Achtung, Nachbarn Global

Ferne Nachbarn

Hamburg hat neun Partnerstädte in aller Welt. Die ACHT begibt sich auf einen Streifzug und nimmt die metropolitanen Begegnungen genauer unter die Lupe.

Text: Heinrich Oehmsen


Das Feuerwerk ist spektakulär, die Zahl der Schaulustigen riesig:
Wenn jedes Jahr Ende Mai in Hamburg das Kirschblütenfest gefeiert wird, säumen Zehntausende von Zuschauern die Ufer auf beiden Seiten der Außenalster, um die Pyroschau zu erleben. Seit 1968 gibt es das Kirschblütenfest. Es ist der Dank der japanischen Firmen für die Gastfreundschaft, die ihnen in Hamburg zuteilwird, und ein gutes Beispiel für eine friedliche gemeinsame Feier. Verbunden ist dieses Fest mit der Wahl einer Kirschblütenprinzessin und neuerdings sogar einer Königin. Zwei Jahre lang wird die 25 Jahre alte Laura Gräwert den Titel tragen und eine Sonderbotschafterin der Hansestadt sein. Außerhalb Japans werden nur noch in Washington D. C. und in Honolulu auf Hawaii solche Königinnen gekürt. Für Politik und Wirtschaft in Hamburg ist diese Kirschblütenmajestät ein Türöffner in höchste japanische Kreise. „Der Erste Bürgermeister einer Stadt wie Hamburg oder Wirtschaftsvertreter würden nie einen Termin beim japanischen Premierminister oder bei den Chefs großer Konzerne bekommen. Doch eine Kirschblütenkönigin besitzt in Japan höchsten Stellenwert“, sagt Uwe Ram, in der Senatskanzlei Leiter der Abteilung Internationale Zusammenarbeit.

Eine der Aufgaben von Ram und seinen Mitarbeitern ist die Betreuung der neun Partnerstädte, mit denen Hamburg sich seit den 50er-Jahren verknüpft hat. Eine besondere Bindung gibt es zu Osaka, mit 2,6 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt Japans. Seit 1987 gehört die Hafenstadt zu den Partnerstädten Hamburgs. Die Partnerschaft zwischen Hamburg und Osaka ergibt Sinn, denn beide Städte sind traditionell die wichtigsten Handelszentren ihrer Länder. Das Kirschblütenfest ist Ausdruck dieser engen Verbindung. Doch auch China, und hier besonders Shanghai, hat in den vergangenen Jahren einen großen Platz in den Beziehungen zur Hansestadt eingenommen. Das hängt mit der Öffnung Chinas zum Westen zusammen, aber auch mit Shanghais Bedeutung als Hafen. „Partnerstädte werden für Hamburg immer wichtiger“, sagt Wolfgang Schmidt, Staatsrat in der Senatskanzlei. „Städte haben fast überall auf der Welt mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen. Deshalb ist es sinnvoll, sich auszutauschen und von Partnerstädten zu lernen.“

Die ersten Städtepartnerschaften schloss die Hansestadt bereits in den 50er-Jahren mit Leningrad, heute St. Petersburg, und Marseille. „Es ging damals um die Überwindung der Gräben, die durch den Zweiten Weltkrieg entstanden waren. Menschen, die sich gegenseitig kennengelernt haben, sind weniger in der Gefahr, aufeinander zu schießen“, erläutert Uwe Ram diesen historischen Beginn der Städtepartnerschaften. Auch mit Dresden ging Hamburg 1987, zwei Jahre vor der damals noch nicht abzusehenden Öffnung der Grenzen, eine Partnerschaft ein. Prag folgte 1990, in den späten 80er-Jahren hatte man bereits Kooperationen mit Shanghai, Osaka und León in Nicaragua geschlossen, die jüngsten Partnerschaften wurden mit Chicago (1994) und Daressalam in Tansania (2010) vereinbart. Als Partner wurden vor allem dynamische Metropolen gesucht, mit denen man sich auf Augenhöhe begegnen konnte und die eine ähnliche große Bedeutung wie Hamburg haben, aber keine Hauptstädte sind. Prag ist die Ausnahme.

Geld kostet die Hansestadt die Partnerschaft vergleichsweise wenig. Nur 445.000 Euro sind im aktuellen Haushalt eingestellt. Die Aufgabe von Rams Abteilung ist es nicht, Projekte und Aktionen mit viel Geld zu unterstützen, sondern Ansprechpartner für Vereine, Firmen oder Schulen zu liefern oder an die entsprechenden Fachbehörden zu verweisen. „Wir können nur mit kleineren Beiträgen unterstützen“, sagt Ram. Ein Teil seines Etats ist fest gebunden, wie zum Beispiel für die ständigen Vertretungen, die Hamburg in Shanghai, St. Petersburg und in León unterhält. Viele Aktivitäten laufen zwischen Bürgern und Organisationen der Partnerstädte, ohne dass die Staatskanzlei davon Kenntnis hat. „Jeder kann ohne Weiteres nach Marseille oder nach Dresden reisen. Da muss die Stadt nichts unterstützen“, sagt Ram. Anders sei es bei Projekten mit Shanghai und St. Petersburg: „Vieles funktioniert erst, wenn es den offiziellen Segen der Partnerschaft bekommt.“

Wie verbunden die Hamburger Bevölkerung ihren Partnerstädten ist, hat sich in der Vergangenheit immer wieder bei Katastrophen gezeigt. Als Anfang der 90er-Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Versorgungslage in Leningrad immer verheerender wurde, stellte der Senat 4,5 Millionen Mark an Soforthilfe bereit. Es gründeten sich Initiativen, die Güter zusammenstellten und per Lkw nach Russland brachten. Bis heute existiert die „Paket-Brücke“ des Arbeiter-Samariter-Bundes, die unter anderem soziale Projekte zugunsten von Straßenkindern ins Leben gerufen hat. Auch andere Städte konnten auf Hilfe der Hamburger bauen: Als in Nicaragua 1998 der Hurrikan „Mitch“ das mittelamerikanische Land verwüstete, sprangen die hiesigen Bürger mit Spenden und Hilfsaktionen genauso ein wie 1995 nach einem Erdbeben in Kobe, bei dem 6.000 Menschen den Tod fanden, oder im August 2002, als Dresdens Innenstadt überflutet wurde.

In diesem Jahr stehen die Städtepartnerschaften ganz im Zeichen des Jubiläums mit Shanghai. Vor 30 Jahren wurden Beziehungen zu der bedeutendsten chinesischen Handelsstadt geknüpft. Mit 24 Millionen Einwohnern ist Shanghai auch die bevölkerungsreichste Metropole in China. Eine offizielle Delegation wird im Sommer nach Hamburg kommen, im November läuft wieder das Festival „China Time“ mit Konzerten, Theateraufführungen, Diskussionen, Lesungen und Filmvorführungen aus dem Reich der Mitte. Anfang des Jahres gab es bereits bei den Lessingtagen ein Gastspiel des Shanghai Dramatic Arts Center. „Die Masse“, ein kritisches Stück des jungen Autors Nick Yu Rong Jun, war der Auftakt an kulturellen Veranstaltungen im Jubiläumsjahr. „Das Thalia Theater pflegt seit Jahren gute Kontakte nach China. „Wir haben dort gerade mit unserem ,Ring‘ gastiert, ,Die Masse‘ ist das aktuellste Beispiel für ein Gastspiel einer chinesischen Theatergruppe in Hamburg“, sagt Sandra Küpper, Dramaturgin am Thalia Theater.

Neben den kulturellen und persönlichen Begegnungen dienen die Städtepartnerschaften besonders dem Austausch auf Expertenebene. Im vergangenen Jahr gab es zum ersten Mal das Urban Partnership Forum, bei dem Vertreter aus Dresden, Prag, St. Petersburg und Hamburg drei Tage lang über städtische Großprojekte diskutierten. In diesem Jahr werden Gäste aus Shanghai, Osaka und Chicago erwartet. Gesprochen werden soll über Handel und Wirtschaft, die Bedeutung und die Auswirkungen für die jeweiligen Metropolen. „Miteinander reden, voneinander lernen“ ist das Credo dieser Veranstaltung, eine Formel ganz im Sinne jeder Städtepartnerschaft.

HAMBURGS FERNE NACHBARN
Die Geschichte der Hamburger Städtepartnerschaften beginnt in den 50er-Jahren: Die ersten beiden Partnerschaften mit St.Petersburg (damals noch Leningrad) 1957 und Marseille 1958 fielen in die Zeit des Kalten Krieges. Die Beziehungen zu einer sowjetischen und einer französischen Stadt hatten vor allem eine Bedeutung für die Aussöhnung. Erst in den späten 80er-Jahren schloss Hamburg die nächsten Partnerschaften. Diese folgten zwei Richtungen: zum einen „Entlang der Elbe“ – Dresden (1987) und Prag (1990), zum anderen „Hinaus in die Welt“ – Shanghai (1986), Osaka (1987), das nicaraguanische León (1989), Chicago (1994) und Daressalam in Tansania (2010).


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Alle Sprachen unserer Partnerstädte – auch Swahili – kann man an der Volkshochschule lernen.
www.vhs-hamburg.de


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