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„ich bin bikulturell, binational, bilateral, multikontinental“

Heimat ist für jeden etwas anderes. Für Jennifer Yaa Akoto Kieck alias Y’Akoto sind es viele verschiedene Orte. Die Soulsängerin wurde in Hamburg geboren, aufgewachsen ist sie in Ghana und nach Zwischenstopps in Kamerun, Togo und dem Tschad lebt sie mittlerweile in Hamburg, Lomé und Paris. Sie ist zu einer wahren Wandlerin zwischen den Welten – auch musikalischen – geworden. Davon erzählt sie nun im Interview.

Interview: Jan Kahl
Fotografie: Bob Pixel

Du wurdest in Hamburg geboren, bist aber in Ghana aufgewachsen. Deine Jugend verbrachtest du in Kamerun, Togo und Tschad. Was bedeutet der Begriff „Heimat“ für Dich?
Heimat ist für mich nicht ortsgebunden, hat für mich nichts mit Geografie zu tun, sondern eher mit dem Gefühl und der Geborgenheit von Familie und Freunden. In keinem anderen Land sind die Leute so heimatbesessen wie in Deutschland. Meine Erziehung war sehr international – ich bin bikulturell, binational, bilateral, multikontinental aufgewachsen. Mittlerweile sind wir so global und so mobil und unsere Leben sind so unlimitiert, gleichzeitig bauen wir uns aber ständig Grenzen, so dass wir definieren können, wo was ist, wo Heimat beginnt und wo Heimat aufhört. Mit dieser Denke kann ich persönlich sehr wenig anfangen.

Ist der Begriff für Dich sogar negativ belegt?
Nein, aber ich finde erstaunlich, dass die Definition von „Heimat“ so wichtig ist für viele. Entscheidend ist doch: Wo hat man das Gefühl von Heimat? Das kriegt man aber nicht durch einen Ort, sondern durch Menschen. Ich war schon an den schönsten Orten der Welt – wenn dort keine Menschen sind, mit denen ich mich verstehe oder mit denen ich mich austauschen kann, dann kommen dort auch keine Gefühle von Heimat auf.

Du wohnst gleichzeitig in Hamburg, Lomé und Paris. Gibt es da Unterschiede für Dich, was dieses „Nach Hause kommen“-Gefühl betrifft?
Mhhh, also ich kann nicht sagen, dass ich mich an dem einen Ort heimischer fühle als an dem anderen. Dazu muss ich aber auch sagen: Ich kenne so viele Musiker, die mehrere Wohnorte haben – das ist in dem Job überhaupt nichts Besonderes.

Was gab denn den Ausschlag, Dich an diesen Orten niederzulassen?
Sagen wir mal so: Ich brauche das einfach, diese unterschiedlichen Anlaufstellen. Ich bin Single, habe keine Kinder, trage keine Verantwortung außer mir selber gegenüber. Das macht mich sehr frei und ich reise auch einfach gerne, bin viel unterwegs. Das macht mir Spaß und ist gut für den Kopf.

Würdest Du Dich selber als rastlos bezeichnen?
Nein, da wo ich bin, da bin ich gern. „Rastlos“ hat so einen nervösen Touch. Ich für meinen Teil halte einfach nur gern an unterschiedlichen Stationen. Mich hat’s immer in die Welt gezogen, schon als Kind.

Das Leben als eine einzige lange Reise – findest Du Dich in diesem Bild wieder?
Bis jetzt: ja! Anfang nächsten Jahres mag ich mir mal Amerika angucken. San Diego, ich will nach San Diego.

Was genau reizt Dich an San Diego?
Keine Ahnung. Ich saß mal neben einem fremden Menschen im Flugzeug, einem Amerikaner, und der meinte zu mir: San Diego sei die schönste Stadt. Ich mag es, wenn Leute begeisterungsfähig sind. Das fasziniert mich, dann muss das, was sie sagen, auch nicht unbedingt zu tausend Prozent der Wahrheit entsprechen.

Kennst Du das Gefühl von Heimweh?
Klar. Wenn ich weit weg bin von den Menschen, die mir wichtig sind, dann hab ich Heimweh nach ihnen.

Was ist mit Fernweh?
Auch, klar. Gerade jetzt. Ich würde gern mal wieder eine neue Stadt entdecken, von der ich nur wenig weiß und in der ich niemanden kenne. Ich hab Lust, was Neues zu erleben, zu lernen – über mich selbst und die Welt.

Wie viele Sprachen sprichst Du?
Deutsch, Englisch und Französisch.

Du singst aber ausschließlich auf Englisch. Warum?
Musik und Gesang sollte einfach authentisch sein, und Englisch war nun mal die erste Sprache, die ich gelernt habe. Meine komplette Erziehung war auf Englisch. Deutsch kam erst später dazu, so mit zehn Jahren.

Könntest Du Dir trotzdem vorstellen, auch mal ein Album komplett auf Deutsch einzusingen?
Ich schreib gern mal auf Deutsch – für andere Künstler. Aber wenn ich was von mir in meiner Musik zeige, dann funktioniert das nicht für mich. Ich spreche drei Sprachen, und wenn wir dieses Interview auf Französisch machen würden, würde es sich für mich kein bisschen anders anfühlen. Das wäre selbstverständlich. Aber singen tu ich einfach am liebsten in der Sprache, in der ich mich zu Hause fühle. Ach, guck mal – da ist der Begriff ja schon wieder. Man kann sich also auch in der Sprache heimisch fühlen.

Auch Deine Musik ist ziemlich mobil: Soul, Pop, Singer/Songwriter, Folk, Jazz, afrikanische Einflüsse. Woher kommt diese Vielfalt?
Ich mag einfach Musik, bin international aufgewachsen. Dadurch wurde ich logischerweise auch mit unterschiedlichen Einflüssen konfrontiert, von denen ich viele für mich aufgenommen und aufgesogen habe. Ich bin ein sehr lockerer Mensch. Ich mag’s, wenn sich Dinge vermischen und daraus dann etwas Neues entsteht. Ich versteh das Gekrampfe nicht. Schon im Studium hatte ich immer das Gefühl, Menschen geben sich sehr viel Mühe, eine Richtung zu bedienen, einem Genre oder auch Ideen und Konzepten treu zu bleiben. Ich bleibe nur meinen Geschichten treu. Mir ist es immer am wichtigsten, dass meine Songs das richtige Gefühl transportieren. Ich bin da überhaupt keine Traditionalistin.

Y’AKOTO
Ihr bürgerlicher Name ist Jennifer Yaa Akoto Kieck, sie wurde 1988 in Hamburg geboren und ist in Ghana aufgewachsen. Als Tochter einer Deutschen und eines Ghanaers wandelt sie von klein auf zwischen den Welten und Kulturen. Auch im Erwachsenenalter behält Y’akoto diese Freizügigkeit bei und pendelt zwischen Hamburg, Paris und Lomé, der Hauptstadt Togos. Im September erschien ihr zweiten Album „Moody Blues“ bei Warner.
www.yakoto.de

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