Tierisch gut?

„Ich möchte zeigen, wie es wirklich ist“

Sieben Politkrimis sind es bis jetzt, in denen Wolfgang Schorlau (63) seinen privaten Ermittler Georg Dengler auf Verbrecherjagd geschickt hat. Zuletzt erschien 2013 der Bestseller „Am zwölften Tag“, der in drastischer Weise die skrupellosen Machenschaften der Fleischindustrie schildert und mit dem Stuttgarter Krimipreis ausgezeichnet wurde. ACHT sprach mit dem Stuttgarter Erfolgsautor über die Würde von Tieren und Menschen und die Notwendigkeit, Aufklärung zu leisten.

Interview: Sören Ingwersen
Foto: Cris Dahm/photocase.de

ACHT: Herr Schorlau, in Ihren Kriminalromanen greifen Sie immer auf gesellschaftlich brisante und sorgfältig recherchierte Themen zurück: die Vertuschungen nach dem Anschlag auf dem Münchner Oktoberfest 1980, kriminelle Strukturen in der Pharmaindustrie, den globalen Machtkampf um den Rohstoff Wasser. Ist das ein bloßes Kalkül, um das Interesse des Lesers zu schüren, oder steckt mehr dahinter?
Wolfgang Schorlau: Ich schreibe gerne über Dinge, die mich selbst interessieren. Ich sitze zwei Jahre an so einem Stoff. Diese Zeit möchte ich nicht mit einem Gattenmord zubringen. Wobei aus schriftstellerischer Sicht natürlich nichts gegen einen ordentlich durchgeführten Gattenmord spricht.

In Ihrem neuesten Roman „Am zwölften Tag“ setzen Sie sich mit den mafiösen Strukturen der Fleischindustrie auseinander …
Damit folge ich einem Phänomen, mit dem ich mich auch in früheren Büchern beschäftigt habe: dass wir häufig nicht Bescheid wissen über Dinge, die uns unmittelbar und sogar aufs Intimste nahe sind: Wasser, Medikamente und eben Lebensmittel. Es erstaunt mich jedes Mal erneut, dass wir nicht wissen, wie Dinge produziert werden, die für uns lebenswichtig sind. Und das, obwohl wir ja angeblich in einer Informationsgesellschaft leben.

Es geht in Ihrem Buch um eine Tierrechtsorganisation, bestehend aus vier jungen Leuten, die heimlich die Zustände in einer Putenmastfarm filmen wollen. Dabei geraten sie in die Fänge einer brutalen Menschenschleuserbande, die im Auftrag des Fleischbarons Carsten Osterhannes tätig ist und auch vor Vergewaltigung und Mord nicht zurückschreckt. Ist diese enge Anbindung der Massentierhaltung an das kriminelle Milieu realistisch?
Das habe ich recherchiert. Die Fleischindustrie beschäftigt heute in der Produktion fast ausschließlich rumänische, bulgarische und manchmal polnische Werkvertragsarbeiter, die oft unter unwürdigen – manche sagen sogar: sklavenähnlichen Zuständen schuften müssen. Für die Beschaffung dieser Arbeitskräfte sorgt ein Milieu, in dem auch Rocker, rumänische Mafia und deutsche Schwerverbrecher vorkommen.

Unter den Tierrechtlern befindet sich auch Jakob, der Sohn des privaten Ermittlers Georg Dengler. Dieser ist fassungslos, als er von den Aktivitäten seines achtzehnjährigen Sohns erfährt. Ist die Haltung, die wir gegenüber der Fleischindustrie und dem Fleischkonsum haben, auch eine Generationenfrage?
Das scheint so zu sein. Vor allem junge Leute beschäftigen sich mit den ethischen Fragen des Fleischkonsums. In der Generation der 17- bis 25-Jährigen findet ein grundlegender Umdenkungsprozess statt. Das ist wohl auch der Grund, weshalb der Fleischkonsum in Deutschland signifikant zurückgeht. Laut Studien werden sich die Essgewohnheiten in den nächsten Jahren grundlegend ändern.

Ist Fleischkonsum ein Statussymbol?
Fleisch war schon immer das Nahrungsmittel der Mächtigen. Der deutsche Fürst ist zur Jagd gegangen und hat das Wild erlegt. Hätte der Bauer das getan, wäre er als Wilderer verfolgt worden. Dieses Gefühl von Macht und Männlichkeit haftet diesem Lebensmittel immer noch an.

Der größte Teil des Geflügels aus industrieller Produktion wird mit Antibiotika behandelt und fördert die Bildung multiresistenter Keime, an denen jährlich 15.000 Menschen in Deutschland sterben. Schon der wöchentliche Verzehr von mehr als 300 Gramm rotem Fleisch fördert die Anfälligkeit für Gicht, Rheuma, Diabetes und Krebs. Wie kommt es, dass immer noch viele Menschen glauben, Fleisch sei ein gesundes Nahrungsmittel?
Das ist ein hartnäckiger Mythos, der aber langsam zu bröckeln beginnt, weil die Leute sich tatsächlich gesund ernähren und diese Tierquälereien nicht mehr mitfinanzieren wollen.

Sie schildern in Ihrem Roman auch die menschenverachtenden Arbeits- und Abhängigkeitsverhältnisse der rumänischen Arbeiter. Es scheint, als seien Tier­ethik und menschliche Ethik kaum voneinander zu trennen …
Nachdem ich durch eine zweijährige Recherche die Geschäftspraktiken der Fleischindustrie näher kenne, denke ich, dass diese Industrie keinen Respekt hat vor den Tieren, die sie vernutzt. Sie hat keinen Respekt vor den Menschen, die dort arbeiten. Und niemand sollte glauben, dass sie Respekt hat vor denjenigen, die ihre Produkte konsumieren.

Gibt es eine Möglichkeit, diesen Respekt einzufordern?
Zum Teil hat man ja schon damit begonnen. Inzwischen gibt es einen Mindestlohn für diese Branche, obwohl versucht wird, ihn mit allen Tricks zu umgehen. Aber natürlich muss sich auch die Art der Tierhaltung ändern. Man muss verlangen, dass diese Industrie Produkte liefert, an denen man zumindest nicht erkrankt.

Auch in Ihrem Nachwort rechnen Sie mit der Fleisch­industrie ab. Sie sagen, die Wirklichkeit sei vielfach noch schlimmer als die übelsten Fantasien. Es scheint Ihnen ein wichtiges Anliegen zu sein, auf den starken Wirklichkeitsbezug Ihres Romans hinzuweisen.
Ich möchte mit meinen Romanen zeigen, wie es wirklich ist. Wenn der Literatur dies gelingt, hat sie ihren eigentlichen Zweck erfüllt.

Wenn die Fleischindustrie tatsächlich so rabiate Methoden anwendet, wie Sie sagen, müssen Sie dann nicht um Ihre eigene Sicherheit fürchten? Sind Sie schon bedroht worden?
Diese Frage wird mir auf jeder Lesung gestellt. Die Antwort ist nein, ich wurde nie bedroht. Ich finde aber interessant, dass die Leute es für möglich halten, man könne als Autor für eine Meinung in Deutschland tatsächlich in Gefahr geraten.

Die Fleischindustrie ist wohl auch so mächtig, dass sie diese Art der Aufklärung verschmerzen kann …
Das glaube ich auch. Ein Kriminalroman kann helfen, reicht aber für ein generelles Umdenken sicher nicht aus. Da müssen noch andere Dinge hinzukommen.

Zum Beispiel Maßnahmen der Politik? Die ist ja maßgeblich für die Massenproduktion mitverantwortlich. Nur durch hohe EU-Subventionen können in Europa jährlich über 42 Millionen Tonnen Fleisch produziert und billig auf dem Weltmarkt angeboten werden.
Deshalb muss die Landwirtschaftspolitik insgesamt umdenken. Das politische Ziel darf nicht sein, die kleinen Höfe in den Ruin zu treiben und die großen zu subventionieren. Man sollte umgekehrt die kleinen Betriebe und die biologische Landwirtschaft unterstützen.

Kann man ein Umdenken von den Konsumenten erwarten, solange das Billigfleisch quasi politisch verordnet wird?
Es gibt kein gesundes Fleisch aus Massentierhaltung. Und ich kenne keinen Konsumenten, der Fleisch verlangt, das mit Krankheitskeimen besetzt ist. Billig ist das Fleisch übrigens auch nicht. Früher wurde ein Schwein eine bestimmte Zeit lang abgehangen, damit das Wasser aus dem Fleisch entweicht. Heute wird es meist direkt nach dem Zerlegen schockgefroren, um das Wasser zu erhalten. Deshalb schmilzt das Fleisch in der Pfanne so stark zusammen. Die Fleischindustrie verkauft zu einem großen Teil einfach Wasser. Und dafür ist das Billigfleisch eigentlich viel zu teuer.

Was kann der Einzelne tun?
Es ist wichtig, über die Machenschaften der Fleisch­industrie zu reden, damit sie bekannt werden. Niemand vergiftet sich gern freiwillig. Je mehr es sich herumspricht, welche Risiken der Fleischkonsum mit sich bringt und wie die Tiere gehalten werden, desto mehr werden sich die Einstellung und das Verhalten der Leute ändern.

Haben sich die Recherchen zu Ihrem Roman auch auf Ihr eigenes Essverhalten ausgewirkt?
Absolut. Ich habe früher gerne und zeitweise auch viel Fleisch gegessen. Das hat sich völlig verändert. Ich bin zwar kein strenger Vegetarier geworden, aber fast.

Ist Ihnen diese Umstellung schwergefallen?
Nein. Ich war nach meinen Recherchen so empört, dass ich mir gesagt habe, ich möchte diese Leute nicht auch noch für ihre Verbrechen bezahlen.

Schorlau_Portrait

WOLFGANG SCHORLAU
1951 in Idar-Oberstein geboren, ist einer der bekanntesten deutschen Kriminalautoren. 2006 wurde er mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Wolfgang Schorlau ist bekannt für seine knallharten Recherchen – ebenso wie der Held seiner Storys, der Privatermittler Georg Dengler. In seinem aktuellen Roman „Am zwölften Tag. Denglers siebter Fall“ nimmt er die Fleischindustrie ins Visier.
www.schorlau.de
(Foto: Heike Schiller)

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