Hallo Zukunft

Geburtstag

In diesem düsteren Szenario des Jahres 2030 befindet sich Lotta in einer Welt der totalen digitalen Überwachung. Soziale Konflikte, Elend und Krankheiten bestimmen den Alltag der Menschen.

Text: Katharina Manzke
Fotografie: Till Gläser

Als Lotta die Augen öffnet, sieht sie in den weit geöffneten Kelch der Orchidee. Die Blume scheint sie anzugähnen. Es ist fünf Uhr. Höchste Zeit aufzustehen. Sie setzt sich auf und ein Farn streift ihre Wange. Lotta liebt ihren kleinen „Wintergarten“, der eigentlich nichts weiter ist als eine Sammlung von fünf Zimmerpflanzen, die um ihr Bett herumstehen. Dass sie diese besitzt, ist ein Luxus, den viele verteufeln würden, wüssten sie davon. Trinkwasser ist ein teures Gut geworden. Lotta kann es sich leisten. Sie möchte nicht auf die Pflanzen verzichten. Sie will lieber ihr eigenes Grün, statt in die öffentlichen Anlagen zu gehen. Obwohl diese teuren Eintritt kosten, sind sie immer so überfüllt. Lotta könnte auch mal wieder aufs Land fahren, an ihrem nächsten freien Tag in drei Wochen. Aber auch da ist es deprimierend. Aufgrund der langen heißen Phasen in diesem Sommer ist alles vertrocknet.

Lotta gibt ihren Pflanzen ein wenig Wasser und geht dann ins Badezimmer. Sofort stellen sich die Fliesen auf die Temperatur ein, die für ihre Füße am angenehmsten ist, und die Jalousien öffnen sich von allein und lassen die Sonne hinein. Lotta putzt sich die Zähne. Statt zu duschen, nimmt sie das Super-Deo, das alle unangenehmen Gerüche umgehend in chemisches Wohlgefallen auflöst, und das Trockenshampoo mit Lavendelduft. Dann setzt sie sich vor dem Spiegel ihre elektronischen Kontaktlinsen ein und das Hörgerät und betätigt den Chip an ihrem Handgelenk.

„Guten Morgen, du Schöne! Heute ist Lottatag! Wie wunderbar, dass du geboren bist!“, flüstert eine tiefe Männerstimme direkt in ihr Ohr, während sie nur sich selbst im Spiegel betrachtet. Ja! Sie hat heute Geburtstag. Sie wird heute dreißig Jahre alt. Die ersten Worte, die sie hört, kommen von einem Computer, von „Joachim“, ihrem persönlichen Assistenten.

Während sie frühstückt – ein Toast, ein Kaffee (ebenfalls ein teures Luxusprodukt) und eine Handvoll Vitaminpräparate –, inszeniert Joachim über ihre Kontaktlinsen einen Geburtstagstisch für sie. Die Torte, die Luftballons, die Blumen und auch die tanzenden nackten Elfen und fliegenden Schweinchen um den Tisch herum sind nicht echt. Lotta gähnt und klickt die Bilder weg. Daraufhin breitet Joachim ihren Terminplan aus und präsentiert ihr die neuesten Nachrichten: „Gefährliche Seuche in den USA. Hunderte Tote an einem Tag in New York. Tornado in Italien kippt den Schiefen Turm von Pisa um …“

Eine halbe Stunde später lässt sich Lotta von ihrem E-Mobil, ebenfalls von Joachim gesteuert, durch Hamburgs Straßen fahren. Ihr Büro befindet sich im zwanzigsten Stock in einem hypermodernen Gebäude in der HafenCity. In der total verglasten Außenfassade spiegelt sich der Himmel. Aus Richtung der total verschlammten Elbe stinkt es.

Innerhalb von zehn Sekunden hat sie mit dem Aufzug pünktlich um sechs Uhr ihr Stockwerk erreicht. Die meisten Kollegen sitzen schon an ihren Plätzen, an gut voneinander abgeschirmten, hoch technisierten Arbeitsiglus. Auf ihrer eigenen Schreibtischinsel am „Institut für integrative Forschung und Kommunikation“ steht eine Flasche alkoholfreier Champagner. Sie fährt das System hoch und blickt auf dem Bildschirm direkt in einen kahlen Raum hinein.
Sie ist jetzt verbunden mit dem Lager der Außenseiter, das sich ab der anderen Seite der Elbe kilometerweit erstreckt. Lotta koordiniert mit vielen anderen von ihrem Büro aus einen Teilbereich des riesigen Viertels. Sie muss überwachen, dass Recht und Ordnung herrschen, was im Klartext bedeutet: dass das Leben der Menschen auf der anderen Seite des Flusses das auf ihrer Seite nicht berührt. Gespräche mit den Menschen dort werden unter strengen zeitlichen Auflagen geführt, im Grunde nur mit einem Ziel: den Status quo zu bestätigen.

Lotta hat das Lager noch nie betreten. Trotzdem weiß sie genau, wie das Leben dort ist. Sie beobachtet es viele Stunden lang über Kameraaufnahmen und sie weiß es von Amal. Amal ist eine 68-jährige Frau, die vor fünfzehn Jahren als Kriegsflüchtling aus Syrien nach Hamburg gekommen ist. Zweimal in der Woche unterhält sie sich mit ihr. Sie berichtet von Sterbefällen, von Geburten, von Streitereien und Romanzen. Sie berichtet von den unerträglichen hygienischen Zuständen und von der Seuche, die sich ausbreitet und gegen die niemand etwas unternimmt. Dann schimpft Amal und fordert Lotta auf, etwas zu tun. Aber Lotta kann nichts tun.

Irgendwann hatte Amal damit angefangen, Lotta Fragen zu stellen:
Wieso hast du keine Kinder? Möchtest du keine haben?
Doch, aber wenn ich eines bekäme, würde ich meinen Job verlieren. Ich habe meine Eizellen einfrieren lassen. Ich kann auch später noch ein Kind bekommen.
Hast du einen Mann?
Nein. Ich habe manchmal digitale Dates, aber bisher hatten wir noch nie die Zeit, uns tatsächlich zu treffen.
Gefällt dir dein Leben?
Nein. Aber ich weiß keinen Ausweg.
Nach dieser Antwort hatte Amal sie lange traurig angesehen und stumm den Kopf geschüttelt.

Letzte Woche wurde Lotta verwarnt, wegen ihrer Gespräche mit Amal. Joachim hatte gepetzt. Ihr digitaler Assistent ist nicht nur dafür da, ihr zu helfen, er überwacht sie auch.
Heute wird sie die Gespräche mit Amal auf das Nötigste beschränken müssen. Sie ist sicher, ihre Freundin wird trotzdem einen Weg finden, ihr zum Geburtstag zu gratulieren.
Lotta starrt auf den Bildschirm und wartet. Eine Tür öffnet sich. Ein Mann mit einem großen Schnauzer erscheint und setzt sich auf den Stuhl im Konferenzraum.
Er lächelt Lotta etwas ängstlich an. „Hallo, ich bin Roland. Ich komme anstelle von Amal Hababizdeh. Sie ist letzte Nacht gestorben.“


Zeitreise mit Lotta: Alltag und Heute Morgen

 


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