Science Tierisch gut?

Haben Tiere eine Seele?

Seit über 40 Jahren spürt der renommierte Hirnforscher Gerhard Roth der Psyche nach und ist sich sicher, dass auch Tiere eine Seele haben.

Text: Gerhard Roth
Illustration: Andreas Homann

Nach der antiken „Seelenlehre“, die auf Platon zurückgeht und bis ins 20. Jahrhundert wirkte, haben Tiere eine „Tierseele, die sie befähigt, sich zu bewegen (im Gegensatz zur „Pflanzenseele“ als Grundlage des bloßen Lebendig-Seins) und instinktiv-zweckmäßig zu handeln. Diese Tierseele ist aber stofflich und sterblich und auch nicht vernünftig („rational“). Der Mensch hingegen hat zusätzlich eine „vernünftige“ Seele, die zugleich unsterblich und unstofflich und sich somit über die Naturgesetze hinwegzusetzen vermag. Der bedeutende französische Philosoph René Descartes verschärfte diesen Gegensatz, indem er lehrte, dass Pflanzen, Tiere und auch der menschliche Körper mechanisch (heute würden wir sagen: physikalisch) funktionierende Wesen sind, nur die menschliche Seele sei unsterblich, unstofflich und nicht an die Naturgesetze gebunden.

Bis auf die Idee der Unsterblichkeit hat Descartes einen modernen Begriff der Seele entwickelt, nämlich als Gesamtheit des Geistig-Psychischen, in dessen Zentrum das vernünftige Denken steht. Er hat dabei sorgfältig alle sonstigen religiösen Fragen nach der Seele ausgespart, vornehmlich aus Angst vor der katholischen Inquisition. Bei der Frage nach der Seele der Tiere im religiösen Sinne stellte sich ihm diese Frage nicht.

Bis vor wenigen Jahrzehnten gab man zu, dass manche Tiere in absolut erstaunlicher Weise zweckmäßig handeln können, aber das schrieb man ihren „Instinkten“ zu, wie dies noch der bekannte österreichisch-deutsche Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz machte. Rational-logisches Denken schienen sie nicht zu haben, auch wenn man immer häufiger von „quasi-rationalem“ bzw. „quasi-intelligentem“ Handeln einiger Tiere (z. B. Vögel, Hunde, Affen) sprach.

Das hat sich inzwischen dramatisch geändert. Man hat festgestellt, dass die genannten Tiere sehr viel mehr von Lernen als von sogenannten Instinkten (d. h. genetisch vorgegebenen Verhaltensweisen) beeinflusst werden und dass sie dabei Intelligenz, Einsicht, Nachdenken und Handlungsplanen zeigen. So ist Werkzeuggebrauch (Stöcke zum Angeln von Futter, Steine zum Zerhämmern von Nüssen und Muscheln usw.) im Tierreich weitverbreitet, und manche Tiergruppen wie Rabenvögel, Säugetiere und insbesondere Affen stellen Werkzeuge gezielt her, z.T. „auf Vorrat“. Dies machen etwa Schimpansen, wenn sie sich noch im Urwald unterschiedlich lange und dicke Stöckchen zum Termitenangeln in der Savanne herstellen. Häufig werden Werkzeuggebrauch und -herstellung von Artgenossen, insbesondere der Mutter abgeschaut und an die eigenen Nachkommen weitergegeben.

Manche Tiere wie Menschenaffen, Delfine, Elefanten und Elstern (und wohl noch andere) können sich im Spiegel erkennen, was als Grundlage eines Selbstbewusstseins angesehen werden kann. Schließlich kann gezeigt werden, dass die genannten Tiere logische Schlussfolgerungen ziehen und sogar wissen können, was sie wissen und was nicht. Viele Tiere besitzen eine einfache Sprache, vergleichbar derjenigen kleiner Kinder, während der Besitz einer grammatikalisch-syntaktischen Sprache, wie sie Kinder ab Mitte des 3. Lebensjahres entwickeln, vielleicht nur beim Menschen zu finden ist. Jedoch könnte es sein, dass der Gesang einiger Singvögel einer grammatikalisch-syntaktischen Sprache gleichkommt.

Diese Befunde werden durch Ergebnisse der Hirnforschung untermauert, indem man inzwischen weiß, welche Hirnaktivitäten beim Menschen den geistig-kognitiven Leistungen wie Lernen, Werkzeugeerfinden, logisches Denken, Sich-im-Spiegel-Erkennen usw. zugrunde liegen, und man kann dann sehen, ob die genannten Tiere dieselben oder sehr ähnliche Hirnaktivitäten besitzen. Dies ist bei Affen und sonstigen Säugetieren, die Gehirne haben, die unserem Gehirn sehr ähnlich sind, eindeutig der Fall. Bei den Vögeln, deren Gehirne gegenüber unserem Gehirn zum Teil Abweichungen zeigen, ist das schon etwas schwieriger, aber auch hier hat man Entsprechungen hinsichtlich von Hirnzentren gefunden, die mit Intelligenz und Einsicht zu tun haben. Insgesamt sind uns manche Tiere hinsichtlich geistiger Leistungen sehr viel ähnlicher, als wir jemals geglaubt haben.

Eine letzte Frage betrifft die Existenz tierischen Bewusstseins. Dass Hunde, Katzen und Affen sich so verhalten, als hätten sie Gefühle, ist unstrittig. Und sie scheinen „irgendwie“ auch nachdenken und planen zu können. Aber haben sie dabei auch Bewusstsein wie wir? Die Antwort lautet: Auch diese Tiere haben ziemlich wahrscheinlich Bewusstseinszustände wie wir, nämlich das bewusste Erleben von Gefühlen, Wahrnehmungsinhalten, Denken, Aufmerksamkeit, Erinnern, Vorstellen, vielleicht sogar so etwas wie ein Ich-Bewusstsein. Ein starker Hinweis darauf ist die Tatsache, dass sie geistig-kognitive Leistungen vollbringen können, die wir nur mit Bewusstsein vollbringen können (z. B. Aufmerksamkeit und Problemlösen). Warum sollten Tiere etwas ohne Bewusstsein tun können, wir aber nicht? Das wäre unlogisch. Auch kennen die Hirnforscher inzwischen gut die Mechanismen, die beim Menschen zu Bewusstseinszuständen führen, und diese lassen sich zumindest bei Säugetieren ebenfalls nachweisen.

Natürlich bleibt ein Rest von Zweifel, denn man kann Bewusstsein nur direkt erleben und nicht „von außen“ nachweisen. Das gilt aber nicht nur für Tiere, sondern auch für unsere Mitmenschen. Wir können also nicht völlig ausschließen, dass unser Lebenspartner bzw. unsere Lebenspartnerin und unsere Kinder bewusstlose Automaten sind, die nur so tun, als hätten sie Bewusstsein – das nur ich habe. Darauf sollte man aber nicht spekulieren!

Fazit: Wenn man einmal von der rein religiösen Bedeutung des Begriffs „Seele“ absieht, so haben zumindest einige Tiere mit großer Wahrscheinlichkeit eine Seele im Sinne bewusster psychisch-geistiger Zustände.

Fotos: iStockphoto/CSA-Images, Schmunzelpanda/photocase.de

PROF. DR. DR. GERHARD ROTH
wurde 1942 in Marburg geboren, er ist einer der führenden deutschen Neurobiologen und leitete viele Jahre als Professor für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie das Institut für Hirnforschung an der Universität Bremen. Acht Jahre war er Präsident der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Er hat neben Fachartikeln und -büchern auch eine ganze Reihe erfolgreicher Sachbücher veröffentlicht, u.a. „Wie einzigartig ist der Mensch? Die lange Evolution der Gehirne und des Geistes“, Spektrum-Springer, erschienen 2010.
www.ans-roth.de

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