Global Roundabout Gender

Global benachteiligt

Frauen sind weltweit auf dem Vormarsch, trotzdem haben sie immer noch weniger Chancen, niedrigere Löhne und schlechtere Jobs – die Gleichstellung der Geschlechter bleibt leider eine Zukunftsvision.

Text: Helena Schindel

 

Die Botschaft überrascht kaum: Männer haben es weltweit besser als Frauen. In keinem Land der Welt sind Frauen und Männer wirklich gleichberechtigt. Es gibt nur Staaten, in denen Frauen mehr Chancen haben als in anderen. Die Ungleichheit nimmt zwar weltweit ab, aber sehr, sehr langsam. Wenn es beim bisherigen Tempo der Angleichung bei Einkommen, Bildung und Aufstiegschancen bleibt, werde das Ziel der vollständigen Gleichstellung von Mann und Frau weltweit wohl erst im Jahr 2133 erreicht. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kommt der „Global Gender Gap Report 2015“ des Weltwirtschaftsforums.

Der Bericht untersucht mit einer umfassenden Studie in mehr als 145 Ländern, die insgesamt 93 Prozent der Weltbevölkerung darstellen, wie der Zugang zu Ressourcen unter den Geschlechtern verteilt ist. Betrachtet wird die Chancengleichheit in vier Bereichen: Gesundheit, Bildung, Politik und Wirtschaft. Ein internationales Forscherteam hat dafür riesige Datenmengen ausgewertet, wie etwa das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, der Weltgesundheitsorganisation und der Internationalen Arbeitsorganisation.

Die gute Nachricht ist, dass zumindest im Bereich der Gesundheit und Bildung die Frauen schon aufgeholt haben. Weltweit werden inzwischen annähernd so viele Mädchen wie Jungen geboren, und Frauen leben tendenziell länger. Auch bei der Alphabetisierung gibt es relativ geringe Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Dennoch besteht das Recht auf Bildung in vielen Ländern noch immer nur auf dem Papier und dies hat zur Folge, dass weltweit zwei Drittel aller Analphabeten weiblich sind.

Eine gewaltige Lücke zwischen den Geschlechtern klafft im Wirtschaftsleben: Frauen sind seltener und in zeitlich geringerem Umfang erwerbstätig als Männer und besetzen seltener Führungspositionen. Auf globaler Ebene sind lediglich ein Viertel aller Führungspositionen weiblich. Auch in Deutschland sind Frauen, obwohl sie fast die Hälfte der Erwerbstätigen ausmachen, in den Führungsetagen immer noch unterrepräsentiert. Nur etwa 22 Prozent aller Leitungspositionen in der Wirtschaft werden von Frauen besetzt. Der tiefste Geschlechtergraben ist in den Vorständen der deutschen Aktiengesellschaften zu verorten: Trotz gleicher oder oftmals besserer Qualifikationen sind nur 3 Prozent der dortigen Manager weiblich, sagt die Statistik des Weltwirtschaftsforums. Andere Auswertungen kommen auf 4 bis 5 Prozent – aber sei es drum.

Der Blick über die Grenzen zeigt, dass es auch anders gehen kann: An der Spitze jedes zehnten US-Konzerns steht eine Frau, darunter so berühmte Managerinnen wie Indra Nooyi, die Chefin von Pepsi, oder Sheryl Sandberg, die Geschäftsführerin von Facebook. In Schweden oder Frankreich, das mit Christine Lagarde sogar die Chefin des Internationalen Währungsfonds stellt, sind es fast 20 Prozent. Und sogar in den Vorständen der Türkei – in einem Land, das angeblich so wenig progressiv ist – ist der Frauenanteil doppelt so hoch wie in Deutschland. Auf den Spitzenplätzen stehen nach wie vor die nordischen Länder Norwegen und Schweden sowie Finnland und Lettland. Norwegen bleibt dabei das einzige Land in Europa mit einem annähernd ausgeglichenen Frauenanteil (45 Prozent) in den Führungspositionen.

Die Ungleichbehandlung im Arbeitsleben setzt sich bei der Bezahlung fort: Weltweit erhalten Frauen im Durchschnitt 24 Prozent weniger Lohn als Männer. In Deutschland bleiben laut des Statistischen Bundesamtes die durchschnittlichen Stundenlöhne von Frauen um 21 Prozent hinter denen der Männer zurück. Die Wissenschaftler des „Global Gender Gap Report“ machen dafür drei Ursachen verantwortlich. Erstens die Teilzeitarbeit: Frauen kümmern sich noch immer hauptsächlich um die Familie, weil Kinderbetreuungsplätze fehlen. Zweitens arbeiten Frauen in Berufen, die oft schlechter bezahlt sind – dazu gehören Sozial- und Gesundheitsberufe. Und drittens sind es die patriarchalen Strukturen in der Wirtschaft, die Männer einfach bevorzugen.

Noch ungleicher geht es in der Politik zu. Weltweit sitzen viel mehr Männer in den Parlamenten, den Ministerien und Präsidentenpalästen. Nur etwa ein Fünftel der Volksvertreter weltweit ist weiblich. An der Spitze der parlamentarischen Gleichberechtigung steht ein afrikanisches Land: Ruanda. Hier sind sogar mehr als die Hälfte der Abgeordneten weiblich. Mit Andorra und Schweden folgen dahinter zwei europäische Staaten. Auch im realsozialistischen Kuba gibt es fast ebenso viele Frauen wie Männer im Parlament. Der Deutsche Bundestag liegt mit einem Anteil von 36,5 Prozent Parlamentarierinnen im weltweiten Vergleich (22 Prozent) weit über dem Durchschnitt. Der europäische Durchschnitt liegt bei etwas über 25 Prozent. Außerdem werden derzeit nur 19 von 193 Ländern von einer Staats- oder Regierungschefin geführt. Die Auflistung der Länder anhand des prozentualen Anteils von Frauen, die einen Ministerposten innehaben, wird von Finnland angeführt (62 Prozent). Deutschland liegt mit 33 Prozent im internationalen Vergleich auf Platz 16 und hat dabei 13 europäische Länder vor sich.

Das Land, in dem Frauen und Männer am weitesten gleichgestellt sind, ist Island, gefolgt von Norwegen, Finnland und Schweden. Die nordischen Länder belegten schon in früheren Jahren Top-Platzierungen. Die nordischen Länder haben nicht nur für eine bessere Gleichberechtigung gesorgt, sondern daraus auch wirtschaftlichen Nutzen gezogen: Kaum irgendwo anders ist der Anteil der Frauen an den Erwerbstätigen größer, sind die Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern geringer und die Aufstiegschancen für Frauen besser. Das liegt auch daran, dass die Skandinavier Bedingungen geschaffen haben, die es Eltern ermöglichen, Arbeit und Familie gut miteinander zu vereinbaren – es gibt staatlich geförderte Elternzeiten, obligatorische Vätermonate, spezielle Programme, die Frauen den Berufseinstieg nach der Geburt erleichtern. Nebenbei werden in diesen Ländern auch noch mehr Kinder geboren.

Deutschland landet im weltweiten Vergleich auf Rang 11 von 145 und hat sich um einen Platz gegenüber dem Vorjahr verbessert. Es ist aber kein Grund, um sich selbstzufrieden auf die Schulter zu klopfen, denn 2006, als der „Global Gender Gap Report“ zum ersten Mal erstellt wurde, war Deutschland noch auf Platz fünf.

 

Auszug aus den Index-Werten des Global Gender Gap Report 2015
Die Index-Werte berücksichtigen die relative Benachteiligung von Frauen in den verschiedenen Teilbereichen, u.a. Wirtschaft, Gesundheit, Politik und Bildung

1    Island
2    Norwegen
3    Finnland
4    Schweden
5    Irland
6    Ruanda
7    Philippinen
8    Schweiz
9    Slowenien
10    Neuseeland
11    Deutschland
12    Nicaragua
13    Niederlande
14    Dänemark
15    Frankreich
16    Namibia
17    Südafrika
18    Großbritannien
19    Belgien
20    Litauen
21    Estland
22    Bolivien
23    Burundi
24    Barbados
25    Spanien
26    Moldowien
27    Mosambik
28    USA
29    Kuba
30    Kanada
39    Portugal
41    Italien
51    Polen
91    VR China
97    Slowakai
100    Zypern
101    Japan
130    Türkei
141    Iran
142    Tschad
143    Syrien
144    Pakistan
145    Jemen


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