Profil Spielwiesen

„Für mich liegt eine große Faszination in den kleinen Dingen“

Theaterbühne, Punkrock und Spielplatz – die Schauspielerin und Sängerin Lisa Hagmeister über ein paar ihrer Spielwiesen

Text: Dagmar Ellen Fischer

 

Seit zehn Spielzeiten gehört Lisa Hagmeister zum Ensemble des Hamburger Thalia Theaters, doch auch als Mitglied einer Punkband erlebte sie verschiedene Bühnensituationen spielend und singend. Und als Mutter zweier Kinder kennt sie noch ganz andere Spielwiesen …

ACHT: Ihr Lebenslauf liest sich, als ob es außer Schaupielerin nie einen anderen Berufswunsch gab …?
Lisa Hagmeister: Ja, schon als Kind wollte ich das gern ausprobieren, habe Darstellendes Spiel in der Schule gewählt, in Jugendzentren gespielt und mit 14 Jahren Gesangsunterricht genommen. Wenn ich Schauspieler im Fernsehen sah, dachte ich oft: Das kann ich auch! (lacht) Nach der Schule habe ich mich konsequent an den staatlichen Schauspielschulen beworben; ich wollte nicht irgendwann bereuen, es nicht ernsthaft probiert zu haben. Andererseits dachte ich, wenn ich die Leute erst dazu überreden muss, mich gut zu finden, dann lasse ich es. Aber an der Ernst Busch Schule in Berlin hat es dann relativ zügig geklappt.

Schon während der Ausbildung standen Sie am Deutschen Theater Berlin auf der Bühne, weht ein anderer Wind in der Hauptstadt als in Hamburg?
Man muss sich ein bisschen wärmer anziehen in Berlin! Aber das Hamburger Publikum kann durchaus auch kritisch sein. Ausschlaggebend für meine Bewerbung am Thalia Theater war eine Inszenierung von Michael Thalheimer, „Liebelei“, die ich hier sah. An jenem Abend dachte ich: Das ist eine gute Gruppe, da würde ich gern dazugehören. Damals war das eher ein Traum, den ich innerlich formulierte.

Der 2006 in Erfüllung ging. Was schätzen Sie besonders an diesem Haus?
Das Thalia hat als Ort eine schöne Energie – das klingt esoterischer, als ich es meine. Ich habe zurzeit hier ein künstlerisches Zuhause gefunden. Es ist ja eher zufällig, wo man so hingespült wird durch ein Engagement; hier fühle ich mich wohl. Das ganze Haus ist mit tollen Menschen bestückt, sowohl im Ensemble als auch in den Gewerken. Und ich mag die Bühne im Haupthaus, sie ist groß und kann trotzdem intim sein.

Bevorzugen Sie das Große Haus oder den überschaubaren Spielort Thalia Gaußstraße?
Die Qualität von großen Räumen liegt darin, dass man Theatermittel mit sich ausprobieren kann, eine andere Art zu sprechen, zum Beispiel. Aber ich schätze es auch, in kleinen Räumen nicht so weit senden zu müssen; für mich liegt eine große Faszination in den kleinen Dingen, die auf einer großen Bühne mitunter verschwinden oder verschwimmen. Im Grunde ist jede Inszenierung ein Versuch, wie eine Reise, von der man nicht weiß, ob man ankommt, ob das Publikum es anschauen mag und ob es uns am Ende noch interessiert, was dabei herausgekommen ist.

Was käme im besten Fall heraus?
Im besten Fall vermittelt man eine Herzensangelegenheit. Gelingt es mir beispielsweise, die Einsamkeit einer Figur zu vermitteln, und spüren wir während der Vorstellung, dass es beim Publikum ankommt – dann kann ein Stück irgendwann abheben und fliegen. Das Optimale ist, wenn man merkt: Es lässt sich vermitteln, was wir sagen wollen, und es erzählt etwas über das eigentliche Stück hinaus. Wir initiieren etwas, das ein Eigenleben bekommt und bei den Menschen im Publikum einen Ton anklingen lässt.

Wie konkret nehmen Sie das Publikum von der Bühne aus wahr, während Sie spielen?
Man kann eine Atmosphäre spüren, wenn man auf die Bühne geht, aber nicht wissen, ob es eine gute Vorstellung wird oder nicht. Manchmal fühlt man sich selber gut, das ist eine gute Voraussetzung, aber ob der Abend jenen Zaubermoment hat und der Funke überspringt, sodass man etwas gemeinsam erlebt, kann ich vorher nicht sagen. Wenn ich zu spielen beginne, merke ich relativ schnell, wie zugewandt das Publikum ist. Manchmal ist es eine ernsthafte Stille, die Menschen wollen dann lieber zuhören und sind hoch konzentriert; manchmal ist das Publikum eher abwartend kritisch; mitunter aber hat es auch große Lust, sich zu amüsieren und lacht sofort – es gibt total unterschiedliche Publikums-Charaktere.

Beeinflusst das Ihr Spiel?
Ja, das kann wie eine Welle sein, auf der man surfen kann. Im anderen Fall kann es aber auch hemmen und lähmen, wenn man das Gefühl hat, die haben keine Lust, würden lieber gehen, sind empört oder fühlen sich beleidigt … Man darf sich dann nicht verunsichern lassen, sondern muss seine Sache dennoch vertreten. Aber es gibt Abende, an denen man sich mal mehr, mal weniger davon frei machen kann.

Seit 2011 stehen Sie als Sängerin der Punkband „N.R.F.B.“ auf der Bühne, brauchen die anderen Spielorte eine andere Präsenz?
So anders ist das gar nicht, im Theater muss ich auch manchmal singen. Man könnte meinen, dass man im Konzert privater auf der Bühne steht, aber das ist auch eine Art von Rolle, die man spielt, für die man Text lernen muss. Anders daran ist die Erfahrung des Tourens: im Bus umherfahren, im Backstage-Bereich warten, Soundchecks machen, in kleinen Clubs spielen und hoffen, dass mehr als 50 Leute im Publikum sitzen … (lacht) Aber die Perform-Situation unterscheidet sich nicht so sehr.

Die vier Buchstaben der Band stehen für „Nuclear Raped Fuck Bomb“, was der Gründer Jens Rachut damit erklärt, dass er die provokantesten englischen Worte bündeln wollte. So klingt auch die Musik …
Es gab eine spezielle Situation: Wir spielten auf dem Musikfestival „Fusion“ in einem Hangar. Es war so wahnsinnig laut, dass man gar nicht mehr kontrollieren konnte, was man machte, weil der Sound durch und durch ging. Ich habe das körperlich fast nicht ausgehalten, diese Lautstärke war wie ein großes Ereignis, das über einen hinwegweht, man konnte gar nicht mehr
denken.

Hat sich der Alltag mit zwei kleinen Kindern und Ihrem Beruf schon eingependelt?
Nein, ich fange jetzt erst an, zwei Kinder und den Beruf unter einen Hut zu bekommen. Es ist kein besonders familienfreundlicher Beruf, ich bin morgens und abends oft unterwegs; aber dafür habe ich am Nachmittag Zeit, um mit den beiden in St. Pauli im Park Fiction unter einer grünen Metallpalme zu spielen und Eis zu essen.

Foto: Thalia Theater

 

LISA HAGMEISTER
wurde 1979 in Berlin geboren, wo sie von 1999 bis 2003 an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch studierte. Von 2003 bis 2006 war sie am Düsseldorfer Schauspielhaus, seit 2006 ist sie festes Ensemblemitglied des Thalia Theaters. 2008 wurde sie mit dem „Boy-Gobert-Preis“ für Nachwuchsschauspieler an Hamburger Bühnen ausgezeichnet. Lisa Hagmeister ist ebenfalls für Film und Fernsehen tätig, für ihre Darstellung einer jungen Mutter im Tatort „Der frühe Abschied“ (2007) wurde sie mit dem „Deutschen Fernsehpreis“ ausgezeichnet. Seit 2011 ist Hagmeister Sängerin der Allstar-Punkband N.R.F.B.

Schreiben Sie einen Kommentar