Schöne Aussichten Science

Hamburger Einsichten

Von der Bellevue bis zum Deichtorplatz: Ob die Aussichten in Hamburg schön sind, hängt nicht nur von neuen Bauvorhaben ab, sondern auch vom Umgang der Stadt mit bestehender Architektur und dem Denkmalschutz.

Text: Jörg Schilling
Illustration: Jutta Drewes

Sie liegen mittendrin, aber ihre Namen beschreiben – historisch betrachtet – eher Ausblicke also Panoramen des Stadtumfelds. Mindestens zwei deutsche Großstädte führen Uferstraßen mit der Bezeichnung „Schöne Aussicht“, die nunmehr Einblicke in das – und damit auch Rückschlüsse auf den Umgang mit dem – Stadtbild bieten.

In Frankfurt liegt die „Schöne Aussicht“ am Main und in Hamburg an der Alster. Doch sowohl in Frankfurt als auch Hamburg haben die Panoramen gelitten. Beide Städte waren besonders stark den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges ausgesetzt. Am Main wurde die „Schöne Aussicht“ mitsamt der berühmten Altstadt in Schutt und Asche gelegt, während dieses Zerstörungswerk zwischen Alster und Elbe mit der Sanierung und dem Abbruch der Gängeviertel bereits vor Kriegsbeginn in die Tat umgesetzt worden war. In beiden Städten durften die Protagonisten des Wiederaufbaus im Umgang mit dem verbliebenen historischen Bestand wenig zimperlich agieren. Sie veranlassten mit dem Argument der Stadtgesundung, aber auch der Notwendigkeit des Autoverkehrs einen Umbau, der mit seiner schwungvollen Struktur und geradlinig offenen wie rationalen Architektur den neuen gesellschaftlichen Aufbruch markieren sollte. Jetzt, sechzig Jahre später, sind die baulichen Zeugnisse dieser Zeitphase selbst bedroht. Ihre wenig nachhaltige und energietechnisch sorgenlose, oft extrem ökonomische – und damit bei den Lobbyisten romantischer Altstadtbilder unbeliebte – Bauweise macht die Nachkriegsmoderne zum bevorzugten Opfer des aktuellen Stadtumbaus.

Der Druck der Investoren auf die Innenstädte verursacht momentan eine rasante und gravierende Stadtbildveränderung. Die Denkmalpflege ist überfordert, obwohl mit der Novellierung des Hamburger Denkmalschutzgesetzes „ipsa lege“ und ad hoc einige repräsentative Bauten aus den 1950er- bis 1970er-Jahren unter Schutz gestellt wurden. Das war dringend geboten, denn das Bewusstsein für die Qualitäten der Nachkriegsmoderne wächst mit den Generationen, die auf den Grünflächen der aufgelockerten Stadt ihre Sozialisation erfahren haben, für die Beton und Glas vertraute Materialien sind. So konnten z. B. die jeweils durch einen Curtain-Wall geprägten, 1961–64 entstandenen Verwaltungsgebäude von Unilever (heute Emporio, Hentrich-Petschnigg & Partner) und der Reederei Hamburg-Süd an der Willy-Brandt-Straße – allerdings um den Preis von Aufstockungen – erhalten werden. Letzteres Bauwerk stammt vom Architekten Cäsar Pinnau, dessen umstrittenem Werk und Rolle in der NS-Zeit sich vom 28. bis 30. Mai 2015 im Altonaer Museum ein Symposium widmete. Es fügt sich als Veranstaltung des Hamburger Architektursommers in die zunehmende Zahl von Angeboten, welche die Auseinandersetzung mit der Architektur des Wiederaufbaus suchen.
Nicht immer waren die Verheißungen der modernen Stadt deckungsgleich mit der architektonischen Realität und den Bedürfnissen der Bauherren. Cäsar Pinnau errichtete schon (oder noch?) 1951 an der „Bellevue“ – die nicht viel weniger vornehme Fortsetzung der „Schönen Aussicht“ und Standort repräsentativer Bürgerhausarchitektur – eine von ihm mit klassizistischem Repertoire traditionell gestaltete Villa. Zwölf Jahre gesellschaftlichen und kulturellen Rückschritts waren nicht einfach mittels Abstraktion und schwungvoller Ästhetik zu verdrängen. Das blieb den Wirtschafts- und Gemeinschaftsbauten der City vorbehalten.

Auch der Architekt Rudolf Klophaus, der während des „Dritten Reiches“ mit mehreren traditionalistischen Backsteinbauten im Bereich des Kontorhausviertels diesem einen eigenen Stempel aufdrückte, konnte sich dort 1955–57 mit einem Hochhauskomplex als Moderner beweisen. Sein aus vier versetzten Scheiben und einem verbindenden Querriegel konzipierter City-Hof sollte mit einer Verkleidung aus weißen Keramikplatten den Aufbruch ins Wirtschaftswunder und eine neue hanseatische Wirklichkeit markieren. Trotz einer in den 1970er-Jahren aufgesetzten Verkleidung mit grauen Eternitplatten ist noch deutlich die zwischen Abgrenzung und Bezugnahme changierende, auf die Blockrandbebauung und Materialität des Kontorhausviertels reflektierende Haltung zu vergegenwärtigen.

Nun stellt das Kontorhausviertel mit der Speicherstadt den Gegenstand von Hamburgs Bewerbung für eine entsprechende Aufnahme des Bereiches in die Liste des Unesco-Welterbes dar, wobei die Diskussion um den angrenzenden City-Hof einen negativen Einfluss auf den Entscheidungsprozess nehmen könnte. Der Senat ist auf den Abbruch des Baukomplexes festgelegt, obwohl er 2013 endgültig unter Denkmalschutz gestellt wurde. Auch die jüngst abgeschlossene Ausschreibung zum Verkauf des City-Hofs, die einen theoretischen Erhalt zubilligte, hat daran nichts geändert. Dieser ökonomischen Interessen geopferte Prinzipienfall hat eine Vielzahl von Kritikern, Denkmalschutzvereine und Architektenverbände auf den Plan gerufen. In Hamburg ist damit ein offener Konflikt um die Stadtbildveränderung und die mangelnde Wertschätzung des baukulturellen Erbes entbrannt.

Der Einsatz der City-Hof-Initiative für den Erhalt des Komplexes beweist, dass dies Themen sind, die auch zunehmend jüngere Kreise ansprechen und ein zivilgesellschaftliches Engagement mobilisieren. Vielleicht wird hier für Hamburg ein Prozess eingeläutet, dessen Einsichten beispielhaft für andere Städte, wie z. B. Frankfurt, werden. Dort wurde vor Kurzem der besonders interessante Bau der Oberfinanzdirektion abgerissen. Das soll für den City-Hof unterbleiben!

 

DR. JÖRG SCHILLING
studierte Geschichte und Kunstgeschichte in Hamburg, zahlreiche Veröffentlichungen zur Kultur- und Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg, 2012 Gründung des Schaff-Verlags zur Vermittlung von Architektur, Herausgeber der hamburger bauhefte.
www.drjoergschilling.de
www.schaff-verlag.de


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Architektur und Stadt­planung an der Hamburger Volkshochschule
Kunstgeschichte auf zwei Rädern


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