Bewertung. Zudem geht es um die Untersuchung der geschlechtsspezifischen Einbettung von „Arbeit“ in die Gesamtheit der individuellen und gesellschaftlichen Lebenswirklichkeiten. Jede gesellschaftlich nützliche Arbeit sollte als Arbeit wahrgenommen werden, nicht nur die Erwerbsarbeit. Dies schließt neben unbezahlter Pflege- und Hausarbeit auch ehrenamtliche Tätigkeiten, freiwillige soziale Arbeit oder auch kulturelles und politisches Engagement ein.

Feministische Ökonominnen fordern daher einen neuen Arbeitsbegriff, der sich nicht mehr ausschließlich am Umgang mit Materie, also Produktion, orientiert, sondern auch am Umgang mit Menschen und Zeit und damit die tatsächlichen Perspektiven und Lebensrealitäten von Frauen und Männern abbilden kann. Entscheidend ist dabei, den Begriff Arbeit vor allem bezüglich personenbezogener, haushaltsnaher Dienstleistungen neu zu denken, um die Gesamtheit von Arbeit und Wirtschaft – den Zusammenhang von Produktion und Reproduktion, unbezahlter und bezahlter Arbeit, Markt und Sorgeökonomie ins Zentrum zu stellen.

Hierfür wurde der Begriff der „Care-Arbeit“ entwickelt. Care-Arbeiten sind jene Arbeiten von Angesicht zu Angesicht, die dazu beitragen, die Fähigkeiten und Fertigkeiten von EmpfängerInnen zu entwickeln. Care-Arbeit ist also die unbezahlte und bezahlte Arbeit mit und für vier abhängige Personengruppen – Kinder, Menschen, die zeitweise krank sind, pflegebedürftige oder auf sonstige Hilfe angewiesene alte Menschen und Menschen mit längeren oder dauerhaften intellektuellen, physischen und psychischen Beeinträchtigungen. Häufig ist die fünfte Gruppe, für die unbezahlte Care-Arbeit geleistet wird, jene für und mit erwachsenen Personen im Haushalt. Bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit umfasst dementsprechend das Organisieren des Lebensnotwendigen, die lebensnotwendigen gesellschaftlichen Aufgaben zur Produktion des Lebensstandards. Sie ist überlebensnotwendig, denn wir alle sind – zumindest in bestimmten Lebensphasen, zeitweise – von ihr abhängig und davon, dass sie jemand qualitätsvoll für uns erledigt.

Illustration: Istockphoto/CSA-Archive

 

DR. KATHARINA MADER
ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie, Wirtschaftsuniversität Wien. Forschungsschwerpunkte: Feministische und Politische Ökonomie, Gender Budgeting, Care-Ökonomie, Ökonomie des Öffentlichen Sektors, Wirtschafts- und Finanzpolitik.
Kontakt über Wirtschaftsuniversität Wien.

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