Achtung, Nachbarn

Flüchtlingsalltag in Hamburg

Im letzten Sommer kam die Syrerin Riham Basali mit ihrem Mann Amgad Alghabra nach einer langen Odyssee durch verschiedene Länder nach Hamburg. Doch was ist das jetzt für ein Leben, das sie hier führen? Die ACHT hat sie in ihrem Alltag begleitet.

Text: Marga Lang
Fotografie: Julia Knop

 

Bevor sich Riham Basali mit ihrem Mann Amgad Alghabra auf den Weg gemacht hat, aßen sie noch etwas zu Mittag: „Joghurt, Eier und زيتون, aber wie heißt das bloß auf Deutsch?“ Vor sieben Monaten kamen sie aus Syrien nach Hamburg. Nun sitzen sie in der U2 und überlegen. Eine junge Frau, weiße Wollmütze, dunkel geschminkte Augen, hat auf dem Vierersitz nebenan Platz genommen und dreht sich rüber: „Oliven – sie haben Oliven gegessen“, sagt sie. „Ich spreche auch Arabisch, vielleicht kann ich helfen.“

Riham Basali, 27 Jahre alt, wäre bereit, auf Deutsch loszulegen. Doch irgendwer ist da immer, mit dem es noch einfacher geht. Auch in der Flüchtlingsunterkunft Schnackenburgallee, wo sie seit vielen Monaten lebt, spricht sie arabisch. Mit Deutschen hat sie hier, an diesem unmöglichen Ort mitten im Industriegebiet, direkt an der A7, nichts zu tun. Selbst als sie und Alghabra zwei Mal bei Hamburger Familien zum Abendessen eingeladen waren, bei einem sogenannten „Welcome Dinner“, haben sie immer nur englisch gesprochen. Dabei ist Basalis Englisch gar nicht so gut. Im Sommer lernte die junge Syrerin in nur drei Tagen das Fahrradfahren. Doch mit der Sprache ist das nun mal nicht so leicht.

„Schöne Abende waren das“, sagt Alghabra. Noch wenn er heute davon spricht, merkt man, dass ihn die Essen bei den Hamburger Familien beeindruckt haben. Er zieht sein Smartphone aus der Hosentasche und will unbedingt die Fotos zeigen, die davon auf einer Facebookseite hochgeladen wurden. Auf diesen Fotos sind sie mittendrin in einer Gesellschaft, in der sie bislang unsichtbar sind. Zeigen kann er die Bilder nicht, die Internetverbindung ist hier, an der Bushaltestelle neben der Autobahn am Rande der Stadt, zu schlecht.

Riham Basali kramt in ihrer Tasche. Sie trägt enge Jeans, ein blumengemustertes Kopftuch und hat ihre Augenbrauen nachgezogen. Aus dem Portemonnaie holt sie ein HVV-Ticket hervor. Seit sie und ihr Mann das haben, sind sie immerhin mobil. Basali und Alghabra haben Fahrräder, aber jetzt im Winter nehmen sie lieber Bus und Bahn. Auf Basalis Ticket steht, dass es vom 1. Februar bis zum 30. April gültig ist. Seit Februar müssen Flüchtlinge in Hamburg eine verbindliche HVV-Monatskarte kaufen. Die offizielle Begründung des Senats ist, dass Ausgabe und Abrechnung von Einzeltickets für Flüchtlinge bürokratisch zu aufwendig waren. Außerdem hätten Kontrolleure zu oft Flüchtlinge ohne gültigen Fahrschein erwischt. Basali und Alghabra haben Glück, dass sie das Ticket immerhin gebrauchen können, wenn sie zum Deutschkurs an der Messehalle fahren.

Drei Mal ist Riham Basali ohne Alghabra zum Kurs gefahren, weil er krank war. Ansonsten ist sie selten allein unterwegs. Es ist zehn Jahre her, dass die beiden in der syrischen Hauptstadt Damaskus heirateten. Wenn da nicht der Kurs wäre, an dem Basali und Alghabra drei Mal die Woche teilnehmen, würden sie das Geld für das Ticket umsonst ausgeben.

Auch an diesem Montag machen sie sich wieder zusammen auf den Weg, um im Kurs Deutsch zu lernen. Der Bus fährt von der Schnackenburgallee in der Mittagszeit nur einmal die Stunde. Auf dem Haltestellenschild steht „BAB Auffahrt Volkspark“. Ein paar Meter weiter über der Mülldeponie fliegen Möwen im Kreis. Es ist minus 5 Grad und Basali ist kalt. „Auch in Damaskus gibt es Tage, an denen es so kalt ist“, sagt Alghabra. Aber das sei dann nur ein Tag und danach werde es wieder wärmer.

Es ist der 13. Juli 2015, als Basali und Alghabra nach ihrer 20-tägigen Fluchtroute über den Libanon, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich in Hamburg ankommen. Seitdem sind sie hier, in Hamburgs größter Erstaufnahmeeinrichtung, untergebracht, die wegen gravierender Missstände in dieser Zeit immer wieder in den Schlagzeilen war.
Basali und Alghabra gingen hier viele Tage, Wochen und Monate verloren. Eine Zeit, in der sie erst in einem der Zelte ausharren mussten. Nach ein paar Monaten konnten sie in einen Container umziehen, wo sie bis heute wohnen. Eigentlich hätten sie schon längst eine richtige Bleibe bekommen sollen. Doch im Herbst wurde mit der Verschärfung des Asylrechts die zulässige Höchstaufenthaltsdauer in einer Erstaufnahmeeinrichtung von drei auf sechs Monate verlängert. Auch diese Frist ist nun bereits ein paar Wochen abgelaufen, Basali und Alghabra warten täglich auf eine Nachricht. „Transit“ ist für sie zu einem magischen Wort geworden. Man versteht es in vielen Sprachen. Sie hoffen, möglichst bald in einem richtigen Haus wohnen zu können, nicht wieder in einem Container, wo sie sich das Bad mit anderen teilen müssen.

Der Weg zum VHS-Deutschkurs im Karolinenviertel bei den Messehallen geht über Stellingen und den Tierpark Hagenbeck. Obwohl Riham Basali und Amgad Alghabra hier mehrmals die Woche vorbeifahren, haben sie den Zoo noch nie besucht. Der Eintrittspreis ist für sie mit 20 Euro pro Person einfach zu hoch. Ermäßigungen gibt es keine. „Später, wenn ich Nachricht vom Jobcenter bekomme, will ich mit Basali hingehen“, sagt Amgad Alghabra, „aber ohne Arbeit und mit den 101 Euro, die uns im Monat zum Leben bleiben, ist das nicht drin.“ Weil es so wenig Geld ist, rechnet Alghabra auf den Euro genau: „Pro Person stehen uns 131 Euro zum Leben zu, für Ledige sind es 145 Euro – davon müssen wir aber 29 Euro für die Monatskarte ausgeben.“

Im Kurs packen Basali und Alghabra ihre Deutschbücher aus. Sie sitzen neben anderen Syrern, untereinander ist die Verständigung auch hier kein Problem. Um wieder ins Deutsche reinzukommen, sollen am Anfang alle der Reihe nach etwas sagen. Jeder stellt seinen Nachbarn vor. Als Basali an der Reihe ist, überlegt sie kurz und sagt dann fehlerfrei: „Das ist Amgad, mein Mann, wir sind seit zehn Jahren verheiratet, er ist 31 Jahre alt, kommt aus Syrien und hat keine Kinder.“

Die Deutschlehrerin Julia Freienberg, strubbelige kurze Haare, grauer Kapuzenpullover, geht an die Tafel und schreibt „aufstehen“. Letzte Woche haben sie Modalverben gelernt: dürfen, können, mögen, müssen, sollen und wollen – und den Imperativ. „Den hört man im Deutschen oft falsch“, sagt Freienberg. „Es heißt: Mach das Fenster zu, nicht mache.“

Nur ein paar Tage später sterben bei Terroranschlägen in Damaskus und Homs wieder 184 Menschen. Die Hoffnung, dass der Bürgerkrieg irgendwann vorbei sein könnte, hat Basali aber noch nicht verloren.

Am liebsten würde sie zurück nach Damaskus gehen. Aber bis zu einer möglichen Rückkehr will Basali Deutsch lernen. Das heißt für sie auch: endlich mehr mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Noch fällt ihr das schwer, aber sie ist überzeugt, es zu schaffen. Wenn es so weit ist, will sie als Friseurin arbeiten. Da kann man die Sprache gut gebrauchen.


VHS_Logo_sw
Zusammen singen, sich bewegen, tanzen, Spaß haben, ins Gespräch kommen mit Zugezogenen, Alteingesessenen, Geflüchteten, Nachbarn, Migranten, Freunden …
Jeden Donnerstagnachmittag von 15.30 bis 17.30 Uhr. Keine Kosten, keine Anmeldung. Einfach vorbeikommen. Sternschanze, VHS-Zentrum Mitte, Schanzenstraße 75.
Hamburger Volshochschule


Schreiben Sie einen Kommentar