Schöne Aussichten

Freiräume in Sicht?

Wem gehört die Stadt? Wir stellen ein paar Ideen, Freiräume und Initiativen vor — jenseits der üblichen Investorenwünsche.

Text: Reimar Biedermann / Katharina Manzke
Fotografie: Lia Darjes

 

Rund 1,8 Millionen Menschen leben in Hamburgs Stadtgebiet. Ein großer Teil dieser Fläche ist öffentlich und wird auf vielfältige Art genutzt. Letztlich geht es immer um die Frage „Wie wollen wir miteinander leben?“. Und diese wird in Hamburg immer wieder kontrovers diskutiert. Dazu überlegen sich Menschen auch kreative Strategien, um den Raum um sie herum nach ihren Wünschen zu gestalten.
Ein kleiner Rundgang durch die Stadt soll Einblicke geben in Nischen und Freiräume, gewagte Konzepte, kluge Ideen und umkämpfte Orte. Schöne Aussichten? Das liegt ganz im Auge des Betrachters.

Große Pläne und charmante Nischen in Wilhelmsburg

Mit seinem Film „Soulkitchen“ aus dem Jahr 2009 lieferte Filmemacher Fatih Akin einen Beitrag zur Gentrifizierungsdebatte in Hamburg. Dreh- und Angelpunkt ist eine alte Fabrikhalle in Wilhelmsburg. Bis weit über die Grenzen der Stadt hinaus wurde sie als Symbol eines Hamburg bekannt, in dem sich Menschen kreativ Orte zu eigen machen. Heute ist der nahe gelegene Veringkanal offiziell als „Kulturkanal“ ausgerufen. Trotzdem stoßen Kulturschaffende dort auf Widerstände.

Die kleine Fabrikhalle aus Fatih Akins Film wurde drei Jahre lang von Künstlern genutzt, mittlerweile wurde das marode Gelände von der Stadt gesperrt. Die Stadtkultur­initiative Hafen e. V. möchte dort „Soulvillage“ errichten. Stadtplaner, Umweltwissenschaftler, Mediendesigner, Musiker und Betriebswirte wollen einen urbanen Garten, Kunst- und Experimentierräume und Konzertstätten errichten. Die Soulkitchenhalle soll Herz des „Dorfes“ sein. Doch auch einige benachbarte Gewerbebetriebe verhandeln mit der Stadt. Inzwischen sprießen auf dem Gelände Gräser, Büsche und junge Bäume. Die Natur wächst, wo sie will, ganz gleich, ob die Menschen sich einigen können.
Keine 200 Meter von der Soulkitchenhalle entfernt wächst und gedeiht mitten in der Natur ein von Menschen gemachter Mikrokosmos. In einer Ecke des Uferparks befindet sich das Kunstprojekt „Stadtmodell – zusammenwachsen“ von Kathrin Milan. Seit Jahren beobachtet Milan auf Reisen quer durch das Land, wie Menschen sich Räume gemeinsam zu eigen machen. Ihr Projekt in Wilhelmsburg, das zuerst temporär angelegt war, ist mittlerweile durch eine Sondernutzungsvereinbarung mit dem Grünflächenamt abgesichert.

Eine kleine Stadt aus bunt bemalten Steinen, fröhlich, verspielt und dennoch klug konzipiert, erstreckt sich auf der Wiese vor einem kleinen Areal. Hinter einem verwitterten Zaun aus Holz und Draht befinden sich Stadtbauwerkstatt, Gemeinschaftsgarten und Abenteuerspielplatz. „Hier kommen Leute aus allen Teilen der Bevölkerung zusammen“, erzählt Milan. Sie möchte „Heimat bauen“, ein friedliches, interkulturelles Miteinander schaffen. In gewisser Weise ist das „Stadtmodell“ auch eine kritische Antwort der Künstlerin auf die IBA. Was da an Bürgerbeteiligung stattgefunden habe, seien größtenteils „Showveranstaltungen“ gewesen.
An ihrem maßstabsgetreuen Modell von Wilhelmsburg kann hingegen jeder mitbauen. Es gibt genug Ytong-Steine für alle.

Erkämpfte Freiräume im Münzviertel

Wo gibt es in Hamburg vor Wind und Wetter geschützte Räume, in denen man sich ohne Gegenleistung aufhalten darf? Diese Frage stellen sich Miriam, Selina und Lisa, drei Studentinnen der HafenCity Universität im Rahmen ihres Studiengangs „Kultur der Metropole“. Seit etwa einem Vierteljahr suchen sie jede Woche in Hamburg einen Ort auf, wie die Zentralbibliothek am Hühnerposten oder die Europa-Passage, und breiten dort eine Decke aus. Während sie nichts weiter tun, als einfach nur zu sitzen, erleben sie unterschiedliche Reaktionen von Menschen. „Freiräume sind wichtig, damit ohne Konsum- oder Produktionszwang neue Dinge und Verbindungen entstehen können“, erklärt Miriam.

Deswegen sei es wichtig, über Freiräume zu erzählen und sie nicht als „Geheimwissen“ zu behandeln. In einem frei zugänglichen Lexikon, das bald auch über die Homepage aufgerufen werden kann, wird jeder Freiraum in einem Eintrag beschrieben, mit Anreise, Nutzungsmöglichkeiten und weiteren Anmerkungen, die auch über Einschränkungen informieren.

Im Münzviertel, nahe dem Hauptbahnhof, müssen Freiräume erobert werden. Dort ist wenig Platz. Wie eine von Verkehr umschlossene Insel liegt das kleine Quartier zwischen St. Georg und der HafenCity, am östlichen Rand von Hamburgs Innenstadt. Für die ca. 1.000 Bewohner gilt es, den wenigen Raum optimal zu nutzen. So wurde aus einer ehemaligen, leer stehenden Hörbehindertenschule das KoZe (Kollektives Zentrum).

Alles begann mit einer Hausbesetzung. Mittlerweile gibt es einen Mietvertrag mit der Stadt zur Zwischennutzung. Inzwischen ist das Gebäude in den Besitz eines privaten Investors übergegangen. Dass das Gebäude abgerissen wird, sei beschlossene Sache, erzählen Ines* und Hennig* (Namen wurden geändert), beide KoZe-Aktivisten. Bis dahin werde der Vertrag monatlich verlängert. Ines findet das schade, sie lebt im Münzviertel und beobachtet das, was dort passiert, mit Besorgnis. Erst kürzlich wurde das Winternotquartier in der Nachbarschaft abgerissen, es entstehen Hotels und andere kommerzielle Nutzbauten.

Das Münzviertel ist klein, trotzdem ist es „das vielleicht am besten vernetzte Viertel, das ich kenne“, sagt Ines. Das KoZe fungiert hier als echter Multiplikator nachbarschaftlicher Aktivitäten, man kenne sich und sei in einem fruchtbaren Austausch.

Für die Studentinnen vom Freiraumlabor ist das KoZe ein echter Glücksfall. Sie treffen sich hier jeden Sonntag zu Besprechungen. Kostenfrei und ohne Erklärungszwang. Das KoZe ist ein echter „Freiraum“, wenn auch leider ein zeitlich begrenzter.

Guerillagärtner und begrünte Bunker

Der Löwenzahn ist mit seinen Schirmchensamen der Pirat unter den Pflanzen. Er schert sich nicht um Zäune oder um gepflegte Beete, er blüht einfach, wo er Platz findet. Manche Stadtbewohner machen sich das Prinzip zu eigen, werfen Seedbombs oder bepflanzen Verkehrsinseln. Wieder andere gehen ins „Gartendeck“. Der temporäre Garten befindet sich seit 2011 auf dem Dach der Parkgarage zwischen St.-Pauli-Druckerei und dem Indra. Auf einer Gesamtfläche von 1.500 Quadratmetern gibt es rund 650 Bäckerkisten, einen Container, zwölf Schaufeln, zwei Schubkarren, 172 verschiedene Pflanzensorten, drei Bienenvölker, vier Komposthaufen und eine Wurmkiste. Donnerstags und am Wochenende steht der Garten offen, den die Steg jeweils für ein Jahr aufs Neue zur Verfügung stellt. Wer möchte, kann dabei sein, in der Erde wühlen, Sonne tanken, einen Yogakurs besuchen oder seine Nachbarn kennenlernen.

Einige der Gartendecknutzer verstehen sich auch als Aktivisten mit Spaten und Gießkanne. Sie unterstützen, ebenso wie das KoZe, aktiv die Kampagne „Solidarische Raumnahme“. Gemeinsam mit vielen anderen selbst­organisierten Stadtteilzentren, Nachbarschaftstreffs, soziokulturellen Einrichtungen, Wagenplätzen, kollektiven Gärten und Wohnprojekten treten sie seit 2014 mit gemeinsamen Aktionen für mietfreie und kostenlose Raumnutzung ein. Wie ein bestimmtes ehrgeiziges Projekt den Interessen der „Solidarischen Raumnahme“ entsprechen wird, ist noch offen. Auf dem Dach des Bunkers an der Feldstraße soll ein Park entstehen, der für alle kostenlos nutzbar sein soll, auch für Urban-Gardening-Projekte soll es Flächen geben.

Trotz der Ankündigung des Eigentümers, die Interessen der Anwohner zu berücksichtigen, stellt sich die Frage, ob die Bürger tatsächlich am Entscheidungsprozess beteiligt werden. Und wie wird sich die Bunkerbegrünung auf ähnliche Formate wie das Gartendeck auswirken? Nur die Löwenzahnsamen werden sich bestimmt auch dort niederlassen – falls sie hoch genug fliegen.

Diskussionen um Kunst- und Denkmalschutz

Nicht immer wird ein Künstler so geliebt wie der im letzten Jahr verstorbene OZ, der noch heute an unwirtlichen Ecken der Stadt immer wieder unvermutet ein Lächeln verschenkt. Wie steht es aber mit Kunstwerken, die ihre Bedeutung überdauert und ihre Wirkung verloren zu haben scheinen, die vielleicht geradezu verhasst sind? Das Projekt „Stadtkuratorin Hamburg“ beschäftigt sich genau damit. „Wir wollen öffentliche Kunst kritisch hinterfragen“, so Margaretha Kühneweg, die eine momentane Ausstellung der Initiative im Kunsthaus Hamburg aktiv mitgestaltet hat. Die Ausstellung „Passagen“ thematisiert 35 Jahre Kunst im öffentlichen Raum in Hamburg und ordnet diese auch im internationalen Kontext ein.

Kunst, die im öffentlichen Raum stattfindet, habe immer die Aufgabe, ihr Umfeld zu reflektieren, findet Kühneweg. „Es gab mal diese sozialdemokratische Erwartungshaltung an Kunst, dass sie allen, die ihr vor Ort begegnen, gefällt. Ich denke, tatsächlich ist das nicht zu schaffen.“

Ein Paradebeispiel dafür ist die Skulptur, die im Jahr 1936 hinter dem Dammtor-Bahnhof von Richard Kuöhl erbaut wurde. Wegen seiner kriegsverherrlichenden Inschrift und Einbettung in die Propaganda des Nationalsozialismus sollte sie als Mahnmal weiter bestehen bleiben – mit einem kritischen, zeitgenössischen Kommentar: Der Wiener Künstler Alfred Hrdlicka schuf als Gegenüber eine weitere Skulptur, die den Schrecken des Krieges anprangert. Dennoch gibt es immer wieder Farbbeutelattacken auf Kuöhls Werk. Man könnte diese als weitere Stimmen im künstlerischen Diskurs deuten. Jene, die die Skulptur jedoch an erster Stelle als Gefallenendenkmal betrachten, empfinden sie als Respektlosigkeit.

Heftig gestritten wird aktuell um vier Hochhäuser nahe dem Hamburger Hauptbahnhof. Der „City-Hof“ ist alles andere als ein hübsches Vorzeigedenkmal für die Stadt: Grau, klotzig und nicht besonders einladend schieben sich die Nachkriegsbauten ins Stadtbild. Seit Langem ein Abrisskandidat, wurde er 2013 dank eines neuen Gesetzes trotzdem unter Denkmalschutz gestellt. Nun wird das Grundstück verkauft, den Investoren bleibt überlassen, ob sie ein Gebot für eine denkmalgerechte Sanierung oder einen Neubau abgeben. Rechtlich ist das möglich, einige Bürger werfen der Stadt dennoch vor, sich als Eigentümerin unangemessen zu verhalten. Ein Objekt, das unter Denkmalschutz steht, hat einen immateriellen Wert für die Gesellschaft, unabhängig von der Eigentumsfrage und muss für die Allgemeinheit bewahrt werden. Für die Initiative City-Hof, die seit Oktober besteht, ist der Konflikt rund um die Gebäude ein politischer. Indem die Wirtschaftlichkeit eines Neubaus als wichtiger erachtet wird als das Bewahren eines denkmalgeschützten Gebäudes, fühlen sie sich als Bürger übergangen. Die Aussichten sind schlecht, die Weichen stehen auf Abriss. Die Initiative kämpft trotzdem weiter.

 

KONTAKTE

Soulvillage
www.soulvillage.de

Stadtmodell – zusammenwachsen
www.kunstnomadin.de

Kollektives Zentrum KoZe
@kozeHH

Gartendeck
Große Freiheit 62-68, 22767 Hamburg,
www.gartendeck.de

Solidarische Raumnahme
www.raumnahme.de

Stadtkuratorin Hamburg
Hafenstraße 96,
 20359 Hamburg,
T: 040.36163045
www.stadtkuratorin-hamburg.de

Initiative City-Hof
www.city-hof.org

 

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