Achtung, Nachbarn

„Ich suche den individuellen Moment“

Isabel Kreitz gehört zu den besten Comic-zeichnerinnen Deutschlands, ihr Atelier hat sie auf St. Pauli. Ein Gespräch über Rohrkrepierer, Kiez und Nachbarschaft

Interview: Sören Ingwersen
Fotografie: Julia Knop

 

Auf der Arbeitsplatte ein Meer von Buntstiften und Tuschefarben. Säuberlich geordnete Mappen, Bildbände und Magazine in den Regalen. Durch das Fenster des Pfarrhauses der
St.-Pauli-Kirche, in dem die Comiczeichnerin Isabel Kreitz ihr Büro hat, schaut man über die Elbe bis zum Trockendock 11. Bei Plätzchen und Tee erzählt die 48-jährige Hamburgerin von ihrer im letzten Jahr erschienenen Graphic Novel „Rohrkrepierer“ und weshalb das Wort „Nachbarschaft“ auf St. Pauli eine ganz besondere Bedeutung hat.

ACHT: Frau Kreitz, weshalb haben Sie den Roman „Rohrkrepierer“ des Hamburger Autors Konrad Lorenz als Vorlage für Ihre gleichnamige Graphic Novel gewählt? Die Geschichte eines Jungen, der unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg auf St. Pauli aufwächst.
Isabel Kreitz: Einerseits haben mich die Lausbubengeschichten dazu bewogen, die mein Vater mir früher oft erzählt hat. Andererseits liegt mir die Gegend hier sehr am Herzen, die ich als sehr angenehm, interessant und offen empfinde. Ich arbeite seit viereinhalb Jahren hier und habe auf St. Pauli ein Willkommen erlebt wie sonst noch nirgends in Hamburg.

Knüpft man auf St. Pauli schneller Bekanntschaften als anderswo?
Bekanntschaften schon. Mit Freundschaften dauert es wie überall etwas länger. Aber ich fühle mich hier sauwohl. In Altona hat es zehn Jahre gedauert, bis ich mal ein Wort mit meinen Nachbarn gewechselt habe. Hier haben mich die Leute schon nach drei Mal Zigarettenkaufen im Kiosk wiedererkannt. Das macht einfach Spaß.

Der Kiez als Ort sozialer Zusammengehörigkeit, wie man den Begriff etwa in Berlin verwendet?
Ich denke, dass der Kiez in Hamburg schon sehr einzigartig ist. Hier gab es immer ein Kommen und Gehen, durch den Hafen, die Seeleute. Hier war das Rotlichtviertel. Obwohl inzwischen von der Seefahrt nichts mehr übrig ist und das Rotlichtviertel sich zugunsten einer Partykultur zurechtgeschrumpft hat, hat sich diese Offenheit doch in Teilen erhalten. Ich hoffe, dass mein Buch auch dazu beiträgt, den ursprünglichen Kiez-Gedanken am Leben zu erhalten.

Wobei Ihr Buch ja noch einen anderen Aspekt von Nachbarschaft veranschaulicht: die Enge …
Die Wohnung, in der ein Großteil der Geschichte spielt, ist in der Tat eine Art Kabäuschen. Am meisten hat mich dabei interessiert, wie Kalle damit klarkommt, in einem Frauenhaushalt aufzuwachen, in dem seine Mutter und Oma ständig streiten. Die Kindheit mit diesen beiden starken Frauen macht ihn gewissermaßen zum Seemann, weil er irgendwann erkennt, dass er es dort nicht länger aushält.

Ein Gefühl der Enge kann ja auch entstehen, wenn Nachbarn einem zu dicht auf die Pelle rücken. Im Buch gibt es eine Frau, die den ganzen Tag mit einem Fernglas aus dem Fenster schaut, Schulschwänzer ermahnt oder bei Straßenschlägereien die Polizei ruft. Ist diese Art Nachbarin typisch für St. Pauli?
Hier in St. Pauli kenne ich so eine Person nicht. Aber in den engen Straßenzügen von Altona, wo ich früher gewohnt habe, habe ich so etwas erlebt. Da sah man in den gegenüberliegenden Fenstern Personen – meistens in Schiesser Feinripp mit Hosenträgern, Zigarette und Kaffeetasse –, die den ganzen Tag auf die Straße geglotzt haben.

Auffällig ist, dass sich in Ihrem Buch die Huren im positiven Sinne nachbarschaftlich verhalten. Sie greifen helfend ein, wenn Schuljungen in der Herbertstraße in Bedrängnis geraten oder jemand ausgeraubt werden soll. Gibt es diese Art von Solidarität zwischen Sexarbeiterinnen und Anwohnern auch heute noch?
Ich nehme an, dass heute kaum noch bürgerliche Familien auf dem Kiez wohnen und es dieses Nebeneinander nicht mehr gibt. Das ist vielleicht ohnehin eine idealisierte Vorstellung. Ich muss mich auf den Autor Konrad Lorenz verlassen, dass das damals so war.

Worauf verlassen Sie sich noch bei Ihrer Arbeit? Wie gehen Sie bei der Recherche vor?
Konrad Lorenz hat mir netterweise die gesamten Fotoalben seiner Familie überlassen. Dadurch wusste ich, wie die wichtigsten Personen des Buches aussahen, und konnte ihre Bilder als Vorlage nutzen. Ich habe aber auch andere Bilder aus der alten Hamburger Zeit zu Hilfe genommen, zum Beispiel von Herbert Dombrowski, einem Fotografen, den ich sehr schätze.

Ihre Schwarz-Weiß-Zeichnungen sind sehr detailreich. Man sieht sofort, dass Sie viel Zeit darauf verwenden …
Manchmal tue ich vielleicht etwas zu viel des Guten. Das liegt an meiner Arbeitsteilung – Storyboard, Vorzeichnung, Reinzeichnung – und daran, dass ich versuche, mich bei jedem Arbeitsschritt noch einmal selbst zu überraschen. Dann verliere ich mich oft in Details und zeichne jeden Backstein aus, weil es gerade so viel Spaß macht.

Ihre Bilder wirken fast wie realistische Schnappschüsse …
… weshalb einige Leute sagen, meine Figuren sehen hässlich aus. Dabei wehre ich mich nur gegen die Idealisierung von Gesichtszügen, die im Comicbereich ja häufig vorkommt, wo ein Gesicht mit möglichst wenigen Linien auskommen soll. Ich suche aber nicht nach dem idealen, sondern dem individuellen, zufälligen Moment.

Die Aneinanderreihung solcher Momente erzeugt eine Nachbarschaft von Einzelbildern, die nicht wie im Film als Fluss, sondern als separate Einheiten wahrgenommen werden. Wie stellen Sie sicher, dass diese „Nachbarn“ miteinander kommunizieren, dass die Bilder sich im Kopf des Lesers zu einer Handlung verbinden?
Das war bei diesem Buch ein größeres Problem als bei anderen Büchern, weil es eine Fülle notwendiger Schnitte gibt. Teilweise habe ich ganze Seiten eingefügt, um diese Schnitte weicher zu machen, damit man nicht sofort in die nächste Szene geworfen wird. An anderen Stellen fand ich es aber auch besonders reizvoll, dass man ganz plötzlich in einer anderen Szene landet.

2012 haben Sie den Max-und-Moritz-Preis als beste deutschsprachige Comic-Künstlerin erhalten, um nur eine von vielen Auszeichnungen zu nennen. Kann eine Comiczeichnerin heute noch etwas von Wilhelm Busch lernen?
Die schwungvolle, leichte Linienführung! Da gibt es bei mir immer eine Diskrepanz zwischen Vor- und Reinzeichnung. Aber ich arbeite daran, dass dieser Schwung auch in den Reinzeichnungen erhalten bleibt. Man lernt ja mit jedem Buch dazu. Von daher habe ich noch Hoffnung. (lacht)

 

ISABEL KREITZ
wurde 1967 in Hamburg geboren. Sie besuchte die Fachhochschule für Gestaltung, Hamburg und die Parsons School, New York. Seitdem zeichnet sie: neben eigenen Geschichten wie „Die Sache mit Sorge“ (Sondermann-Preis 2008), Literaturadaptionen u.a. von Erich Kästner. Die Graphic Novel „Haarmann“ bekam den Sondermann-Preis 2011, 2012 erhielt sie den Max-und-Moritz-Preis. Ihr neues Buch „Rohrkrepierer – Eine Jugend auf St. Pauli“ basiert auf dem Roman von Konrad Lorenz über dessen Jugend in den 50er-/60er-Jahren.

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