Achtung, Nachbarn Profil

„Kampnagel ist ein Dorf“

Interview: Maike Dugaro
Foto: Marcelo Hernandez

 

ACHT: Frau Deuflhard, wenn ich Ihre Nachbarin wäre, was wüsste ich über Sie?
Amelie Deuflhard: Meine Nachbarn zu Hause wissen relativ wenig über mich. Sie kennen mich aus der Zeitung. Aber zu Hause erleben sie mich nie. Früher, in Berlin, konnte man anhand des Schuhhaufens vor der Tür darauf schließen, wie viele Kinder ich habe. Heute – mit den Kindern aus dem Haus – nehme ich meine Schuhe rein. Ich habe allerdings noch ein Haus auf dem Land in Brandenburg. Da wissen meine Nachbarn so einiges über mich. Zum Beispiel, dass ich von 2003 bis 2005 den dekonstruierten Palast der Republik bespielt habe – das weiß man sogar auf dem Dorf.

Gibt es Stadt-Land-Unterschiede?
Ja. Auf dem Land wissen immer alle, was man macht, ohne dass ich weiß, woher. So dörflich ist in Hamburg nur Kampnagel. Wenn ich hier aus meinem Büro im dritten Stock herunterlaufe mit einem Koffer in der Hand, wissen die Techniker unten längst, wo ich hinfahre.

Was bedeutet denn Nachbarschaft für Sie?
Im besten Fall sind Nachbarschaften Solidargemeinschaften. Das ist natürlich in der Stadt manchmal etwas schwierig, aber es gibt doch viele Häuser, in denen das sehr gut funktioniert.

Sie haben in Stuttgart, Berlin und Hamburg gelebt. Wie unterschiedlich haben Sie Nachbarschaft erlebt?
Hamburg ist die einzige Stadt, in der ich Klebezettel mit wüsten Beschimpfungen von Nachbarn an meiner falsch geparkten Vespa finde. Aus Stuttgart dagegen ist mir die Kehrwoche noch gut in Erinnerung. Erfreulicherweise hat einer meiner Mitbewohner das sehr ernst genommen und immer erledigt. Und unsere sehr alte Hausbesitzerin hat uns jede laute Party nachgesehen. Sie war sehr schwerhörig.

Hatten Sie einen Lieblingsnachbarn?
Ein Lieblingsnachbar war sicher der Junge, mit dem ich als Jugendliche mal zusammen war. Und eine Familie mit jüngeren Kindern mochte ich auch sehr gerne. Denen habe ich nämlich oft Nachhilfe gegeben und gutes Geld damit verdient. Und bei denen konnte man entgegen den schwäbischen Sitten auch immer etwas ausleihen, wenn einem mal etwas gefehlt hat. Das mag ich überhaupt sehr bei Nachbarn, wenn man sich da einfach etwas leihen kann.

Wie wäre Ihr idealer Nachbar?
Der ist tolerant, freundlich. Man kann mal ein Glas Wein zusammen trinken. Man kann rübergehen, ohne dass man eingeladen wird. Man unterhält sich, egal ob am Zaun oder im Treppenhaus.

Auf Kampnagel sind Sie selbst eine ideale Nachbarin. 2014 nahmen Sie kurzerhand sechs Flüchtlinge auf in der ecoFAVELA Lampedusa-Nord. Wie kam es dazu?
Im Sommer 2014 kamen Hamburger Künstler und Aktivisten auf mich zu, die sich für die Lampedusa-Flüchtlinge eingesetzt haben, und baten mich um eine Halle als Massenschlaflager im Winter. Ich konnte mir das zwar vorstellen, fand es aber ein schlechtes Signal, dass man noch eine Massenunterkunft schafft. Mein Vorschlag war, lieber etwas zu bauen, das eine andere Art von Wohnen abbildet und symbolische Wirkung hat. Zusammen mit der Architektengruppe „Baltic Raw“ haben wir dann die „ecoFAVELA“ entwickelt.

Was war Ihnen selbst das Wichtigste an diesem Projekt?
Die Funktion von so einer Art sozialer Skulptur ist, dass man im Experimentellen etwas anders zeigen kann, das auch für die Realität übertragbar wäre. Es ging eben nicht nur um Unterbringung. Es ging um Austausch, ums Ankommen, ums Beschäftigen, ums Selber-Künstler-Werden. Daraus haben sich tolle Projekte entwickelt. Und keiner der Nachbarn rund um Kampnagel hat sich daran gestört. Alle wollten helfen.

Warum war Kampnagel der ideale Raum dafür?
Weil es ein offener, internationaler Raum ist. Einer unserer Bewohner hat mal zu mir gesagt: Das Tolle auf dem Gelände hier ist, dass niemand denkt, dass ich ein Flüchtling bin. Ich könnte genauso gut ein Künstler sein.

Trotzdem haben Sie auch Gegenwind bekommen. Die AfD zeigte Sie an, die Staatsanwaltschaft ermittelte, und bald galten Sie als Mutter Courage von Kampnagel. Können Sie damit etwas anfangen?
Natürlich nicht. Zum Glück haben wir aber so viel mehr Unterstützung bekommen als Gegenwind. Das war das richtige Projekt zur richtigen Zeit.

Ist Widerstand eine Antriebsfeder für Sie?
Ja. Widerstand spornt mich an und gibt mir Kraft. Wenn die Leute sich an einem Thema reiben, weiß ich, dass wir am richtigen Projekt arbeiten.

Sie haben den Traum, irgendwann eine ganze Stadt als Theater zu bespielen, weil die Einwohner einer Stadt Ihre liebsten Darsteller sind. Wie genau stellen Sie sich das vor?
Partiell machen wir das ja schon. Ich möchte nicht nur gerne an vielen Orten in der Stadt spielen, sondern damit auch eine Haltung zeigen. Ich will einen realen Dialog mit der Stadt, ihren Problemen und den Menschen, die dort leben. Und da nur ein kleiner Teil der Bevölkerung an Kunstorte geht, will ich mit der Kunst an ungewöhnlichen Orten noch mal andere Menschen erreichen.

Was wäre Ihrer Meinung nach heute das Wichtigste im Umgang mit unseren neuen Nachbarn aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak?
Dass wir sprechen und zuhören. Dass wir verstehen, dass wir auch immer etwas von ihnen lernen können.

AMELIE DEUFLHARD
ist eine Theaterproduzentin und Intendantin. Sie ist 1959 in Stuttgart geboren und hat Romanistik, Geschichte sowie Kulturwissenschaften in Frankfurt, Tübingen und Montpellier studiert. Von 2000 bis 2007 war sie die künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Sophiensæle in Berlin. Seit 2007 ist sie die Intendantin von Kampnagel. Sie unterrichtet auch an verschiedenen deutschen sowie europäischen Hochschulen, u.a. an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, der Kunstuniversität Graz und der Zeppelin Universität in Friedrichshafen.

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