Glosse Unterwegs

Hölle, Hölle, Hölle

Text: Denis Krick
Illustration: Andreas Homann

 Jahrelang konnte ich in meiner Hamburger Wohnstraße ohne Probleme zu jeder Tages- und Nachtzeit einen Parkplatz in unmittelbarer Nähe zur Haustür finden. Diese glorreichen Zeiten sind seit geraumer Zeit vorbei. Dem Carsharing sei Dank, denn jetzt reiht sich ein Leih-Smart beziehungsweise Miet-BMW an den nächsten und die real Auto besitzenden Anwohner drehen verzweifelt ihre Runden auf der Suche nach einer freien Abstellfläche. Eimsbütteler Verhältnisse in Bahrenfeld. Nur ein Beispiel dafür, dass das Streben nach Mobilität in der Hansestadt immer bizarrere Züge annimmt.

„Lass doch das Auto stehen, fahr’ mit Bus und Bahn!“, sagen meine carsharenden Nachbarn. Das koste auch weniger Nerven und man sei genauso schnell am Ziel. Diese Aussage ist aber leider nur bedingt richtig. Denn man ist zur Rushhour, an Wochenenden oder bei den nie enden wollenden Großveranstaltungen eher genauso langsam – wenn nicht sogar langsamer – am jeweiligen Bestimmungsort. Zwar muss man dann dort letztendlich keinen Parkplatz suchen, aber Nerven kosten andere Dinge. Und dabei meine ich nicht die traditionellen jährlichen Preiserhöhungen des ÖPNV, sondern zum Beispiel die Fahrt mit der S-Bahnlinie 3 am frühen Freitagabend vom Büro zurück nach Hause. Der Weg führt über die Haltestelle Reeperbahn. Hölle, Hölle, Hölle.

Noch schlimmer ist es in den Zügen, wenn der erste Schnee in Hamburg fällt und alle plötzlich zu den S- und U-Bahnhöfen pilgern, um dem vermeintlichen Verkehrschaos auf den Straßen der Hansestadt zu entgehen. Dafür landen sie dann im Chaos des Öffentlichen Personennahverkehrs. Inklusive Stehplätze, Zugausfälle sowie sehr engem Körperkontakt zum verschwitzten Nebenmann.

Ich bevorzuge angesichts dieser Probleme einfach das gute alte Auto. Leider gibt es von diesem Fortbewegungsmittel viel zu viele in Hamburg – die dann meistens auch viel zu groß sind. Wer das nicht glaubt, der sollte sich einfach einmal zu den Bring- und Abholzeiten vor einem Kindergarten in Eppendorf oder Poppenbüttel auf die Lauer legen und die SUV der Eltern zählen (die übrigens meist keinen Parkplatz finden).

Carsharing wäre also eigentlich eine gute Idee, um den Hamburger Straßenverkehr zu entlasten. Denn im Prinzip steht man auch ganz ohne den Elbtunnel immer im Stau. Es gibt an der ganzen Carsharing-Idee nur einen grundlegenden Denkfehler. Wir teilen nicht die Autos im Sinne des Erfinders. Statt Fahrgemeinschaften zu bilden, sitzen wir schön alleine in der Karre, um mal eben schnell bei IKEA Teelichter zu kaufen. Das könnte natürlich auch daran liegen, dass die angebotenen Fahrzeuge der großen Carsharing-Anbieter alles andere als geräumig und eher auf zwei Personen ausgelegt sind. Smart ist das nicht. Und weniger Verkehr herrscht dadurch auch nicht auf den Straßen.

Wir sind aber auch selbst schuld. Mobilität ist einfach eine riesige Ego-Nummer. Wenn ich zum Kaffeetrinken bei Tante Erna fahren will, dann habe ich einfach keine Lust, noch Menschen in meinem Auto mitzunehmen, die vielleicht auch nach Barmbek wollen. Das schränkt mich in meiner Freiheit, in meiner Mobilität ein. Und das ist übrigens auch der Grund, warum Anhalter immer recht lange an den Autobahnauffahrten warten müssen. Das und der Film „Hitcher – Der Highwaykiller“.

Wir könnten natürlich auch alle unsere SUV in der Garage lassen, die Carsharing-Spielzeugautos in der Alster versenken und nur noch mit dem Fahrrad fahren. Aber das ist anscheinend auch keine Lösung. Wer das nicht glaubt, der sollte mal einen Ausflug nach Münster in Nordrhein-Westfalen wagen. Dort fährt eigentlich jeder mit dem Fahrrad. Das Dumme ist nur: Abends findet man für den Drahtesel vor den netten Lokalen keinen Parkplatz mehr.

UNTERWEGS MIT SWITHH
Von der U-Bahn ins Mietauto oder raus aus dem Bus und ab aufs Leihrad. In Hamburg gibt es jetzt für diejenigen, die sich nicht auf ein Verkehrsmittel festlegen wollen oder dieses flexibel nutzen möchten, switchh.
www.switchh.de

Schreiben Sie einen Kommentar