Einfach machen! Glosse

Jan, oder ein Leben in Zahlen

Text: Pawel Sprawka
Illustration: Andreas Homann

 

Freitag, 8.00 Uhr morgens, „Caravela“-Café in St. Georg. Die diskrete Deckenbeleuchtung schmeichelt meinen müden Augen. Den Tag beginne ich genüsslich mit einem ungesund-überzuckerten Espresso. Mir gegenüber sitzt mein Freund Jan und nippt an einer Wasserflasche. Wir kennen uns eine Ewigkeit. Jan ist 44 Jahre alt, mittelgroß, athletisch und Junggeselle – ein Mann mit „Men’s Health“-Niveau. Seit zwei Jahren ist Jan ein „Self-Tracker“, auf Deutsch: Selbstvermesser.

Gerade hat er sein tägliches Laufpensum von zehn Kilometern absolviert und trifft sich jetzt wie jeden Freitag mit mir im Café. Er trägt eine Uhr, die mit verschiedenen Sensoren Herzfrequenz, Körpertemperatur, Transpiration, zurückgelegte Schritte, Kalorienverbrennung und die Länge seiner Strecke misst. Am Rücken trägt er ein Band mit Sensoren, die seine Körperhaltung analysieren. Sämtliche Daten landen auf seinem MacBook. Daraus entstehen dann viele bunte Grafiken und Kurven, die zeigen sollen, wie sich seine körperlichen Merkmale über die Zeit verändern.

Jan glaubt, dass er durch Selbstvermessung nicht nur effizienter, sondern auch glücklicher geworden ist. „Früher habe ich oft versucht, Dinge zu verbessern. Ob es jetzt um Sport ging oder um Ernährung oder um irgend­etwas. Irgendwie hat es nie geklappt“, sagt er.

In seinem früheren Leben sei vieles suboptimal gewesen, meint Jan. Er trödelte bei seinem Studium und später auch bei seinen Jobs. Er ließ sich von zu vielen Dingen ablenken, ging gerne feiern, vor allem mit mir, und war diversen Rauschmitteln sehr zugeneigt.

Schluss mit dem Schlendrian, sagte sich Jan und wurde vor zwei Jahren zum glücklichen Selbstoptimierer. Seitdem „trackt“ er alles, was an ihm zu messen ist: Wie oft er in der Nacht aufwacht, wie viel er sich bewegt, wie sein Blutzuckerspiegel ist oder wie viele Treppen er pro Tag hinter sich lässt.

Zudem schluckt er auch täglich Vitaminpillen, um Erkältungen zu verhindern und seine nachmittägliche Müdigkeit zu reduzieren. Und auch die Nahrung wird selbstverständlich planmäßig perfektioniert: Nur Obst, Gemüse und Fisch kommen auf den Teller. Brot und Kartoffeln werden komplett verschmäht.

„Kalorienkontrolle hat einen positiven Effekt auf meine Lebenserwartung“, sagt er stirnrunzelnd.

Und wo landet sein täglicher Datenberg? Auf der eigenen Homepage, in diversen Online-Foren der Selbstoptimierer, in denen elektronische „Body-and-Mind“-Protokolle ausgetauscht werden, und in verschiedenen Apps. Eine davon zeigt mit einer leuchtenden Blume an, dass Jan heute seine 30 Liegestütze gemacht hat. Ist er allerdings faul, verkümmert die Blume auf dem Display. Doch das kommt sehr selten vor, versichert er mir.
Meine sichtbare Skepsis hinsichtlich seiner Mess-Passion stört ihn kaum. Jan ist überzeugt, dass er sein Leben gut im Griff hat.

Plötzlich piept laut seine Uhr. „Oh, ich muss los. Muss noch duschen, bevor ich ins Büro gehe“, sagt Jan. Am Ende unseres morgendlichen Treffens zeigt er mir noch schnell sein neuestes „Tool“: „UCheck“, eine App, die Krankheiten anhand von Fotos des Urins bestimmen soll. „Habe ich gestern gekauft. Nächsten Freitag berichte ich davon“, sagt er grinsend beim Verabschieden.

Wie immer nach den Treffen mit Jan ist mein angeborener Sinn für Müßiggang und Übertretung von seiner straffen Selbstvermessung ziemlich verunsichert. Bevor ich auch in meinen Tag starte, kratze ich den letzten Espresso-Zucker-Sirup vom Boden meiner Tasse und sinniere undiszipliniert darüber nach, was wohl die NSA mit Jans Daten-Myriaden anfangen kann.

QUANTIFIED-SELF
„Knowledge by numbers – Selbsterkenntnis durch Zahlen“ – so lautet das Motto der „Quantified Self“-Bewegung, die von den Gründern des „Wired“-Magazins, Gary Wolf und David Kelly, 2007 ins Leben gerufen wurde. In digitalen Foren oder auf verschiedenen Internet-Plattformen treffen sich die „Self-Tracker“, wie man die Selbstvermesser auf Englisch nennt, um ihre Daten auszutauschen und dadurch ihr Leben zu optimieren. Je mehr Körper- und Lebensdaten sie zusammentragen, desto besser werden die Visualisierungen und Korrelationen dieser Daten. Um Daten zu erfassen, verwenden die „Self-Tracker“ verschiedenste Ansätze: Einfache Hilfsmittel wie Tagebücher und Excel-Tabellen zum manuellen Festhalten sowie Smartphone-Apps, Vitalitätssensoren und spezielle Software.

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